gesichtet #111: Die Fratzen der Stadt (Teil 1)

Von Michel Schultheiss

Sie lauern an zahlreichen Ecken der Innenstadt. Von Fassaden und Giebelbögen aus grinsen und starren sie auf die Passanten herunter. Manche schneiden groteske und furchteinflössende Grimassen, andere schauen mit wohlwollender Miene in die Welt hinaus.

Fratze Heinrich Flügel Haus zur Rose

Unheimliche Visagen, wie sie etwa in den «Basler Määrli» von Peter Baumgartner vorkommen, sind etwa beim Kopfbau Falknerstrasse-Gerbergasse zu sichten (Foto: smi).

Zur Verwunderung der zwei Buben beginnen die steinernen Köpfe auch noch zu sprechen. Florian und sein Klassenkamerad namens Heugumper kommen aus dem Staunen nicht heraus. Das bucklige Männlein, das sie immer wieder gefoppt hat, erteilt nämlich den zwei Schlingeln eine Lektion: Ein Gartenschlauch, der sich plötzlich in eine Schlange verwandelt, schnappt die beiden, um sie auf eine magische Reise durch Basel mitzunehmen. Der «Zwerg», den sie stets gehänselt haben, zeigt ihnen alle seine Kollegen, welche in Stein gehauen wurden, um ihnen zu zeigen, wie relativ ihre Vorstellungen von Normalität sind.

Von Böcklin bis Tinguely

Das «Määrli vom Zwäärg» von Peter Baumgartner – eine von vielen Erzählungen rund um die Familie von Rolf Schächteli – hat wohl schön die Aufmerksamkeit auf die unzähligen Fratzen in Basel gelenkt. Wohl ein mancher wird wohl – wie im Märchen die kleine Schwester Sabine – sogleich nach dem Hören der Kassette den Wunsch geäussert haben, mal all diese Köpfe in der Stadt zu suchen. Im Märchen von Peter Baumgartner werden zwar auch zwei prominente Exemplare erwähnt – so etwa der Theaterkopf von Jean Tinguely im Fasnachtsbrunnen oder die Fratzen von Arnold Böcklin in der Kunsthalle. Daneben gibt es aber auch noch unzählige steinerne Kerle, die weniger bekannt sind, und manche von ihnen springen einem manchen Passanten wohl nicht gerade ins Auge, wenn er sich nicht speziell darauf achtet. Wer sich aber mal aufmerksam auf die Jagd nach ihnen begibt, ist wohl plötzlich umgeben von diesen bizarren Wesen.

Fratze Haus zur Rose Heinrich Flügel 2

Maskarone, Neidköpfe und Wasserspeier

Dabei ist der Sinn und Zweck dieser Fratzen vor allem spielerischer Natur: In erster Linie sind es Ornamente, die unter dem Namen Maskarone bekannt sind. Solche Reliefköpfe genossen besonders im Barock grosse Verbreitung. Als Schmuck sind sie an Bauwerken, aber auch an Möbeln, Gefässen oder gar Waffen zu sehen. Der Maskaron erlebte im Laufe des 19. Jahrhundert ein Comeback: Als Zierde für Wohnhäuser waren wieder en vogue. Daher mag es nicht erstaunen, dass in vielen Städten besonders Häuser, die um die Jahrhundertwende herum erbaut wurden, mit solchen Köpfen versehen sind.

Die Maskaronen sind somit nicht zu verwechseln mit den einiges älteren Neidköpfen, die bis auf den Zauberglauben aus keltischer Zeit zurückzuführen sind und das Böse vom Hause abwenden sollen. Auch mit den Wasserspeiern oder Gargylen, wie sie etwa am Münster zu sehen sind, die eine ähnliche Funktion erfüllen, haben die viel später auftretenden Maskaronen, welche in erster Linie eine schmückende Funktion haben, nicht direkt etwas zu tun.

Fratze Heinrich Flügel Gerbergasse 2

Hier haute der Architekt seinen Bruder, der gleichzeitig auch der Bauherr war, in die Pfanne: Der schnauzbärtige Geselle oben an der Confiserie Bachmann soll Rudolf Flügel darstellen (Foto: smi).

Die Fassaden-Scherze des Heinrich Flügel

Über all die Fratzen, welche etwa in der Schächteli-Geschichte vorkommen, ist wenig bekannt. Über einen ihrer Schöpfer gibt’s jedoch Infos: Der Basler Architekt Heinrich Flügel (1869-1947) hat gleich der Stadt gleich mehrere Maskaronen hinterlassen. Auch im besagten Märchen von Peter Baumgartner wird ein Ensemble von Köpfen an einem seiner Gebäude erwähnt: An der Gerbergasse 51 hat Heinrich Flügel ein Haus mit lustigen Gesichtern hinterlassen. Oben an der Confiserie Bachmann, gleich unter dem Erker, hausen schnauzbärtige Gesellen. Wie im bebilderten Buch «Beflügelt durch Basel» von Heinz Weidkuhn zu lesen ist, soll dieses Maskaron den Bauherrn und Bruder des Architekten, Rudolf Flügel darstellen. Womöglich hat sich Heinrich Flügel einen Scherz erlaubt: Ohne seinen Bruder – einen Armeeoffizier – vorzuwarnen, setzte er die Tradition fort, den Bauherrn am Gebäude selbst zu verewigen. Wie auch bei diesem Haus von 1900 war es manchmal durchaus üblich, solchen Schabernack zu treiben und reale Personen zu karikieren.

Löwenkopf Haus zur Rose

Löwen beim «Haus zur Rose».. (Foto: smi).

Löwenmenschen beim «Haus zur Rose»

Weitere Köpfe, die auf eine Idee von Flügel zurückzuführen sind, können gleich in der Nähe, beim Haus «zur Rose», gesichtet werden. Wie Heinz Weidkuhn schreibt, haben es die Verzierungen beim Kopfbau bei der Falknerstrasse und der Gerbergasse in sich: Nicht nur ein Dutzend Löwen knurren von den Fassaden herunter. Die Raubtiere mutieren an der Wand allmählich zu menschlichen Antlitzen, beziehungsweise zu chimärenartigen Fratzen.

Löwenkopf Haus zur Rose 2

…die immer mehr zum Menschen mutieren – siehe auch das erste Foto oben (Foto: smi).

Florian Schächteli und Heugumper sind im Märchen vom «Zwäärg» noch weit mehr solchen Köpfen begegnet. Nebst den Flügel-Häusern gibt es in Basel noch weitere Orte, wo diese bizarren Gestalten zu sehen sind. Doch davon soll zu einem späteren Zeitpunkt die Rede sein.

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