gesichtet #114: Der Waldgeist vom St. Alban

Von Michel Schultheiss

Es gibt sie noch, die Park-Erscheinungen, die aus der Reihe tanzen. So etwa jene knorrigen Gesichter, die dem Passanten plötzlich aus dem Gehölz entgegenstarren. Wer genau hinschaut, vermag hier nämlich einen bärtigen Kerl und weitere Gesichter im Stamm zu erkennen. Ein Waldschrat, ein Ent aus «Herr der Ringe», ein Tschäggätte aus dem Lötschental oder sonst ein urchiges Koboldgesicht scheint hier plötzlich aufzutauchen.

Trompetenbaum 1

Baumbart aus Tolkiens «Herr der Ringe» lebt in der St. Alban-Anlage (Foto: smi).

Die Rede ist von einem Baumstrunk in der St. Alban-Anlage, der viele Gesichter hat. Er trägt gar einen Säugling im Arm – bevor dessen «Kopf» abbrach, waren die Umrisse noch deutlicher. Wie etwa bei vorbeiziehenden Wolken oder groben Tapetenwänden sind auch beim Blick auf diesen Baum keine Grenzen gesetzt: So manches Fabelwesen mag in diesem Gewächs – wohl einem der skurrilsten in Basel – hausen. Nicht nur in Stein gehauene Gesichter, sondern auch von der Natur erschaffene Fratzen sind an diesem Beispiel zu sichten.

Trompetenbaum 2

Einst schien der Trompetenbaum ein Kind auf dem Arm zu tragen. Mittlerweile ist vom Kopf des Kleinen nicht mehr viel zu sehen (Foto: smi).

Beim besagten Baum in der St. Alban-Anlage handelt es sich um eine Catalpa bignonioides, den gewöhnlichen Trompetenbaum. Die Form seiner Blüten verlieh dem Baum, der im Südosten der USA beheimatet ist, diesen kauzigen Namen. Wie Meinrad Gunti, Kreisleiter bei der Stadtgärtnerei, erklärt, hat das Exemplar in der St. Alban-Anlage etwa 120 Jahre auf dem Buckel. Von den Trompeten ist schon lange nichts mehr übrig. Weshalb nur noch der Strunk zu sehen ist, hat seine Gründe: 2004 musste der Baum aus Sicherheitsgründen gekappt werden. «Die Krone drohte auf die Strasse und die BVB Fahrleitung zu fallen», erklärt Meinrad Gunti. «Da der Stamm verdreht ist und ein wunderschönes märchenhaftes Bild abgibt, liess man ihn stehen».

Trompetenbaum 3

Da er für die Strasse ein Sicherheitsproblem darstellte, wurde dem Trompetenbaum anno 2004 die Krone gekappt (Foto: smi).

Das Gehölz ist nicht etwa tot: Um zu verhindern, dass der Baum wieder eine neue Krone bildet, die er gar nicht tragen kann, schneiden die Stadtgärtner die Austriebe des Trompetenbaums regelmässig zurück. Trotz bereits wieder sichtbaren Blättern geht’s dem Baum zurzeit aber nicht gerade blendend. In den letzten zwei Jahren hat er stark abgegeben, da sich in seiner Stammbasis ein Brandkrustenpilz eingenistet hat. «Die Stadtgärtnerei ist bemüht den Stamm so lange wie möglich stehen zu lassen», versichert Gunti. Somit wird der Exote unter den städtischen Gehölzen der Stadt hoffentlich noch eine Weile erhalten bleiben – und mit seinem verworrenen Stamm weiterhin den Waldschraten mimen.

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