Die lustigen Leiden der Ü30-Ladies – Natascha Bellers «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei»

Natascha Beller, bekannt als SRF-Autorin (u.a. «Deville», «Der Bestatter»), legt ein witziges Debüt vor, das über weite Strecken wirklich so humorvoll und skurril ist, wie andere Deutschschweizer Filmemacher*innen nur sein wollen, aber kaum je sind.

Leila (Michèle Rohrbach) will unbedingt ein Kind. Aber sie ist bereits über 30, und viele Männer halten es ja wohl doch mit der Allschwil-Posse: «Fraue über zwanzig / sin ranzig». Logo, dass sie bei den Männern kaum eine Chance hat, sowohl online als auch an der Ü30-Party, an der sich so oder so vor allem Senior*innen vergnügen… ihre Schwester Amanda (Sarah Hostettler) hingegen hat ganz andere Probleme: sie hat Kind und Mann, fokussiert sich aber ganz auf ihre Karriere. Leilas beste Freundin Sophie (Anne Haug) hingegen ist zwar alleinerziehend, lernt aber trotzdem – oder gerade deshalb – einen sehr interessanten Mann kennen…

Was Natascha Beller hier vorlegt, sind 90 grösstenteils vergnügliche Minuten, mit witzigen Ideen (z. B. einem sehr verblüffenden Erzähler…), teilweise gar animiert. Diese formalen Auflockerungen wirken dabei durchaus als Mise en abyme und zeigen doch, wie clever Natascha Beller in ihrem Erstling vorgeht: zwar hat der Film sicherlich bei der Academy auch keine Chance, aber verdient hätte es Bellers Film sicher, als offizieller CH-Beitrag in die USA geschickt zu werden.

Amanda trifft ihre Schwester Leila bei der Arbeit… (Bild: zVg)

Das Rennen gemacht hat bekanntlich aber ein anderer Schweizer Film: «Wolkenbruch», ein Film, der aber in Hollywood auch absolut null Chancen hat. Es wäre ein echtes Wunder, wenn die Academy die locker-luftige und durchaus anspruchslose Literaturverfilmung auszeichnen würde… aber zurück zu Natascha Bellers Film. Beller ist bekannt als SRF-Autorin (u.a. «Deville», «Der Bestatter»); dort hat sie zweifellos bewiesen, dass sie etwas von Humor versteht. Sprachlich wirkt der Film zwar teilweise etwas ungeschickt, aber das liegt vielleicht daran, dass unser Blick bei Deutschschweizer Filmen immer schärfer ist als bei Produktionen in anderen Sprachen.

Und – nun doch wieder zurück zu «Wolkenbruch»: dort reden ja die Leute ein rein literarisches Idiom, Hochdeutsch gespickt mit Jiddisch – eine Sprache, die es so nicht gibt. Insofern ist dann Bellers Films wieder naturalistisch(er) als «Wolkenbruch» – obwohl dies natürlich nicht das Ziel sein kann oder muss, gerade bei einer Komödie…

Film ist eben letztlich doch Traum (oder bei Lars von Trier: Albtraum), und das ist auch gut so. In «Wolkenbruch» ist kein Wort Schweizerdeutsch zu hören; wie auch bei Schlöndorff in «Der neunte Tag» kein Wort Luxemburgisch zu hören ist. Aber «Wolkenbruch» ist ja auch kein Film über ein historisches Thema, der Vergleich hinkt also wohl…

Nun aber doch wieder zurück zu «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei». Nicht alles überzeugt – aber dies ist auf jeden Fall ein Debüt, das Lust auf mehr macht. Interessant ist dabei, dass selbst der Blick auf Minderheiten durchaus doppelbödig ist: der (iranisch-schweizerische) Schauspieler Alireza Bayram spielt nämlich sich selbst und ist sich nicht zu schade, sich als Macho-Vollidiot zu porträtieren…

 «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei». Schweiz 2019. Regie: Natascha Beller. Mit Michèle Rohrbach, Sarah Hostettler, Anne Haug, Simone Kern, Alireza Bayram, Matthias Britschgi u.a. Deutschschweizer Kinostart am 28. August 2019.


%d Bloggern gefällt das: