Dominik Riedo über Friedrich Nietzsche und Luzern

Dominik Riedo über Friedrich Nietzsches Verhältnis zu Luzern und zum Joch des Denkens. Von einem, der sich aus der Existenz schwieg, der seine schweigenden Lippen mit einem üppigen Schnauzbart kaschierte.

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Vor dem Löwendenkmal machte Nietzsche der jungen Lou Salomé (spätere Lou Andreas-Salomé) einen Heiratsantrag, der allerdings abgelehnt wurde. Danach arrangierte er das wohl berüchtigtste seiner Fotos in einem Luzerner Atelier. Er und sein Freund stehen, wie Zugtiere angespannt, vor einem Wagen, auf dem, eine Peitsche schwingend, Lou thronte.

 

von Dominik Riedo

Schon bevor Friedrich Nietzsche (1844–1900) am 25. August 1900 im Alter von noch nicht ganz 56 Jahren starb, war er zu einem Mythos geworden. Seine Schriften und seine Person übten damals und üben bis heute eine für einen Philosophen seltene Faszination aus. Mehr als irgendein anderer Denker der letzten hundert Jahre stellt Nietzsche nicht zuletzt deshalb ein besonderes Ereignis dar: Seine Gedanken sind nicht allein für die Angehörigen einer Nation oder einer Gemeinschaft wichtig und auch nicht nur für Philosophen, sondern für Menschen an allen Orten. In der Geschichte der Literatur der jüngsten Zeit haben sie genauso Resonanz gefunden wie in der Psychoanalyse und im religiösen Denken.

Mit Recht eilt Nietzsche zudem der Ruf voraus, ein grosser Stilist zu sein. Gerade seine Art des Schreibens ist es wohl, was so viele in seinen Bann zieht. Diese «Gewaltschritte» des Stils, das «einprägsam Dahertretende» seiner Worte machen Empfindsame für alles Mittelmässige taub. Man kann danach lange nichts anderes mehr lesen, was auch Nietzsche bereits fühlte und wusste:

«In einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an meine Schriften den Geschmack ‹verdirbt›. Man hält einfach andre Bücher nicht mehr aus.»

Tatsächlich schreibt er mit einer stilistischen Brillanz, wie sie sonst kaum einer hat. Lief er doch auf seiner «Lebens-Suche» immer unter dem Schatten seines «Schwertes», der Feder, und trainierte damit bis «zum Letzten» – zuletzt ist dies vielleicht seine grösste Leistung überhaupt …

Auf seiner ein Leben lang währenden Suche nach einem bestimmten, wenn auch als 24-jähriger Professor in Basel noch unbestimmbaren Lebensinhalt, gelangte der junge Nietzsche unter anderem an Richard Wagner, der damals das Haus Tribschen vor Luzern bewohnte. Dort besuchte ihn der Philosoph an Pfingsten 1869 zum ersten Mal. Dieser Zusammenkunft schlossen sich allein in jenem Jahr sieben weitere an. Bis zum Wegzug Wagners von Tribschen, 1872, sollten es insgesamt über 20 Besuche sein, die oftmals mehrere Tage bis eine Woche dauerten. Nach einem solchen Besuch bestieg Nietzsche dann auch den Pilatus und logierte dort, vom ersten bis am vierten August 1869, wodurch er beim Blick auch auf Tribschen «Empfindungen» gehabt haben will, die er seit seinen «Schülerjahren nicht kannte».

Die Freundschaft zwischen Wagner und Nietzsche war eine fruchtbare, aber von allem Anfang an auch eine problematische. Der Denker vergötterte Wagners Frau Cosima, und Wagner gefielen die Schriften «seines» Philosophen von Jahr zu Jahr weniger. Nietzsche seinerseits fand, dass Wagner immer christlicher wurde. Der endgültige Bruch erfolgte dann 1878. Doch die Erinnerung an jene Zeit in Tribschen blieb Nietzsche unvergesslich:

«Ich möchte um keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle – der tiefen Augenblicke …»

Den Komponisten jedoch beurteilte Nietzsche bald einmal anders:

«Ich war im Stande, Wagnern ernst zu nehmen … Ah dieser alte Zauberer! Was hat er uns alles vorgemacht!»

Es fand also zumindest in dieser Beziehung seine so berühmte «Umwerthung aller Werthe» statt. Trotzdem, vergessen hat er diese Tage mit Wagner wie gesagt nicht, vor allem nicht sein ganz persönliches «Tribschen – eine ferne Insel der Glückseligen», wobei nun allerdings eher die eigenen Gefühle und Gedanken dort zählten. Und so schrieb er später zwar noch über diese Aufenthalte, aber er schrieb selbst da, wo er von Wagner spricht, eigentlich über sich selbst:

«Und so erzähle ich mir mein Leben.»

Es gab aber auch einfach so noch einige Aufenthalte Nietzsches in Luzern. Im September und Oktober 1874 weilte er zur Badekur in der Stadt und im Februar 1875 floh er vor der Basler Fasnacht dorthin. Da dauerte es bereits nicht mehr lange bis zu seiner mehr als frühzeitigen Pensionierung, krankheitshalber, der Nerven wegen. Das war 1879. Als heimat- und ruheloser Philosoph, der er jetzt war, besuchte er Luzern noch zwei Mal: Anfang Mai und nochmals kurz darauf vom 13. bis 16. Mai 1882. Vor dem Löwendenkmal machte Nietzsche der jungen Lou Salomé (spätere Lou Andreas-Salomé) einen Heiratsantrag, der allerdings abgelehnt wurde. Danach arrangierte er das wohl berüchtigtste seiner Fotos in einem Luzerner Atelier. Er und sein Freund stehen, wie Zugtiere angespannt, vor einem Wagen, auf dem, eine Peitsche schwingend, Lou thronte.

Man kann das als verrückt bezeichnen. Aber Nietzsche war schon immer ein besonderer Mensch. Er, der bereits mit vierzehn Jahren auf sein Leben zurückschaute, sollte diese Selbstreflexion beibehalten bis zuletzt, bis zu «Ecce homo». Denn Nietzsche suchte von Anfang an nach tragfähigen Lebenskonzepten zur Überwindung des romantischen Leidens an der Wirklichkeit, ein überhaupt mögliches System «Mensch gegen Welt». Dabei stellte er als Philosoph Fragen, die unangenehm sein können, gerade in ihrer Form.

«Hier einmal mit dem Hammer Fragen stellen, das wollte er, weil er nur zu oft als Antwort jenen berühmten hohlen Ton zu hören bekam: Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein Fehlgriff des Menschen?»

Er hatte den Mut zu seinem Weg; aber auch das Wissen ums «Schreckliche», das Wissen der Wenigen:

«Was liegt am Rest? – Der Rest ist bloss die Menschheit.»

So ist er ganz verständlich oftmals nur dem, der ihm Verständnis entgegenbringt, was ebenso oft schwerfallen mag.

«Verrückt» also. Dazu kommt, dass sein Wille, der Zeit neue «Gesetzestafeln» zu geben, arrogant erscheinen mag. Er aber meinte es wohl wirklich nur zu gut. Nietzsche wollte der Prophet sein einer kommenden Elite, die als Klasse gegenüber den jetzigen Menschen privilegiert ist. Der Weg dieser Elite aber soll von Härte auch gegen sich selbst geprägt sein:

«Solchen Menschen, welche mich etwas angehn, wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Krankheit, Misshandlung, Entwürdigung – ich wünsche dass ihnen die tiefe Selbstverachtung, die Marter des Misstrauens gegen sich, das Elend des Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob Einer Werth hat oder nicht – dass er Stand hält.»

Doch allzu oft wird er selbst wohl von anderen verletzt worden sein. Auch indirekt. Man hat zu viel seinen Kopf mit einem Nagel getroffen – statt beim Reden über ihn den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Wer aber meint, Nietzsche sei nur in fernen geistigen Sphären geschwebt, muss sich beim Lesen enttäuscht finden. Nietzsche behandelt in seinen Schriften unter anderem Fragen der Ernährung, des Klimas und der Erholung, tritt aber auch damit gezielt gegen die Korruption des «Systems» an, die das Leben vergeudet:

«Die ‹wahre Welt› und die ‹scheinbare Welt› – auf Deutsch: die erlogene Welt und die Realität.»

Das ist das eigentliche Ziel seiner «Gedankendichtung», den Menschen zu zeigen, «wie man wird, was man ist» – sich nicht selbst zu verleugnen.

Gerade das wird letztlich seine immerwährende Aktualität ausmachen, seine Wirkung auf die Jugend. Denn aus seinen Schriften redet eine ungeheure Hoffnung. Die Hoffnung auf eine Menschheit, die «sich selbst» ist, eine Zukunft, in der das «Ja-Sagen» zum Leben wieder möglich wird.

Aber zu Lebzeiten wurde er enttäuscht:

«Ich suchte nach grossen Menschen, ich fand immer nur die Affen ihres Ideals.»

So erstaunt es nicht, dass Nietzsche letztlich sogar den Menschen als etwas sah, das es zu «überwinden» gelte, wozu wohl auch seine eigene Jugend beigetragen hat: aufgewachsen unter sechs Frauen, vergleicht er sich nur zu gern mit seinem früh verstorbenen Vater, einem Pfarrer, der ihm immer mehr zu dem «Mann par excellence» wird, zum «Übervater in sich selbst» und so zum eigenen Wunschbild des Übermenschen.

Nietzsche ist also auch das «Denk-Mal» einer bei ähnlichen Gestalten immer wieder auftretenden «Krisis», weil er ein Propagandist war für die «Ernährung des Geistes» – die damals wie heute nicht ausgiebig «eingenommen» wird. Trotzdem machte er sich also zum unermüdlichen Aufklärer, zum rastlosen Schreiber:

«Alles Sein will hier Wort werden.»

Doch das ermattet einen, denn, wie er schon selbst feststellte, es ist jemand, der ein grosses Werk vollbracht hat, danach zu Tode erschöpft:

«Man büsst es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei Lebzeiten.»

Letztlich leitete ihn bei dieser Besessenheit der Verschriftung – wie viele andere Denker auch – der Wunsch, es der «Schöpfung» nicht nachzumachen, nein, es besser zu tun:

«Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und zusammentrage, was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.»

So schimmert denn durch die Fassade des Gesagten hindurch die Lineatur einer Wahrheit, die anders nicht mehr oder überhaupt nicht sagbar wäre – zu unserem nicht gelinden Entsetzen.

«Der Rest ist Schweigen.»

Das tat er dann auch: Über ein Jahrzehnt vor seinem körperlichen Tod tauchte Nietzsche in einen Zustand, den man allgemein als «geistige Umnachtung» wiedergibt. Da liessen ihm die Mutter beziehungsweise die Schwester den Schnauz ins Enorme wachsen, um das immer grösser werdende Verstummen der Lippen zu verbergen.

«– Hat man mich verstanden? – Dionysos gegen den Gekreuzigten …»

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