gesichtet #154: Ein Märchen-Palais im Gundeli

Von Michel Schultheiss

Zwillingsatlanten tragen die Last der Balkonkonsole. Grossäugige Eulen breiten darunter ihre Schwingen aus und Widderköpfe starren nach unten. Über all diesen Kreaturen thront gar ein Zwiebelturm. Weiter vorne steht gar ein Schlösschen wie aus einem Draculafilm. Gleich gegenüber vom Margarethenpark, an der Ecke zur Reichensteinerstrasse springt ein besonders opulentes Ensemble ins Auge – wohl eines der auffälligsten im Basler Gundeli-Quartier.

Als ob Adolf Kiefer (1873-1932) die erneute Popularität der Eulen antizipiert hätte. Die Nachtvögel wachen über sein Stilmix-Ensemble beim Margarethenpark (Fotos: smi).

Ob Märchenpalast, Fratzen und Schnörkel: Aus der heutigen Warte schienen so manche Architekten der Belle Époque im Besitz der Narrenfreiheit gewesen, so ganz ohne Angst vor dem Kitsch. Auffällige Bauten jener Zeit mit allerlei seltsamen Wesen und Anleihen vergangener Epochen beflügeln vielleicht heute noch so manche Kinderfantasien.

Dies könnte durchaus auch beim besagten Ensemble der Fall sein. Die sieben Gebäude der Hausnummern 85 bis 95 tragen die Handschrift von Adolf Kiefer (1873-1932). Längst sind die sieben Gebäude von 1899 im Inventar der schützenwerten Bauten der Denkmalpflege aufgeführt. Fünf davon werden dort dem Neobarock zugeordnet.

Wie Rose-Marie Schulz-Rehberg in ihrer Publikation über die Architekten des Fin de Siècle festhält, schuf Kiefer damit einen schlossartigen Gebäudekomplex mit «figürlicher Deko» und der «Formensprache des Barock». Wie so manche seiner Zeitgenossen ist aber auch bei Kiefer ein stilistischer Gemischtwarenladen zu finden. Laut Denkmalpflege lassen sich in zwei der Gebäude auch Neorenaissance-Elemente ausmachen, ebenso manche Jugendstilelemente.

Wie andere Architekten seiner Zeit ging auch Kiefer verspielt und eklektisch vor. Beim bereits erwähnten Schlösschen mit Spitzbogenfenstern und Treppengiebeln weiter vorne kommt zudem eine Anspielung auf eine weitere Epoche ins Spiel. Solche neogotischen Gebäude sind in den Basler Aussenquartieren eher spärlich gesät – weitere Beispiele gibt’s im St. Alban-Quartier.

Adolf Kiefer hat auch an anderen Ecken der Stadt seine Spuren hinterlassen. Um 1900 schuf er etwa an der Hebelstrasse ein weiteres palaisartiges und barockes Ensemble. Wie bei seinem Pendant im Gundeli schauen auch dort allerlei Skulpturen von den Fassaden herunter. Während es bei ihm meist meist liebliche – und weniger bizarre als bei den Häusern seiner Zeitgenossen Heinrich Flügel und Eduard Pfrunder. Bei allen dreien kann der Stadtwanderer auch über hundert Jahre so manches spielerische Detail an den Fassaden erspähen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.