gesichtet #137: Das Gespensterschloss im Büroviertel

Von Michel Schultheiss

Auf dem Weg zum Bahnhof mag vielleicht schon einem manchen dieses Gebäude aufgefallen sein: Mit seinen Erkern, Türmchen und Staffelgiebeln will es so gar nicht in die Umgebung mit den Bürohäusern passen. Auch an der Peter Merian-Strasse 19 und 21 gibt’s – wie an vielen Ecken in Basel – ein paar grimmige Fratzen zu sehen: Hier sind’s allerdings keine Maskarone, sondern Wasserspeier-Imitationen. Diese befinden sich in guter Gesellschaft: Gleich schräg gegenüber vom Schlösslein lachen und weinen die verbliebenen Musenköpfen vom alten Theater.

Neogotische Villa

Ein Blickfänger im St. Alban: Die neogotische Doppelvilla von 1903 ist eine der wenigen ihrer Gattung in Basel. (Foto: smi)

Längst befindet sich der Bau, welcher mit der markanten Steinverkleidung gut als Harry-Potter-Kulisse dienen könnte, auf der Liste der geschützten Kulturgüter. Einst wurde die Doppelvilla als Wohnhaus für einen Arzt und einen Chemiker gebaut. Verlassen wie etwa das Riehener Geisterhaus ist es keineswegs. Heute bewachen die Gargoyles am Vorbau aber nur noch Büroräume.

Errichtet wurde das Gebäude um 1903 von den Architekten Alfred Romang und Wilhelm Bernoulli. Letzterer ist kein Unbekannter in Basel: Von Bernoulli, der sich später von Romang trennte und mit Otto Wenk zusammenarbeite, stammen auch das Warenhaus Globus am Marktplatz, das Geschäftshaus «Zum Tanz» an der Eisengasse mit den auffälligen Fassadenmalereien, das Altersheim «La Charmille in Riehen sowie mehrere Villen im Gellert.

Wasserspeier Peter Merian Strasse

Die Wasserspeier bewachen heute die Büroräume des Schlösschens. (Foto: smi)

Das «Dracula-Schloss» im Bezirk Peter Merian des St. Alban-Quartiers wird von der Basler Denkmalpflege im Historismus neugotischer Prägung eingeordnet. Generell ist die Gegend rund um die St. Jakobs-Strasse, die St. Alban-Anlage bis hinein ins Gellert (wo es dann auch herrschaftliche Reihenfamilienhäuser gibt) von Einzel- und Doppelvillen geprägt. Unter all diesen sticht das Schlösschen von Bernoulli und Romang aber schon heraus: Wie Rolf Brönnimann in seiner Publikation «Villen des Basler Historismus» festhält, gibt es in Basel eine vergleichsweise bescheidenen Zahl an neogotischen Wohnbauten. Dennoch schlug auch hier unter den Neo-Stilen die Gotik ein. Allerdings schöpften hier die Architekten nicht aus den lokalen Tradition, sondern orientierten sich an England, wo es bereits im 18. Jahrhundert zu einem «Gothic Revival» kam.

Bei den Basler Exemplaren dieser Gattung handelt es sich oft um Schlösslein und Cottages im englischen Stil. Die meisten davon sind längst verschwunden. Besonders prächtig war etwa die 1858 von Johann Jakob Stehlin dem Jüngeren erbaute Villa im Tudorstil an der Gellertstrasse. Dabei diente wahrscheinlich der Sommersitz Shadwell Park in Norfolk als Vorbild. Leider wurde die Basler Version davon bereits 1964 abgebrochen; ebenso verschwand das «Bachofenschlösslein» von Christoph Riggenbach. Ziemlich malerisch muss auch die neogotische Villa von Gustav Kelterborn von 1874 an der Hardstrasse gewesen sein. Immerhin gibt’s aber noch einen «Überlebenden» dieser Welle: Als relativ später Neogotik-Vertreter steht das Haus von Bernoulli und Romang noch unversehrt an der an der Peter Merian-Strasse.

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