Das Echo der Fantasy – ein Nachruf auf Terry Pratchett

Mit Terry Pratchett verstummt einer der beliebtesten Autoren der Fantasy und Popkultur. Doch es wäre ein Fehler, ihn auf diese Nenner zu reduzieren: Hinter dem anarchischen Humor seiner Bücher verbarg sich stets ein ernstes Thema. «Zeitnah» erkundet in einem Nachruf die Tiefe der Scheibenwelt-Romane.

Eine flache Welt mit Tiefgang: Terry Pratchetts Scheibenwelt. zVg

Ein Sammelsurium an Geschichten und ein Spiegel der Realität: Terry Pratchetts Scheibenwelt. zVg

Von Daniel Lüthi

1983 erschien beim Verlag Colin Smythe in Grossbritannien ein buntes kleines Buch namens «The Colour of Magic». Der Autor war Journalist und Pressesprecher für die britischen Elektrizitätswerke, und sein Buch entführte das Lesepublikum auf eine flache Welt, die auf den Rücken von vier Elefanten steht, welche wiederum auf dem Rücken einer Schildkröte stehen, die ihrerseits durch den Weltraum gleitet. Wenn all dies bereits mythologisch und absurd klingt, ist es doch nichts im Vergleich zu den Bewohnern jener seltsamen Welt: Unfähige Zauberer, Barbaren im Greisenalter, gute Hexen (die trotzdem böse sein können), abstinente Vampire und nicht zuletzt ein personifizierter Tod, der versucht, den Sinn des Lebens zu erforschen. Terry Pratchetts über 30 Jahre und 40 Bücher dauernde Romanserie war geboren.

Das kleine Buch fand bald Fortsetzungen, allesamt auf der Discworld – zu deutsch Scheibenwelt – angesiedelt. Die flache Welt war vordergründig eine weitläufige Bühne für Pratchett, um zahllose Klischees der Fantasyliteratur, von Mythen und Märchen, aus Popkultur und Geschichte zu parodieren. Trotz manchmal kaum 300 Seiten Länge ist jeder Scheibenweltroman überschäumend vor Wortwitz, Veräppelungen und Anspielungen. Nichts ist heilig, über alles darf (und soll) gelacht werden. Kein Wunder, fand jede Veröffentlichung rasch den Weg auf die weltweiten Bestsellerlisten. Dennoch waren die Bücher mehr als bloss eine Abfolge von Witzen, wie sich schnell herausstellen sollte.

Tiefgang trotz Produktivität

Terry Pratchett kam 1948 zur Welt und wuchs in Beaconsfield in Buckinghamshire, einem ländlichen Gebiet von Grossbritannien auf. Wie Ray Bradbury war er kein begeisterter Schüler, las sich aber quer durch Genres und Regale der Schulbibliothek. Bereits mit dreizehn Jahren veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte, verfasst in einem Schreibtempo, das sich zeitlebens erhalten würde: Später schrieb er seine Bücher teils fast parallel zueinander, zwei, drei Publikationen pro Jahr waren keine Seltenheit.

Pratchett verband anarchischen Witz mit philosophischem Tiefgang. zVg

Sir Terry Pratchett verband anarchischen Witz, philosophische Spekulation und ungeschönten Humanismus. zVg

Auch dies könnte man als Grund dafür nehmen, Pratchett als rein kommerziellen Autor zu betrachten, der seinen Leserinnen und Lesern gewinnmaximierend genau das bot, was sie auch kaufen würden. Doch allein mit Witzen ist kein Publikum langfristig zu begeistern, seien sie noch so gut. Stattdessen lasen sich Scheibenwelt-Romane immer mehr als etwas, das bei aller Flachheit eine versteckte Tiefe besass: Terry Pratchett hielt der realen Welt einen Spiegel vor.

