Kommentatort 48: Mord oder Selbstmord, keine Frage!

Wie eine Kuh auf dem Eis

Der eigentliche Fall, das Ableben des Journalisten, droht bald vor lauter aufregenden ‚neuen’ Erkenntnissen und „Geheimdienst-Mauscheleien“ unterzugehen. Borowski und Brandt rennen den kleinsten Indizien zum Barschel-Todesfall nach. Die Vergangenheit wirft ihren Schatten. Als unvoreingenommener Zuschauer kann der Kommentatort bald nicht mehr sagen, was man von der Sache halten soll: Verschwörung? Mord? Verzweiflung? Selbstmord? Diesem Tatort gelingt es, mit dem grossen Bogen, der bis nach Genf ausgreift, nicht nur die Ermittler auf eine trügerische Spur zu locken. Nach allen Regeln der Kunst (Regie: Eoin Moore, der schon den ausgezeichneten Polizeiruf  110 „Stillschweigen“ verantwortete) wird man aufs Glatteis gelockt. Lockt man eine Kuh aufs Glatteis, sieht das schnell einmal recht gefällig aus und künstlerisch. Das Verdienst dieser Folge ist es unter anderem, das Hornvieh rechtzeitig vom glatten Eis zu holen. Dieser Tatort ist mehr als nur ein Tatort, ist ein Tatort über den Tatort. Während in den sonstigen Filmen die lächerlich-winzigsten Spuren von orakelhaft-kaffeesatzleserisch-traumwandlerisch sicheren Kommissaren gewertet und sendezeitfensterkonform (sowie, selbstverständlich, auch zutreffend!) interpretiert werden, ist hier das Gegenteil der Fall. Borowski wehrt sich am Anfang gegen Interpretationen des Falles Barschel als Mord. Mehr und mehr Spuren führen aber auch ihn auf diese Schiene. Dadurch, dass ein grosser Teil der whodunnit-Handlung einen längst vergangenen Fall betrifft, wird der eigentliche Fall ausgeklammert.

Ermitteln, ganz ohne Erfolgsdruck

Egal, welche Spuren Brandt und Borowski auch finden in der Sache Barschel, dem Publikum ist kar, es wird ins Nichts führen. Dennoch gewinnt der Hintergrundfall immer grösseres Gewicht. Die Aussichtslosigkeit dieser Bemühungen kann man im „Grossen Brockhaus“ nachschlagen oder auf der Homepage der Staatsanwaltschaft (wo man die Ermittlungsakte Barschel nachlesen kann). Wenn das kein gelungener Kommentar zum Tatort als Filmreihe ist (mit seiner Doktrin der stets zielgerichteten Ermittlungen): Zwei Ermittler lassen sich, wie üblich, von mikroskopischen Spuren zu rasch ausufernden Ermittlungen verführen. Unüblicherweise können sie das befreit von jedem Erfolgsdruck tun. Was ganze Stäbe, Sonderkommissionen und Horden investigativer Journalisten vor ihnen nicht schafften, werden auch sie nicht schaffen. Die Causa Barschel wird im Dunkel aufgehoben bleiben.

Viele freie Fälle

Der Titel „Borowski und der freie Fall“ ist gut gewählt. Einerseits zeigt es den tiefen Fall aller Beteiligten, des toten Autoren, des ebenfalls toten, geldgeilen Fotografen, des Ministerpräsidenten, der ehemaligen Freundin der beiden. Genauso im freien Fall befand sich Barschel, das gestrauchelte Politikwunderkind, über einen Skandal gestolpert, von seiner Partei fallengelassen, vor dem politischen wie dem wirtschaftlichen Ruin stehend. Einen weiteren freien Fall erleiden Brandt und Borowski. Ihnen wächst die Sache über den Kopf, der Boden wird ihnen unter den Füssen weggezogen, sie verheddern sich in einer Spirale aus Vermutungen, Mutmassungen und Geheimniskrämereien, in einer Sphäre, in der ein einfacher Entreissdiebstahl auf einmal nach CIA und Mossad riecht.

Sarah Brandt, ganz angekommen

Trotz der selbstauferlegten Menge an zu vermittelnden Hintergrundinformationen in der Causa Barschel kommen diese Dokumentaraufnahmen und Erklärdialoge erfreulich unwikipediaesk daher. Dies im Gegensatz zu anderen Tatorten, wo weniger komplexe Zusammenhänge wesentlich plumper über die Handlung gestülpt werden. Ein schönes Symbol für den Generationenwechsel in Kiel ist Sarah Brandt, die, auf ihr iPad starrend, durch das Genfer Hotel „Beau Rivage“ stolpert. Brandt erweist sich einmal mehr als Gegenpol zu Borowski. Erstmals tut sie dies aber ganz natürlich und ungekünstelt; Brandt ist endgültig angekommen an Kommissar Borowskis Seite.

Tatort oder Verschwörungsthriller?

„Borowski und der freie Fall“ tanzt aus der sonntäglichen Reihe (wie zuletzt das Hamburger Thrillerjuwel), sprengt Tatorthodoxien, macht auf Verschwörungsthriller. Mit dem Scheitern des Zugs ins die Domäne von Dan Brown und Co. beweist „Borowski und der freie Fall“ desto deutlicher seine Zugehörigkeit zur Reihe Tatort. Denn am Ende muss doch wenigstens der eine Todesfall aufgeklärt werden, der Mord an Sauerland. War es die Tat eines vor nichts zurückschreckenden Politkarrieristen? Was ist die Verstrickung der erfolgreichen TV-Journalistin in den Fall? Bei Licht betrachtet mag die Auflösung des Journalistenmordes zwar wenig zu überraschen, dafür aber hat dieser Tatort viel über das Genre Tatort ausgesagt. Der Tatort kann in viele Richtungen um sich greifen, in einer Folge Agentenstück sein, in der nächsten dann schon wieder Eifersuchtsdrama. Bei aller zu begrüssenden Gestaltungsfreiheit aber ist der Tatort eben auch mehr als nur ein für sich selbst stehender Film, nämlich Glied in einer langen Reihe von Filmen, und wiedererkennbar sein soll er. Der Spagat zwischen Unikum und Glied einer Reihe ist hier bestens gelungen. Schon fast komisch ist die Figur des ebenso eigen- wie aussagewilligen Genfer Professors mit seinem Trenchcoat und seinem Schlapphut: Ein herrlicher Griff in die Klischeekiste! Daneben behandelt der Film gekonnt auch das Problemfeld „Leben in der Öffentlichkeit“. Es wurde ein überzeugendes Gleichgewicht gefunden zwischen Fakt und Fiktion. Es hätte ja wenig Sinn gemacht, Barschels Tod schauspielerisch nachzuzeichnen – für „Aktenzeichen XY – ungelöst“-Ansätze ist es reichlich spät. Aber der brisante Fall taugt als Folie und Projektionsfläche: Als Hebel auch, um liebgewonnene Tatort-Marotten zu hinterfragen. „Borowski und der freie Fall“ überzeugt weniger als gescheiterter Verschwörungsthriller, als vielmehr als kluge, abendfüllend-unterhaltende Reflexion des ganzen Genres.


%d Bloggern gefällt das: