gesichtet #103: Die Theaterköpfe und ihr Kronleuchter

Von Michel Schultheiss

Der Vorgarten zeigt buchstäblich ein lachendes und ein weinendes Gesicht. Völlig unerwartet schauen auf dieser Wiese zwei steinerne Köpfe auf die Passanten. Noch seltsamer mag der Kronleuchter anmuten, welcher gleich daneben an einem Baum hängt – gleich über einem Balkongeländer, das ebenfalls ziemlich quer in der Landschaft steht.

Lachender Theaterkopf im Vorgarten

Unerwartet taucht in diesem Vorgarten ein lachender Musenkopf auf (Foto: smi).

Die Szenerie erinnert ein wenig an einen surrealen Skulpturenpark von Edward James oder an eine Kulisse der «Unendlichen Geschichte» von Michael Ende. Dabei befindet sich der verwunschen aussehende Fleck mitten in einer Bürogegend – dort, wo die Lange Gasse auf die St. Jakobs-Strasse trifft. Schon ein mancher mag sich gefragt haben, was das dada-artige Ensemble hier soll. Bei vielen Betrachtern mag aber auch ein Déjà-vu aufgekommen sein: Das lachende Gesicht hat man doch schon mal bei Jean Tinguelys Fasnachtsbrunnen gesehen.

Kronleuchter und Balkon

Wie in einem surrealen Park: Hier hängt der Kronleuchter am Baum gleich über dem Balkongeländer (Foto: smi).

In der Tat ist der Theaterkopf, welcher grinsend ganze Fontänen heult, ein Eisenabguss des steinernen Hauptes. Das Modell für Tinguely Brunnenskulptur geht zurück auf den Abbruch des alten Stadttheaters. Jener neobarocke Bau von Johann Jakob Stehlin wurde 1875 errichtet. Ein Brand zerstörte es 1904, was einen Wiederaufbau erforderlich machte. Wie man noch auf Archivfotos erkennen kann, gab’s mehrere solche Musenköpfe, welche dem Besucher über dem Eingang begrüssten – sie gehörten zum Relief des Gebäudes. Bis 1975 durften diese von oben herab auf den Steinenberg schauen – dann nämlich wurde das Theater gesprengt.

Weinender Theaterkopf

Weniger gut sichtbar ist das weinende Pendant zum anderen Reliefkopf (Foto: smi).

Einige Zeitzeugen – nicht nur der Mundartdichter Saubi – bedauern das Ende des alten Stadttheaters noch heute als einen der grössten Fehler in der Stadtentwicklung. Zumindest gibt dieser Vorgarten noch ein Zeugnis von den verschnörkelten Fassaden mit ihren Reliefgesichtern ab. Was mit den anderen vier Köpfen geschah, wissen wir nicht. Zwei davon fanden jedenfalls ihren Weg ins St. Alban-Quartier. Wie es dazu kam, erklärt ein Kommentar auf der Facebook-Seite Verschwundenes Basel. Ein Zeuge des Abbruchs erklärt die Sache folgendermassen: Ein paar Relikte aus dem alten Stadttheater waren damals käuflich. In der Liegenschaft an der Langen Gasse soll eine Opernsängerin gewohnt haben. Ihre Arbeit im Theater machte es möglich, mehrere Objekte zu ergattern.

Kronleuchter am Baum

Foto: smi

Der Eisenabguss des Relikts scheint sich übrigens noch heute für die Sprengung von 1975 zu revanchieren: Wo das Bassin des Fasnachtsbrunnens steht, befand sich einst die Bühne des alten Theaters. Wie der Kunsthistoriker Dominik Müller in seiner neuen Tinguely-Biographie schreibt, ist es vielleicht die Absicht des Künstlers gewesen, die bewegliche Brunnenskulptur mit dem Gesicht in Richtung Theaterneubau zu platzieren. Beim Anblick des Gebäudes scheint sich der Musenkopf so «vor Lachen auszuschütten».

Kronleuchter, weinender Kopf und Balkon

Ein dada-artiges Ensemble an der Ecke St. Jakobs-Strasse/Lange Gasse Foto: smi

Vielleicht geht’s den beiden steinernen Originalen an der St. Jakobs-Strasse ähnlich. Der eine scheint sich über sein Weiterleben am neuen Ort zu freuen, sein weinender Kollege schaut jedoch in die andere Richtung. Er trauert wohl noch immer dem alten Stadttheater nach.

Lachender Theaterkopf

Foto: smi

 

Kronleuchter von unten

Foto: smi

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