Selbstredend, dass ein richtiger Spiegel nicht nur das Lustige, sondern auch das Traurige und das Ernsthafte reflektiert. Dies fängt bei den ansonsten so typischen Heldenfiguren der Fantasy an. Pratchetts Protagonisten sind gerade darum Helden, weil sie nicht vorgeben, welche sein zu müssen: Wie bei Neil Gaiman – einem weiteren populären Fantasyautor und einem der engsten Freunde von Pratchett – Heldentum bedeutet, Angst zu haben und dennoch das Richtige zu tun, so geht es bei Pratchett nicht um Schein, sondern um Tat. Dies ist wohl eins der zentralsten Themen seiner Bücher. Oberflächlich scheint alles heile Fantasy-Welt zu sein, oder zumindest eine schrille Parodie davon. Doch wenn man genauer hinsieht, öffnen sich Brüche und Abgründe hinter dem Humor. Rassismus, Misogynie, Geldgier, Korruption – Themen, die auf der Scheibenwelt nicht weniger aktuell sind als in unserer Welt.

Die Dynamik der Fantasy

So wirken Pratchetts Figuren äusserst menschlich, auch wenn sie Werwölfe, Zwerge oder Trolle sein mögen. Sie sind keine Abziehschablonen wie in der x-ten Nachahmung von «Der Herr der Ringe», sondern weisen Ecken und Kanten auf, die über simple Rivalitäten oder Bedürfnisse weit hinausgehen. Pratchett vergass bei aller Liebe zu Fantasy und Folklore die Realität der Dinge nicht – wer lebt als Zwerg schon gern unter Tage, wenn in der Grossstadt Ankh-Morpork so viel mehr Möglichkeiten locken? Hier eröffnet sich ein weiteres Thema, das die Scheibenwelt auszeichnet: Sie ist dynamisch.

Die meisten Fantasy-Welten scheinen in einem prä-industriellen Zeitalter eingekapselt zu sein. Fachwerkhäuser, Landstrassen, wilde, unberührte Wälder zeichnen archetypische Fantasy aus. Nur katastrophale Ereignisse wie Krieg vermögen es, eine Welt wie Mittelerde schlagartig von Grund auf zu verändern. Pratchetts Scheibenwelt jedoch wandelte sich graduell, fast unmerklich: Spielten sich die frühen Romane noch in einem für Fantasy typischen, spätmittelalterlichen Szenario ab, brach mit technischem Fortschritt und sozialen Entwicklungen langsam, Buch für Buch eine neue Ära an.

Pratchetts Bücher spiegeln oft Themen der realen Welt wider - ironisch, doch nie ins Lächerliche gezogen. zVg

Pratchetts Bücher thematisieren oft Missstände der realen Welt – ironisch, doch nie ins Lächerliche gezogen. zVg

Wiederum orientierte sich Pratchett an unserer Welt. Spätere Scheibenweltbücher thematisierten oft gesellschaftlichen Wandel und Menschenrechte (was in Pratchetts Kontext selbstverständlich Vampire und Zombies miteinschliesst), doch es sind die technologischen Innovationen, die Pratchetts Fantasy am Grundlegendsten veränderten: In den letzten Romanen fand auf der Scheibenwelt eine regelrechte Industrielle Revolution statt, Postverkehr, Eisenbahn und (telegrafisches) Internet spiegelten unsere reale Welt mehr denn je wider. Ohne den Humor zu verlieren – dieser gewann höchstens noch an Schärfe – wurde das Projekt Scheibenwelt zu einem der interessantesten Beispiele für vielseitige Fantasy. Neben zahlreichen Auszeichnungen wurde sein literarisches Schaffen 2009 mit einem Ritterschlag von Queen Elizabeth II. geadelt – der Autor durfte sich fortan Sir Terry Pratchett nennen.

Während fast einem Jahrzehnt mit der Diagnose Alzheimer fand Terry Pratchett stets die Energie, weitere Bücher zu schreiben, bis er am 12. März 2015 im Kreis seiner Familie verstarb. Seine Tochter Rhianna schloss auf Twitter seine Lebensgeschichte symbolisch mit dem finalen Tweet «The End.» ab. Wer seine Bücher liest, weiss jedoch, dass selbst ein Ende nicht endgültig sein muss. Terry Pratchett mag verstummt sein, doch seine Geschichten von der Scheibenwelt werden noch lange nachhallen.

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