Bruder Klaus auf Abwegen

Ein Roadtrip im Mittelalter: Adam Schwarz‘ Debütroman «Das Fleisch der Welt» nimmt den Schweizer Nationalheiligen (zum Glück) nicht allzu ernst und macht aus dem Asketen einen von höheren Mächten geleiteten Wanderer.

Blutig und voller Selbstironie: Adam Schwarz‘ Erstling schickt Bruder Klaus auf eine weitläufige Irrfahrt. zVg

Von Daniel Lüthi

Das Bruder-Klaus-Jahr 2017 warf einige Wellen in der Schweizer Medienlandschaft, ohne für wirkliche Aufreger zu sorgen. Links und rechts würdigten den eidgenössischen Heiligen auf ihre Art und Weise, doch die Mehrheit der säkularen Bevölkerung nahm das Jubiläum kommentarlos (oder überhaupt nicht) zur Kenntnis.

Diese feierliche Ruhe um den 600. Geburtstag von Niklaus von Flüe (1417-1487) spiegelte damit ironischerweise das eigentliche Leben des Mystikers wider: Bruder Klaus suchte die Stille des Gebets, die Einkehr in sich selbst, um Gott möglichst nahe zu sein. Verglichen mit anderen Heiliggesprochenen blieben grössere Wunder oder Sensationen weitestgehend aus – die Askese war Alltag und wichtigstes Gebot.

Ironische Irrfahrten

In der Weltgeschichte bleibt Bruder Klaus somit eher unspektakulär; er war weder ein Martin Luther noch ein skandalöser Renaissance-Papst. Typisch schweizerisch neutral, könnte man sagen. Doch was historisch belegt ist, muss literarisch zum Glück nicht eisern befolgt werden: In seinem Erstlingsroman «Das Fleisch der Welt» traut sich der Autor Adam Schwarz, über den Schweizer Gartenzaun hinaus zu blicken und den Heiligen aus Flüe auf eine lange, niemals wirklich stattgefundene Reise zu schicken.

Eins gleich vorweg: Der Roman verliert nie das ironische Augenzwinkern, mit dem die Binnenerzählung und der anschliessende Bericht über die Pilgerreise beginnen. Während SchriftstellerInnen wie Umberto Eco oder Diana Gabaldon weit ausholen und versuchen, fiktive Geschichte so detailliert wie möglich zu schildern, setzt Adam Schwarz voraus, dass dem Lesepublikum nicht immer alles plausibel erklärt werden muss. Für einen spätmittelalterlichen Roadtrip quer durch Europa macht diese Verknappung durchaus Sinn.

Der rote Erzählfaden

Gerade dadurch bleiben jedoch manche Charaktere leider eher blass – mehr Beschreibung hätte Figuren wie beispielsweise Mönch Ulrich noch interessanter gemacht. Auch die Dialoge dienen öfters nur der Handlung und scheinen nicht wirklich Teil eines Zwiegesprächs zu sein. Bruder Klaus vertraut während seiner Reise stets auf die leitende Hand des (immer in Grosslettern geschriebenen) HERRGOTTS – doch schlussendlich ist es der rote Erzählfaden des Autors, der etwas zu deutlich erkennbar ist.

Nichtsdestotrotz es macht Spass, den Um- und Abwegen der Pilgerer auf ihrer Route über Basel und Strassburg, durch Frankreich und bis zur Atlantikküste zu folgen. Gegen Ende wird das Schreibtempo dann fast atemlos: die Irrfahrt auf dem Meer ist ebenso rasch wie zufällig vorüber, und die Eskapaden auf der anderen Seite der Welt sind viel stärker von Wahn als von göttlicher Eingebung geprägt – Werner Herzogs «Aguirre, der Zorn Gottes» lässt grüssen. Und der rote Erzählfaden erinnert ebenso an den blood-and-gore-Humor eines Quentin Tarantino: Nicht nur Fleisch, auch das Blut und zahlreiche weitere Körperlichkeiten bilden einen festen Part der Reise.

Die grösste Stärke von Adam Schwarz’ Debütroman ist die ungezwungene Fabulierlust in der Tradition von barocken Schelmenromanen. «Das Fleisch der Welt» vollbringt das Kunststück, ein verschmitztes Grinsen über die ganze Erzählung hinweg aufrechtzuerhalten, ohne dass es aufgesetzt wirken würde. Der historische Bruder Klaus mag sein Leben in stiller Einkehr verbracht haben – doch die hier vorliegende Version eines Gottsuchers jenseits der Schweizer Gartenzäune ist eine ebenso lohnens- wie lesenswerte Alternative.

Adam Schwarz
«Das Fleisch der Welt
Oder die Entdeckung Amerikas durch Niklaus von Flüe»
Erschienen im Zytglogge Verlag, 2017
267 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
sFr. 32.- / € 32.-
ISBN: 978-3-7296-0957-0