Dokumentarfilm und Spielfilm – sich angleichende Welten

Dokumentarfilm, alternative Fakten oder Fake News? Was die rechten Trolle können, konnte der Dokumentarfilm natürlich eigentlich schon immer. Auch der erste Dokumentarfilm, «Nanuk, der Eskimo», war von A bis Z inszeniert. Was natürlich nicht heisst, dass der Film an sich eine erfundene Handlung zeigt – aber noch heute bewegt sich der Dokumentarfilm im nicht immer einfachen Spannungsfeld von Inszenierung und Dokumentation.

Salim Shaheen ist eine Koryphäe in Afghanistan: seine Filme werden von allen geschätzt, auch wenn sie natürlich bei den Taliban verboten sind. Er selber steht ganz auf der Seite der Kultur, der Filmkultur wie auch den Buddhas in Bamiyan: diese hätten nie gesprengt werden dürfen, sagt er der Regisseurin Sonia Kronlund, die im Film selber auch als Protagonistin in Erscheinung tritt. Shaheen dreht Filme fast ohne Budget und ohne professionelle Schauspieler: es gibt Hollywood, Bollywood, Nollywood – aber in Afghanistan dreht Shaheen in Nothingwood, wie er selber sagt.

Der afghanische Regisseur Salim Shaheen im Gespräch mit seiner Regisseurin Sonia Kronlund. (Bild: zVg)

Das Dokumentarfilmschaffen ist in der Zeit von Fake News gefordert wie nie. Nach Filmen wie «Exit Through the Gift Shop» oder «Capturing the Friedmans» stellte sich die Frage: was ist los mit dem Dokfilm? Oder war der Dokfilm nicht schon immer vor allem eine Inszenierung? Diese Fragen, die heute die Medien beschäftigen (Presse/Internet/News), hat der Dokumentarfilm so schon avant la lettre reflektiert. Hat er aber auch Antworten parat auf fingierte Neuigkeiten aus der Giftküche von Trump und Konsorten? Mit «Nothingwood» legt nun die Französin einen Film vor, der sehr viel über die afghanische Gesellschaft sagt, aber am Schluss wohl doch zu sehr in den individuellen Ansichten der Regisseurin gefangen bleibt. Trotzdem ist der Film aber natürlich sehenswert – der Trend zum individuellen Blick kann dabei durchaus als symptomatisch gewertet werden.

Anders aber als die Filme von Andrew Jarzecki («Capturing the Friedmans»), Banksy («Exit through the gift shop»), Sékou («Black Tape») und Amos Angeles/Veli Silver («Style Wars 2») will aber Kronlund nicht das Genre dekonstruieren. Vielmehr zeichnet sie ein durchaus vielschichtiges Bild von Afghanistan. Was dabei aber etwas zu kurz kommt, ist Shaheens Kunst und seine wirkliche Bedeutung (sowie die Bedeutung des Films an sich) in Afghanistan. Aber dies ist wohl nicht wirklich das, was Kronlund, ihres Zeichens Journalistin, interessiert. Immerhin zeigt sie Shaheen immer wieder bei Dreharbeiten – vielleicht sogar etwas zu oft. Etwas mehr Selektion hätte dem Film wohl gutgetan – vielleicht ist es aber kein Zufall, dass Kronlund so stark auf die Inszenierung fokussiert: «All the world’s a stage / And all the men and women merely players…», um Shakespeare zu zitieren.

Zweifellos ist ein grosser Teil des dokumentarischen Filmschaffens von einem aufklärerischen Impetus beseelt – mal unaufgeregt wie bei Kronlund, mal eher populistisch wie bei Michael Moore. Rechte Kreise empfinden Moore sicherlich als Propagandafilmer, bezeichnenderweise hat es aber kein Anti-Moore aus dem Tendenzecken geschafft. Ebenso wenig hat es Scientology geschafft, mit den eigenen Projekten ein breiteres Publikum anzusprechen.

Beipflichten muss man auch Jean-Stéphane Bron, der im Stadtkino kürzlich den Ort der Modernität im Dokumentarischen verortete und auf den grossen Einfluss des Dokumentarfilms auf den Spielfilm verwies. Die Genres nähern sich immer mehr an, was ein Film wie «Una questione privata» von Paolo Taviani sehr schön zeigt: sein theatralischer, bewusst kunstvoller Duktus ist heute meilenweit von heutigen Sehgewohnheiten entfernt. Jedes Bild, jeder Ton verweist hier auf seine eigene Inszenierung. Dies ist heute so zwar in gewissen Genres auch nicht unüblich, aber dann eben eher im Kino des Fantastischen oder im Action-Film.

«Nothingwood». Frankreich/Deutschland 2017. Regie: Sonia Kronlund. Mit Salim Shaheen, Sonia Kronlund. Deutschschweizer Kinostart am 24. Mai 2018.

«Una questione privata». Frankreich/Italien 2017. Regie: Paolo Taviani. Literarische Vorlage: Beppe Fenoglio. Mit Luca Marinelli, Lorenzo Richelmy, Valentina Bellè u.a. Ab dem 16. Mai 2018 im Stadtkino Basel. Am 16. Mai ist Paolo Taviani zu Gast im Stadtkino.

«Black Tape». Deutschland 2015. Regie: Sékou Neblett. Mischung aus Dokumentarfilm und Mockumentary mit Sékou, Marcus Staiger, Falk Schacht, Steve Blame, Seffi Temur u.a. DVD erschienen bei Indigo.

«Capturing the Friedmans». USA 2003. Dokumentarfilm. Regie: Andrew Jarecki. DVD erschienen bei Impuls.

«Exit Through the Gift Shop». UK 2010.  Regie: Banksy. Dokumentarfilm (?) mit Banksy, Mr. Brainwash, Space Invader u.a. DVD erschienen bei Alamode.

«Die Vierte Gewalt». CH 2018. Regie: Dieter Fahrer. Dokumentarfilm mit Constantin Seibt, Maurice Thiriet, Samuel Wyss, Judith Huber, Rafaela Roth, Patrick Feuz, Margrit und Ernst Fahrer u.a. DVD angekündigt.

«Style Wars 2». CH/Deutschland/Israel/Slowenien/USA 2013. Regie: Amos Angeles und Veli Silver. DVD erschienen bei Praesens.