Andy Strässles Klagenfurt-Klage

Die Stunde hat geschlagen. Heute um halb elf war es so weit: Das 39. Wettlesen um den Ingeborg Bachmann-Preis in Klagenfurt begann. Auftakt zum angewandten Literaturseminar am Wörthersee.

Der wunderbare Wörthersee lädt zu prächtigen Lautspielen. Die Stunde hat geschlagen. Es ist höchste Zeit für Worte wie «Innenperspektive», «schablonenartig» und Wendungen wie: «Der Text als Ort». Eine wichtige Frage ist auch immer:

«Woher kommt es?»

Mit «es» ist natürlich «der Text» gemeint.
Anders als in einem Seminar an der Uni gibt es in Klagenfurt eine Jury, die ihre Befindlichkeit angesichts der Texte verlautbart. Da wird diskutiert und analysiert, aber vor allem wird gespürt. Dies auf dem Sender 3sat, der das Wettlesen von Klagenfurt drei Tage lang überträgt.

Die erste Schriftstellerin, Katharina Poladjan, erzählt von einem One Night Stand, der vielleicht stattfindet, vielleicht aber auch nicht. Der Text wird aus mehreren Warten erzählt, ist stilistisch sicher in Ordnung. Gleichzeitig kündigt sich darin das Muster der kleinen Dinge an. Unterwäsche, die man lieber nicht angezogen hätte, wenn frau denn gewusst hätte, dass man mit jemandem ins Bett hüpft. Aus dem Kleinen wird eine Metapher für das Grosse: pars pro toto und sowieso. Aus einem achtlos in den Wäschekorb geworfenen Telefon wird ein Symbol für die Vergangenheitslosigkeit und für das verschwundene Auto, ein Rätsel, das auf Isolation hindeutet – also gleich auf das ganz Grosse, das die Figur zusammenstaucht. Einerlei, wie klein die beobachtete Szene war.

Sofa- und Jurysitzkuhlensitzer

Nach der vorgesehenen halben Stunde ist das Handy eben weggeworfen, das Auto verschwunden und Annas Geliebter in einem Gewitter auf einer Bergbahn halb wahnsinnig geworden. Genau, das ist jetzt keine gerechte Beschreibung des Textes von Poladjan, sondern die Zuspitzung eines Sofasitzkuhlensitzers. Was wohl die Jurysesselsitzkuhlensitzer dazu meinen? Denn vor allem muss jetzt darüber gesprochen werden: Jurypräsident Hubert Winkels findet, die Geschichte sei «etwas zu viel für ein bisschen Sex» – womit er meint, dass die Protagonisten vielleicht etwas arg viel in eine einzige Liebesnacht hineinlegen. Die Schweizer Jurorin, Literaturprofessorin Elisabeth Keller, fragt:

«Was hält den Text zusammen?»

Es stellen sich also Fragen über Fragen, und für Jurorin und Literaturkritikerin Sandra Kegel «kommt es zur Kollison.»
Um halb drei liegt der Anfang bereits einige Texte und Stunden zurück. Inzwischen wurde von Eric Clapton gesprochen, auch von Miles Davis. Im Fernseher liest die Österreicherin Valerie Fritsche einen Text über das fehlende Bein des Vaters von Gustav vor und über Phantomsschmerz.

«Memento Mori» die Österreichische Schriftstellerische Valerie Fritsche über das Moribunde.

«Memento Mori» die Österreichische Schriftstellerin Valerie Fritsche über das Moribunde. Es lebe das verruchte Autorinnenporträt: wenn die auch noch lesen kann, ist es ja gut.

Unfairerweise sei an dieser Stelle eine erste ihrer wirklich grossen Metaphern eingeflochten: «Das Land war flach wie ein Blatt Papier». Nicht einmal Eric Clapton hätte es besser beschreiben können – was auch immer das heissen will. Am Ende der halben Stunde erfindet sich der Vater gar ein Bein, eines für einen letzten Tanz. Und ja, Gustavs Vater erschiesst sich natürlich, denn anders kommt keine Autorin mehr aus dem «Spiegelkabinett» hinaus.
In der Unvollständigkeit – und auch in der Amputation– sieht die Jury nun einen «Lückentext», psychologisch und metaphorisch. Das ist gut gemeint, wohl aber auch so «morbid», wie die Jury findet.

Bauchnabelzeit

Aber es wird langsam etwas zu viel, zwischendurch sieht man nun lieber am Fernseher vorbei oder überlegt sich, wem man denn noch ein SMS schreiben könnte – warum nicht den Co-Chefredaktor aus seiner lethargischen Nachmittagshitze aufschrecken mit der Ankündigung einer in Echtzeit verfassten Klagenfurt-Klage?
Früher am Tag war da auch noch Nora Gomringer, die über eine erfundene Literatin namens Nora Bussoon oder ähnlich schrieb und las. Auch hier doppelte Böden, bei Nora Gomringer erstmals einige Gags. Nach der Mittagspause war da noch Sven Recker – nein, nicht Sven Regener! –, der ganz offenbar am «Trash» scheiterte, obwohl reihum alle sieben in der Jury beteuern, nichts gegen «Trash» als literarisches Mittel zu haben.

Irritiert, weil Irritierte irritiert warn

Bei Fritsche hebt die Jury zum Schluss des ersten Tages nun erstmals ab. Trotz des Klischees, dass der einbeinige Mann ausgerechnet Tanzlehrer war, trotz des nicht gerade geglückten Bildes «Blumen, wie Kelche an die Hauswand gedrückt». Die Jury sieht darin ein Zeichen für die Authentizität der Natur. Dazu Juror Klaus Kastberger mit dem literaturtheoretischen Highlight des Tages:

«Das sind Bilder, um Platz hinter dem Text zu schaffen. Literatur ist auch möglich, wenn sie eigensinnig ist.»

Elisabeth Keller erklärt das «Memento Mori» gar zu einer literarischen Gattung. Mist, da ist nirgendwo Eric Clapton, den man fragen könnte.
Nach drei Uhr ist es vorbei mit den Lesungen. Katharina Poladjan sitzt beim Interview entspannt im Garten vor dem ORF-Theater. Sie sei irritiert, dass die Jury wegen der Irritationen in ihrem Text irritiert war. Der geneigte Beobachter atmet beruhigt auf: denn wenn schon sogar die schöne Literatur eigensinnig sein darf, dann …

Befindlichkeit find ich gut!

Um ebenfalls ein Gefühl zu all dem zu haben, so fällt auf, dass sich alle Texte auf ein Interesse an der Befindlichkeit verlassen. Bei Gomringer ist es Selbstironie, bei Fritsche ist es die Häufung der Bilder über das Bild der Vaterfigur. Gut geschrieben sind alle Texte. Aber der kritische Vorschlaghammer von wegen Mangel an Welt sei dennoch heranzitiert. Es ist nicht die Welt, für die sich diese Autoren interessieren. Vielmehr loten sie allesamt entlegene Befindlichkeiten aus, die eher komplex anmuten, um nicht zu sagen: konstruiert sind. Es muss noch am Morgen gewesen sein, also vor Stunden und vor Texten und vor Diskussionen, als Juri Steiner, Juror aus der Schweiz, bei einer Lesung das «Orgiastische» vermutete, aber er vermutete es nur, «um es nicht zu unterstellen». Gegen vier ist es für heute vorbei. Zeit, das Telefon aus dem Wäschekorb holen und zu schauen, ob das Auto noch draussen auf der Strasse steht. Oder um abzutesten, wie der Co-Chefredaktor auf den Vorschlag einer Klagenfurt-Klage reagiert.

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