Virginia qui vous veut du bien – François Ozons «Une nouvelle amie»

François Ozon besticht mit einem Melodram, das nicht nur in LGBT-Kreisen Zuspruch finden wird. Die sehr campe Verfilmung einer Kurzgeschichte von Ruth Rendell packt immer wieder, amüsiert und zeigt immer wieder neue Möglichkeiten auf.

Claire (Anaïs Demoustier) und Laura (Isild Le Besco) sind die allerdicksten Freundinnen, und zwar seit frühesten Kindertagen. Doch bald schon nach Lauras Heirat mit David (Romain Duris) und der Geburt ihres gemeinsamen Kindes stirbt sie. Claire hat ihrer verstorbenen Freundin versprochen, sie würde sich um ihr Kind und David kümmern. Doch leichter gesagt als getan. Das Baby erinnert sie so an ihre geliebte Laura. Doch schliesslich überwindet sie sich – und lernt einen völlig neuen David kennen…

Romain Duris mal ganz anders... (Bild: zVg)

Romain Duris mal ganz anders… (Bild: zVg)

François Ozon ist ein grosses Talent – dies nicht nur, weil er zweifellos einer der produktiveren Regisseure seiner Generation ist, sondern auch, weil er campe Komödien ebenso machen kann wie auch feinsinnige Charakterstudien oder auch an Thriller gemahnende Werke. «Une nouvelle amie» ist nun wohl sein queerster Film, vielleicht noch queerer als «Gouttes d’eau sur pierres brulantes» (nach Fassbinder) oder der Komödienhit «Huit femmes». Und dies, obwohl keine der Figuren eigentlich schwul oder lesbisch ist. Oder eben gerade deswegen: die im konservativen Milieu verwurzelten Figuren müssen nämlich ihre queeren Seiten erst noch entdecken. Auch wenn sie natürlich latent immer schon da waren – verborgen in der Freundschaft von Laura und Claire, aber auch verborgen hinter den Gardinen, wo sich David schon früh als «cross dresser» bewies.

Mindestens so queer, so camp ist dabei natürlich die Machart des Films, seine melodramatische und streckenweise auch komische DNS: vielleicht diejenige des Camp, die wir – egal ob queer oder straight – ja (fast) alle lieben (aber siehe unten). Wenn uns also hier am Schluss das «happy ending» im Eiltempo ereilt, dann ist das natürlich keine Schwäche des Films, sondern vielmehr ein starkes Finale für einen von Ozons interessantesten Filmen, der uns das Queere in uns allen zeigt, ohne aber alle als solches zu verstehen. Vielleicht ist «Une nouvelle amie» auch letztlich gar nicht Ozons queerster Film – aber sicher sein campster. Auf jeden Fall ist der Film absolut sehenswert – allen, die sich eher (bzw. ausschliesslich) an naturalistischen Filmen ergötzen oder die campe Kultur nicht schätzen, soll an dieser Stelle aber vom Gang ins Kino abgeraten sein. Wer also «Le temps qui reste» mochte, aber nicht «Huit femmes», soll sich besser einen gemütlichen DVD-Abend zu Hause machen…

«Une nouvelle amie».  Frankreich 2014. Regie: François Ozon. Mit Romain Duris, Isild Le Besco, Anaïs Demoustier, Aurore Clement, Jean-Claude Bolle-Reddat u.a. Deutschschweizer Kinostart: 26.3.2014.

Camp: http://www.book.tubefun4.com/downloads/Sontag.pdf und http://de.wikipedia.org/wiki/Camp_(Kunst)

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