gesichtet #118: Die Fratzen der Stadt (Teil 3)

Von Michel Schultheiss

«Also die haben die Zähne wirklich nicht geputzt», weiss Florian zu berichten. Der Bruder von Rolf Schächteli ist bei seiner Entführung durch den mysteriösen Zwerg auch diesen steinernen Konterfeien begegnet, wie er anschliessend aufgeregt der Familie erzählt. Ziemlich dreckig lachen sie am Rheinsprung auf die Passanten herunter. In der Tat wirken die Gesichter auch ausserhalb der Basler Märchenwelt eines Peter Baumgartner quicklebendig: Noch heute zieren sie die Gebäude des Departements für Wirtschaft und Soziales.

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Ein hämisches Grinsen beim «Weissen Haus»: Die Maskarone stammen vermutlich aus dem 18. Jahrhundert, wobei der genaue Ursprung nicht bekannt ist (Fotos: smi).

Sie dürfen im Zusammenhang mit den bereits vorgestellten vielen Maskaronen in Basel keineswegs unerwähnt bleiben. Es gibt nämlich weit mehr seltsame Kerle an den Fassaden der Stadt, als diejenigen, die hier bereits schon zur Sprache kamen. Nicht nur an den Häusern der Architekten Eduard Pfrunder und Heinrich Flügel, welche in der Zeit um 1900 der Stadt Basel eine ganze Reihe von seltsamen Fratzen schufen, lässt sich das Phänomen bestaunen.

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Welche Jahreszeit das wohl sein mag? Die Köpfe beim blauen Haus sollen Allegorien auf Frühling, Sommer, Herbst und Winter sein (Foto: smi).

Auch wesentlich ältere Bauten haben diesbezüglich etwas zu bieten. Zwei davon sind besonders namhaft: Der Reichensteinerhof, besser bekannte als «Blaues Haus» und der Wendelstörferhof, auch «Weisses Haus» genannt. Wie dem Band VII der Reihe «Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt» zu entnehmen ist, erhielten die beiden Gebäude im 19. Jahrhundert wegen ihres damaligen Fassadenanstrichs diese Übernamen. Als Wohn- und Geschäftshäuser wurden sie zwischen 1763 und 1775 vom Architekten Samuel Werenfels für die Seidenbandfabrikanten Lukas und Jakob Sarasin errichtet.

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Die Masken beim «Blauen Haus» stellen nach Angaben des besagten Katalogs die vier Jahreszeiten dar. Dabei ist die Herkunft der in Blei gegossenen Köpfe nach wie vor unklar. Über die von der Denkmalpflege als «künstlerisch hervorragend gestalteten, derben Grimassen» Bezeichneten gibt es aber Vermutungen: So könnten sie etwa aus dem lothringischen Schloss Chanteheux bei Lunéville, wo der polnische Aristokrat Stanislaus I. Leszczyński residierte, stammen. Auch der Rokoko-Bildhauer Johann Christian Wentzinger gilt als Kandidat: Er hat in seinem Haus in Freiburg im Breisgau solche Grimassen angebracht und handhabte die Technik des Bleigusses.

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Das «Weisse Haus» gleich nebenan hat ebenso Fassadenschmuck zu bieten: Ein geflügelter Puttenkopf, ein Löwe und weitere Masken setzen das Gruselkabinett am Rheinsprung fort. Auch der Ursprung dieser Grimassen bleibt im Dunkeln. An zwei Prachtbauten des Barock stehen sie für eine andere Generation von Fratzen: Reliefköpfe erfreuten sich während jener Zeit grosser Beliebtheit – lange vor dem Wiederaufkommen des Maskentrends im Basel um 1900. Auch zweieinhalb Jahrhundert nach dem Bau der noblen Häuser vermögen jedenfalls sowohl die Jahreszeiten-Allegorien wie auch ihre nicht minder charmanten Nachbarn noch immer verwunderte Blicke ernten.

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