«The Reef» – über die menschliche Konzeption des grössten Korallenriffs

Von Tanja Hammel

Alle, die sich für Geschichte und die Natur interessieren und bei historischen Romanen das Gefühl haben, es sei zu viel «Faction oder Fiction», und bei Werken von Historikerinnen, die in nüchterner Sprache geschrieben sind, ebenfalls nicht auf ihre Kosten kommen, dürfte folgendes Buch interessieren.

The Reef

Der Historiker Iain McCalman von der University of Sydney hat mit Werken wie «Darwin’s Armada: How four voyagers to Australasia won the battle for evolution and changed the world» (2009) Aufmerksamkeit erregt. In diesem spannenden Buch arbeitet er auf faszinierende Weise heraus, welche Rolle die australisch-asiatische Natur in der Entwicklung der Evolutionstheorie und der Wissenschaftslandschaft im 19. Jahrhundert im Allgemeinen gespielt hat. Bei den Recherchen, Filmproduktionen und einem «Endeavour»-Reenactment Projekt fing McCalmans Herz Feuer. Er konnte nicht anders, als ein Buch über das Great Barrier Reef zu schreiben.

Wie Menschen das Riff formten

McCalman zeigt, dass das Riff eine subjektive Erfahrung ist, die aus der Beschäftigung des Menschen mit dem Ort entsteht. Es ist Teil des Geistes und des Herzens, aber auch das physikalische Objekt an sich. Während Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler sich schon lange mit der evolutionären Geschichte des Reefs beschäftigen, ist die menschliche Geschichte des Reefs noch nicht geschrieben worden. McCalman zeigt, wie Menschen in Vergangenheit und Gegenwart das Riff geformt haben und wie sie von der Natur beeinflusst worden sind. Er dekonstruiert Mythen und Legenden, zeigt, wie fiktive Reiseberichte ein falsches Bild vermittelten und wie sich Menschen wie die Poetin Judith Wright oder der Wissenschaftler und Spezialist für Korallen und Riffe Charlie Veron für den Schutz des Riffs eingesetzt haben. Er erzählt die Geschichte eines Ortes, der für die Gewinnung von Öl und Gas beinahe geopfert wurde und – wenn CO2– und Methan-Emissionen nicht zurückgehen – wohl verschwinden wird.

Fesselnder als in einem Roman schreibt McCalman eine Geschichte von Menschen, die unsere Ideen und Gefühle für das grösste Korallenriff der Erde geformt haben. Nicht nur das Narrativ und die kurzweiligen Geschichten machen das Buch empfehlenswert. Auch schafft McCalman es, geschichtswissenschaftliche Themen einem breiten Publikum auf einmalige Weise ans Herz zu legen. Er tut dies nicht auf didaktische Weise, sondern mit viel Leidenschaft, die bereits aus dem Titel des Buches spricht.

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Aborigines und Frauen am Katzentisch

Es bleibt jedoch bedauerlicherweise eine Geschichte, die von weissen Männern dominiert wird. Zwar sind Frauen und Aborigines Teil der Erzählung, aber ihnen kommt nicht derselbe Stellenwert zu. McCalman interessiert sich zwar für Aborigines, ihre Konzeptionen der Natur und ihr «caring for country». Er zeigt, wie die von Europa abstammenden Australierinnen viel von den Ureinwohnern über die Natur und den Schutz der Umgebung gelernt haben und unbedingt weiterhin lernen sollen. Dennoch gibt es kein einziges Kapitel über Aborigines. Sie kommen lediglich in ihrer Zusammenarbeit mit Weissen – meist Europäern oder Amerikanern – vor. Zwei Kapitel sind vordergründig je einer Frau gewidmet. Das eine handelt von Eliza Fraser, die sechs Wochen mit den Kabi Kabi gelebt hatte und einen kulturellen Mythos kreierte, der die Aborigines als gewalttätig, animalisch und sexuell belästigend verschrie und leider bis heute anhaltend ist.

Zwar ist es wichtig zu zeigen, dass Frauen gleich rassistisch waren und sind wie Männer, doch in der Absenz anderer Kapitel, die einer Frau gewidmet sind, präsentiert sich ein seltsames Frauenbild. Das nächste Frauen-Kapitel handelt vordergründig von der Schottin Barbara Thompson. Sie wurde als Schiffbrüchige von den Kauareg Islanders adoptiert. Danach lebte sie fünf Jahre mit ihrem Geliebten Boroto, mit dem sie ein Baby hatte. Das Kapitel handelt jedoch mehr vom Künstler Oswald Brierly als von Barbara Thompson. Bierly hat ihre Geschichte in seinem Tagebuch aufgezeichnet, aber verschwiegen. McCalman fokussiert sich anhand von Bierly auf die gesellschaftlichen Implikationen seines Nicht-öffentlich-Machens der Geschichte. Der Poetin Judith Wright, die so viel für den Naturschutz in Australien gemacht hat, wird kein Kapitel gewidmet. Ihre Zusammenarbeit mit männlichen Kollegen für den Naturschutz des Reefs ist zwar wichtig aufzuzeigen, doch fehlt dem Buch eine ausgewogene Kapitelaufteilung. Dies lässt einen bitteren Nachgeschmack zurück. Man hat den Eindruck, McCalman hätte versucht, allem gerecht zu werden, dies jedoch nicht geschafft. Für die environmental humanities, die nichtmenschliche Akteure ins Zentrum stellt und über die postkolonialen Studien hinausgehen möchte, ist es schwierig, ein geeignetes Narrativ zu finden. Wir dürfen gespannt sein, was die nächsten Jahre auf diesem Gebiet bringen.

Im letzten Kapitel über Charlie Veron ist ein starkes Statement enthalten, dass wir endlich aufwachen und unseren Konsum drosseln, die Natur schützen und das Great Barrier Reef vor dem Verschwinden bewahren sollen. McCalman zeigt sich nach den Begegnungen mit den Menschen, die in der Nähe wohnen, optimistisch, dass wir es schaffen werden, die Natur mit unserem Verstand und unserem Herz ernst zu nehmen und sie zu schützen. Er ist überzeugt, dass das Ökosystem des Korallenriffes mit den Millionen von Lebewesen es schaffen wird, sich an die neuen Situationen anzupassen und so zu überleben.

Bald wird das Buch hoffentlich auch dem deutschsprachigen Publikum in einer Übersetzung zugänglich sein. Bis dahin sei auf die amerikanische Ausgabe «The Reef: A Passionate History: The Great Barrier Reef from Captain Cook to Climate Change» verwiesen. Die Australische Ausgabe trägt den Titel «The Reef: A Passionate History», denn laut der australischen Regierung gibt es keinen Klimawandel.

Iain McCalman
The Reef: A Passionate History: The Great Barrier Reef from Captain Cook to Climate Change
Scientific American; Farrar, Straus and Giroux
Hardcover, Englisch
352 Seiten
2014

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