Das schwierige Glück in der Ferne

Therese Bichsels neuer Roman «Überleben am Red River» dokumentiert eindrücklich den Schweizer Exodus nach Kanada im frühen 19. Jahrhundert.

Frauen stehen bei der Auswanderung nicht im Mittelpunkt, bilden aber dennoch das Zentrum von Therese Bichsels neuem Roman. zVg

Von Daniel Lüthi

Es ist heutzutage einfach, von einem Ende der Welt zum anderen zu kommen – nicht nur angesichts günstiger Flugpreise und guter Verbindungen. Erst, wenn die Feriendestination zur neuen Heimat werden soll, wird die Sache komplizierter. Berichte über Auswanderer sind häufig gerade wegen ihrem Konfliktpotenzial beliebt: Wie können zwei Kulturen nebeneinander existieren? Egal, ob Fernsehserie oder historisches Dokument – die Grundfrage bleibt dieselbe.

Bei den Stichwörtern «Schweiz», «Auswanderung» und «19. Jahrhundert» erinnern sich die meisten wohl an Johann August Sutter und den kalifornischen Goldrausch von 1848 in Neu-Helvetien. Doch die Verheissung des Glücks in der Fremde fand auch weiter nördlich statt: 1821 wanderten zirka 170 Schweizer nach Kanada ins heutige Winnipeg aus. Ihre Reise wurde historisch dokumentiert und bildet die Grundlage von Therese Bichsels neuem Roman «Überleben am Red River».

Wie Bichsel im Vorwort zum Buch bemerkt, war die Not «gross in den Hungerjahren 1816/1817 in der Schweiz». Für Peter Rindisbacher und Samuel Scheidegger ist die Zukunft bald klar: Ihre Familien wandern aus. Von Lauperswil und Lützelflüh nach Kanada, an den hochgelobten «Red River», wo laut Broschüre das Land fruchtbar und das Leben gut ist. Der Roman legt den Fokus jedoch auf zwei andere Familienmitglieder – die damals 20-jährige Elisabeth Rindisbacher und die 10-jährige Anni Scheidegger.

Zwangsverheiratungen und gebrochene Versprechen

Hierdurch erhellt Therese Bichsels Buch eine Seite der Emigration, die im 19. Jahrhundert eher selten erwähnt wurde. Die Aufzeichnungen jener Zeit schildern das Schicksal der Familie als Ganzes oder aber der Männer, welche in ihrer Arbeit mit widrigen Umständen oder enttäuschten Hoffnungen zu kämpfen hatten. Da wir in «Überleben am Red River» aber die Überfahrt, Ankunft und Assimilation aus der Perspektive einer jungen Frau bzw. eines kleinen Mädchens sehen, ergibt sich ein neuer, äusserst interessanter Schwerpunkt im Vergleich zu anderen Geschichten.

Die Not hat im Roman viele Gesichter – Elisabeth und Anni erleben diese auf der Überfahrt zuerst quasi im Hintergrund, später jedoch (wörtlich) am eigenen Leib. Kanada ist nicht das, was die vollmundigen – im Buch zwischen den Kapiteln abgedruckten – Broschüren versprochen haben. Das Land ist fruchtbar, doch die Winter sind hart und lang, und nicht nur fehlende Sprachkenntnisse bilden eine Barriere. Die Familien Rindisbacher und Scheidegger durchlaufen eine mühsame, frustrierende Zeit; oft sind es Ureinwohner und nicht Kolonisten, welche sie mit Fleisch und Fellen versorgen.

Langfristig aber müssen andere Entscheidungen getroffen werden, und so wird Elisabeth mit Antoine Brüchler, der bereits ein Haus am German Creek hat, vermählt. Die Zwangsheirat hat praktische Gründe: Nicht nur Elisabeth, sondern die ganze Familie Rindisbacher zieht in Antoines Haus – es ist zu spät, um diesen Winter noch ein eigenes zu bauen. «Sie hat eingewilligt, weil es ihr nicht möglich ist, ihren Vater und ihre Familie im Stich zu lassen. Elisabeth hat vor dem Altar gestanden und Ja gesagt.» Von wollen kann keine Rede sein.

Peter Rindisbachers Gemälde «Cold night camp on the inhospitable shores of Lake Winnipeg» von 1821 vermittelt einen guten Eindruck der harschen Bedingungen in Kanada. zVg

Bichsel schildert diese und die weiteren Jahre von Elisabeth und Anni sachlich-klar, ohne ins Melodramatische oder allzu Spekulative zu verfallen. Der Roman erhält weitere Historizität durch Bilder des jungen Malers Peter Rindisbacher (Junior), der Reiseabschnitte und das Leben in Kanada fast schon vorfotografisch aufzeichnete. Man hätte sich mehr Einblicke in sein Werk gewünscht.

«Überleben am Red River» ist ein spannender Reiseroman, der sich nicht davor scheut, hinter die Kulissen von Auswandererberichten zu blicken und die vergessene Rolle der Frauen ans Licht zu bringen. Wer ein flammendes Plädoyer für historische Richtigstellung erwartet, wird enttäuscht – doch Therese Bichsels Buch bietet eine frische und authentische Erzählung zu einem weniger bekannten Kapitel der Schweizer Geschichte.

 

Therese Bichsel
«Überleben am Red River»
Erstausgabe 2018, geb. mit Schutzumschlag, ca. 400 Seiten
ISBN: 978-3-7296-0985-3
CHF 36.00 /EUR 36.00
Zytglogge Verlag