Leben für die Kunst – Ralph Fiennes «The White Crow»

Ralph Fiennes schafft das scheinbar Unmögliche: ein Biopic ohne Hagiografie, in dem der sowjetische Ballet-Tänzer Rudolf Nurejew in Frankreich vor eine schwierige Wahl gestellt wird…

Der Kalte Krieg. Rudolf Nurejew ist mit seiner Truppe zu Gast in Frankreich. Englisch hat er schon – instruiert von einem sprachkundigen deutschen Freund – etwas gelernt. Und auch sonst ist er nicht unvorbereitet: er besucht den Louvre und will sich einen Kindheitstraum erfüllen. In einem Spielwarengeschäft lässt er sich alle Modelleisenbahnen vorführen und treibt so nicht nur seine französische Freundin in die Verzweiflung…

Er ist der Grösste, macht es aber seiner Umwelt nicht einfach – so wird er zur Persona non grata in der UdSSR; aber bei seinen neuen Freunden in Frankreich macht er sich auch nicht nur beliebt.

Rudolf Nurejew im Gespräch mit seiner französisch-chilenischen Freundin Clara. (Bild: zVg)

Ralph Fiennes zeigt seinen Nurejew ungeschönt; er entwirft kein Heiligenbild und gerade deshalb ist «The White Crow» ein wirklich sehenswertes Biopic. Geredet wird Russisch, Französisch, Spanisch und natürlich Englisch; die Sprachen, die wohl die historischen Figuren selber sprachen. Wobei Nurejew ja aus einer tatarischen, also turksprachigen Familie stammte… vielleicht fehlt hier also noch ein Idiom.

Aber ein Spielfilm ist natürlich kein Dokumentarfilm; Fiennes Film will sicher in Vielem authentisch sein, aber er will doch noch mehr ein Blick auf die Kunst und das Leben von Rudolf Nurejew sein – und das ist mit einem Spielfilm vielleicht sogar einfacher möglich als mit einem Dokumentarfilm. Schliesslich kann ein künstlerisches Werk die Kunst selber besser zeigen als ein vermeintlich objektives dokumentarisches, gestalterisch aber anspruchsloseres Werk.

Gefilmt wurde übrigens in Frankreich, Russland, Serbien und Kroatien – Ralph Fiennes ist (wohl nicht zuletzt wegen «The White Crow») unterdessen selber serbischer Bürger. «The White Crow» ist Fiennes’ dritter Film als Regisseur: bereits sein Zweitling, «The Invisible Woman», war ein Biopic (über Charles Dickens), 2011 überraschte er mit seiner modernisierten Version von Shakespeares «Coriolanus», die er in Serbien und Montenegro inszenierte. Ralph Fiennes ist ein Schauspieler und Regisseur, der selten enttäuscht und auch Experimenten nicht abgeneigt ist.

«The White Crow». UK/Frankreich/Serbien 2019. Regie: Ralph Fiennes. Mit Oleg Ivenko, Ralph Fiennes, Adèle Exarchopoulos, Chulpan Khamatova u.a.  Nelson u.a. Deutschschweizer Kinostart am 29. August 2019.


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