Sehnsucht nach einem anderen Leben – Léa Pools «Et au pire, on se mariera»

Aïcha hats nicht leicht. Als kleines Mädchen wurde sie vom Partner ihrer Mutter missbraucht, einem arbeitsscheuen Loser. Einige Jahre später ist Hakim zwar weg, aber sie interessiert sich immer noch für einen viel älteren Mann, den fast doppelt so alten Baz…

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Aïcha (Sophie Nélisse) wurde als kleines Mädchen von Hakim (Mehdi Djaâdi), dem damaligen Partner ihrer Mutter, missbraucht. Erwachsen ist sie aber auch einige Jahre später natürlich noch nicht. Sie interessiert sich für den Künstler Baz (Jean-Simon Leduc), der im Quartier lebt – dieser ist aber fast doppelt so alt wie sie. Und Aïcha ist mir 14 Jahren natürlich immer noch minderjährig. Baz ist an sich sehr vernünftig, da er weiss, dass eine Beziehung zwischen den zwei ausgeschlossen ist – auch, weil sie nicht legal wäre und er mit gravierenden Konsequenzen rechnen müsste. Doch Aïcha lässt nicht locker…

Aîcha (Sophie Nélisse) mit ihrem geliebten Baz (Jean-Simon Leduc). (Bild: zVg)

Léa Pools neuer Film ist ein zwar stilistisch vielleicht allzu konventioneller, aber sehr einfühlsamer Film über das Leben eines Mädchens zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, zwischen Traumata und grossen Hoffnungen auf ein anderes, irgendwie wohl normales Leben. Doch gerade darin liegt die Tragik von Aïchas Leben: sie hat keine Hobbys, interessiert sich eigentlich nur für eine Beziehung mit einem Mann und dafür würde sie auch alles aufgeben. Eigentlich ist sie in einem Alter, in dem noch alles offen sein sollte, schliesslich muss sie sich ja noch nicht für eine bestimmte Ausbildung entscheiden. Sie träumt hingegen davon, «pute» nur eines einzigen Mannes zu sein – ihre eigenen Worte sind entlarvend. Sie redet nicht etwa vom Berufsziel Hausfrau, sondern eben wirklich vom Traum, «pute» eines einzigen, sie liebenden Mannes zu sein…

Auch wenn der Film zumindest streckenweise vielleicht etwas altbacken daherkommt: Léa Pool erzählt ihren Stoff spannend, wobei die nichtlineare Erzählweise sowie die zumindest streckenweise unzuverlässige Erzählerin (Aïcha selbst) in eine ganz andere Richtung deutet. Vielleicht ist es sogar geradezu genialisch, dass Léa Pool hier eigentlich ganz andere Erwartungen weckt. Dazu passt auch, dass der Titel auch eigentlich völlig unpassend ist – er entspringt vielleicht nur Aïchas Fantasie. Kurz und gut: Ein starker neuer Film der kanadisch-schweizerischen Regisseurin, die schon seit vielen Jahren immer wieder sehenswerte Werke vorlegt (erinnert sei an dieser Stelle auch an die Retrospektive im Stadtkino Basel!) und den Schreibenden dieser Zeilen auch schon seit vielen Jahren begleitet…

«Et au pire, on se mariera». Kanada/CH 2017. Regie: Léa Pool. Mit Sophie Nélisse, Jean-Simon Leduc, Mehdi Djaâdi, Karine Vanasse u.a. Deutschschweizer Kinostart am 22. März 2018.