Der Bruch der Realitäten – «Our House» im Englischen Seminar

Die Basler Theatergruppe «The Gay Beggars» geht in ihrem neuesten Stück multimedial vor: «Zeitnah» berichtet von einer der Hauptproben von «Our House».

Der Bildschirm starrt zurück: «Our House» bringt Realität unangenehm nahe. zVg

Von Daniel Lüthi

Als kurz nach der letzten Jahrtausendwende der grosse Boom von Reality-TV begann und Shows wie «Big Brother», «American Idol» oder «Survivor» für Furore sorgten, stellte sich rasch die Frage: Ist dies real? Kritische Stimmen sprachen von Simplifizierung – was über den Bildschirm lief, sei bloss ein geskripteter Abklatsch des wirklichen Lebens. Doch die Einschaltquoten waren ebenso sensationell wie die Skandale und Dramen. Ganz egal, ob diese nun echt oder Teil der jeweiligen Sendung waren.

Fast zwanzig Jahre später hat sich die Medienlandschaft grundlegend verändert. Längst hat das Reality-TV andere Bereiche der Unterhaltung erobert, welche früher klar dagegen abgegrenzt waren: Kochen, Zoo-Dokumentationen, Spielshows – die Kamera scheint auf einmal viel näher, viel konkreter am Geschehen zu sein. Auch Nachrichtensendungen konnten sich der Lust an der Sensation nicht entziehen. Wenn Helikopter einen Flüchtigen per Live-Übertragung verfolgen oder wir Cops bei der Hausdurchsuchung über die Schulter blicken dürfen, ist dies viel spannender – und realer? – als eine blosse Meldung in den Abendnachrichten.

Realität und Reality

Hier setzt die neue Produktion der Theatergruppe «The Gay Beggars» an. In «Our House», einem Stück der amerikanischen Autorin Theresa Rebeck, wird die Jagd nach der Quote bitterbös thematisiert: Die Reporterin Jennifer Ramirez ist auf dem aufsteigenden Ast. Neben ihrer erfolgreichen Arbeit als Nachrichtensprecherin wird sie nun auch die neue Moderatorin der populären Reality-Show Our House. Gleichzeitig folgen wir auch dem Leben einer Vierer-WG im Mittleren Westen, wo der Fernseher nie ausgeschaltet wird. Als sich die Ereignisse zuspitzen, brechen die Grenzen zwischen Realität und Reality langsam auseinander…

Der Theaterkeller des Englischen Seminars der Uni Basel wurde für «Our House» in eine multimediale Landschaft umgewandelt. Nebst Fernseher, Tablets und Handys wird auch von einer Kamera Gebrauch gemacht. Ohne aufgesetzt oder gar hektisch zu wirken, verleiht dieses Requisit dem Stück eine zusätzliche Dimension: Auf einmal erleben die Zuschauenden das Geschehen zweimal – einerseits auf der Bühne, andererseits per Live-Übertragung auf dem Bildschirm. Es stellt sich der ebenso ironische wie geniale Effekt ein, dass das Publikum zwischen Schauspielenden und Fernseher hin- und herguckt. Bühnenrealität wird zur Nachricht, realer als das Leben selbst, könnte man meinen.

Der vergessene Sinn

Doch der Kern von «Our House» steckt hinter der ausgelichteten Oberfläche von Newsflashs und Sensationsberichten. Die eingangs gestellte Frage nach der Realität von Fernsehen steht im Schatten einer viel grösseren Thematik: Was ist der eigentliche Sinn von Nachrichten? Und was geschieht, wenn diese unnötig ausgeschmückt und mit Reality versehen werden? Die Antwort darauf ist im Zeitalter von Fake News und privat finanzierten Politsendern glasklar.

Bei aller kreativen Freiheit ist die Satire von «Our House» daher sehr nahe an unserer Realität. Zu nahe, vielleicht. Aber gerade wegen dieser unbequemen Vertrautheit ist das neue Stück der «Gay Beggars» so sehenswert. Irgendwo, auf irgendeinem Fernsehkanal könnte die Fiktion bereits Realität geworden sein.

 

«Our House» von Theresa Rebeck
Aufführungen am 4., 5., 8., 10., 11., 13., 14., 17. und 18. November
Beginn: 19:30 Uhr (17:00 am 5. November)
Preis: CHF 20.- regulär, CHF 15.- für Studenten/AHV/IV
Reservationen unter http://www.gaybeggars.ch/tickets

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