Grösse und Fall eines Imperiums à la Shakespeare

Die Royal Shakespeare Company bot diesen Sommer ein dichtes Programm an Aufführungen. Zeitnah berichtet von einer Exkursion nach Stratford-upon-Avon.

«Rom» war das Thema der diesjährigen Sommersaison der Royal Shakespeare Company. zVg

«Rom» war das Thema der diesjährigen Sommersaison der Royal Shakespeare Company. zVg

Von Daniel Lüthi

Shakespeare bleibt zeitlos. So platt diese Aussage klingen mag, sie bewahrheitet sich immer wieder aufs Neue. Die Sprache der Stücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert liest sich oft mühsam und hat so manche Schülerin und manchen Schüler zur Verzweiflung gebracht – doch sobald man die Worte auf der Bühne nicht nur gesprochen, sondern gefühlt sieht, braucht es keine Übersetzung oder Erläuterung mehr. Shakespeare wird unmittelbar, ungeschönt, unbequem.

Der vielleicht grösste Theaterbarde aller Zeiten wurde 1564 in Stratford-upon-Avon geboren, und das Städtchen in der englischen Grafschaft Warwickshire zehrt noch heute von der ungebrochenen Popularität ihres Dramatikers. Dies wird bereits bei der Ankunft im Bed and Breakfast unweit des Stadtzentrums klar: «Twelfth Night Guesthouse», «Alls Well» oder «Hamlet House» sind nur einige der Namen von Gasthäusern, welche Unterkunft bieten. Da ist «The Hollies Guesthouse», wo wir logieren, fast schon ein bisschen unauffällig.

Ein Hauch von Disneyland

Im Kern der Stadt springen die Verweise auf Shakespeare von überallher ins Auge. Ob Souvenir-Shops, Eisverkäufer, Modegeschäft oder Tea-room – alles trägt einen Titel oder eine Zeile eines Theaterstücks im Namen. Im offiziellen «Gift shop» von Shakespeares Geburtshaus explodiert die Shakespeare-Mania dann förmlich: Von Schreibfedern über Bier bis zur Badeente ist alles auf einen einzigen gemeinsamen Nenner eingestellt – William Shakespeare. Mit der Zeit hat man das leise Gefühl, in einer Art Disneyland gelandet zu sein.

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Bietet bei genauerem Hinsehen weitaus mehr als nur Shakespeare: Henley Street in Stratford-upon-Avon. zVg

Aber auf dem Programm für diese Woche steht viel mehr als blosser Foto-Tourismus. Fünf Aufführungen, sich daran anschliessende Diskussionen, Vorlesungen, Workshops… und alles dreht sich um das Grundthema, das die Royal Shakespeare Company für diesen Sommer ausgewählt hat: Rom. Dies schliesst berühmte Stücke Shakespeares wie «Julius Caesar» und «Antony and Cleopatra» mit ein, jedoch auch weniger bekannte wie «Titus Andronicus». «Salome» von Oscar Wilde und «Vice Versa» frei nach Plautus runden das Ganze über den Tellerrand hinaus ab.

Blutige Abziehbilder der Realität

Das Thema wurde bestimmt nicht zufällig gewählt: Politische Intrigen und unnahbare Demagogen sind aus dem momentanen Weltgeschehen ebenso wenig wegzudenken wie aus dem alten Rom. Eine  Produktion von «Julius Caesar», wo die Titelfigur auf einmal prekäre Ähnlichkeit mit einem gewissen amerikanischen Präsidenten hatte, sorgte kürzlich für Furore in den Medien. Auch im Royal Shakespeare Theatre gibt sich Julius Cäsar als selbsterkorener Retter Roms, wandelt arrogant zwischen den Senatoren umher und erteilt ebenso gelangweilt wie eisern Befehle. Würde man das Ende nicht bereits kennen – es wäre absehbar.

Während die Produktion von «Julius Caesar» auf kühle Politikanalyse in Togas und Säulenkulissen setzt, so bricht «Titus Andronicus» wie so oft mit Traditionen. Das vielleicht finsterste, auf jeden Fall aber blutigste Stück Shakespeares ist hier ein grelles und brutales Abziehbild der Realität. Angesiedelt in einem fiktiven Römischen Reich des 21. Jahrhunderts sind die Parallelen zu zeitgenössischen Themen nur allzu deutlich. Echos von Guantanamo, Neo-Faschismus, Campus-Vergewaltigungen und willkürlichen Morden gehen Hand in Hand mit bitterbösem Galgenhumor. Selfies bei der Exekution oder ein stets präsentes Filmteam sprechen für sich selbst.

Die Gegenwartsbezüge in «Titus Andronicus» sind unverkennbar. zVg

Militarismus, unfähige Politiker, Intrigen: die Gegenwartsbezüge in «Titus Andronicus» sind unverkennbar. zVg

Am Ende jedoch ist es etwas jenseits der Sprache, was Shakespeare so zeitlos und (frei nach Ben Johnson) für jede Zeit aktuell macht. Es sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, welche die trockensten Zeilen in emotionale Höhepunkte verwandeln können. Es ist das eingangs erwähnte Gefühl, dass das Bühnengeschehen mehr als nur Schall und Rauch darstellt. In seinen besten Momenten versucht Shakespeare nicht, uns blind zu moralisieren oder auf eine bestimmte Seite zu ziehen, sondern überlässt uns häufig selbst die Entscheidung, mit wem wir sympathisieren und wen wir verabscheuen.

Ob mit oder ohne Aufführungen: Stratford-upon-Avon ist einen Besuch wert. Das Städtchen ist von London-Heathrow aus per Bus oder Auto innerhalb von etwa vier Stunden gut erreichbar und bietet nebst Shakespeare auch zahlreiche schöne Restaurants und Pubs, Gärten und Parks.

Mehr Informationen zur Stadt: http://stratford-upon-avon.co.uk

Mehr Informationen zur RSC: https://www.rsc.org.uk

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