Kommentatort 48: Mord oder Selbstmord, keine Frage!

Der neue Kieler Tatort „Borowski und der freie Fall“ macht über lange Zeit dort weiter, wo Cenk Batu den Dienst quittierte. Was als Verschwörungs- und Geheimdienstthriller scheitert, gefällt umso mehr als Tatort über den Tatort.

Immer wieder gelangen reale Fälle in den Tatort – ein angenehmer Gegentrend zu allerlei immer verschwurbelteren Tatortfällen, die sich einzig in ihrer An-den-Haaren-Herbeigezogenheit noch voneinander unterscheiden. Durch einen im echten Leben verwurzelten Fall gewinnt der Sonntagabendkrimi eine beklemmende Note: Seien es die Wohnungsüberfälle des „Balkon-Monsters“, die Betrügereien eines Frankfurter Goldkochers oder die Fotografie des zur Fahndung ausgeschriebenen NSU-Mörders Mundlos, der als Requisite ins Bild rutschte. Jetzt also der Fall Uwe Barschel – ein vergleichbares, sendeverbundweit voraussetzbares, im kollektiven Gedächtnis verankertes Rätsel hätte man kaum finden können.

Schmutzkampagne von Doktor Drall

Der Schleswig-holsteinische Ministerpräsident Barschel musste 1987 wegen einer von seinem spin doctor eingefädelten Schmutzkampagne gegen seinen Herausforderer zurücktreten. Er leugnete jegliche Verstrickung, auch mit allerlei halbseidenen Waffengeschäften will er nichts am Hut haben. Er gibt sein Wort als Ehrenmann und kündigt umfangreiche Aussagen an. Bevor es so weit kommt, reist Barschel nach Genf – damals eine Hochburg geheimer Dienste, bevölkert von Waffenschiebern und sonstigen lichtscheuen Kreisen. Das Bild von Barschels Leiche in der Badewanne geht um die Welt: angekleidet, viele Promille und einen haarsträubenden Medikamenten-Cocktail im Blut wird er von einem Reporter in seinem Hotelzimmer im Genfer Nobelhotel „Beau Rivage“ gefunden. Das Spurenbild im Zimmer – ein abgerissener Hemdknopf, eine ausgespülte Whiskey-Flasche – nährt den Verdacht, dass es sich auch um Mord handeln könnte. Mit jeder neuen Spur tauchten neue Fragen auf. Durch diese Sperrigkeit ist der Fall Barschel das Gegenteil eines üblichen Tatorts. Dafür ist dieser Fall viel zu sehr im echten Leben verankert, in dieser kleinlichen Sphäre, wo es mitunter länger als neunzig Minuten dauert, um Morde aufzuklären.

Externe Produktionsberater

Zu sehen, wie die Ermittler unter ihren Nicht-Ermittlungserfolgen leiden, ist die Sphäre der Literatur, siehe Dürrenmatts „Das Versprechen“. Die Integration der Causa Barschel in einen Tatort verspricht neunzig Minuten kriminalistische Obsessionen ohne klares Ende. Zwei, die wissen, wie es sich anfühlt, wenn man in einem solchen Fall auch über die Jahre nicht vom Fleck kommt, sind der Lübecker Oberstaatsanwalt Heinrich Wille sowie der ehemalige Ermittlungsleiter Winfred Tabarelli. Wille ist Autor des Buches „Der Mord, der keiner sein durfte“ und tingelt zurzeit zu Promotionszwecken durch Funk und Fernsehen. Wille berichtet über seine Zeit als ermittelnder Staatsanwalt in der Causa Barschel, berichtet von Behörden, die seine Ermittlungen torpedierten, von schleierhaft-verschleiernden Antworten des BND auf seine Anfragen wie über seine Schwierigkeiten, in ermittlungsrelevante Kreise vorzustossen. Winfred Tabarelli war seinerzeit Leiter der Ermittlungsgruppe Genf (Kommissar Borowskis Rolle im „Freien Fall“ ist Tabarelli nachgezeichnet). Er stand dem Produktionsteam von „Borowski und der freie Fall“ als Berater zur Seite.

Selbstmord oder Mord?

Borowski und Brandt werden zu einem Suizid hinzugezogen. Der Journalist, Autor und Unternehmer Dirk Sauerland wird tot aufgefunden. Stutzig machen Verletzungen am Kopf. Wurde der Tote umgebracht? Sauerland soll an einem Enthüllungsbuch in der Causa Barschel gearbeitet haben. Das klingt verwunderlich – aber die Forensik ist ja nicht gerade stehengeblieben ist in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren. Hier holt die Realität die Fiktion ein: Es kam nämlich so, dass während der Dreharbeiten die Nachricht für Aufsehen sorgte, dass auf Barschels Kleidung neue, nicht identifizierte DNA-Spuren aufgetaucht seien. Wertet man dies als möglichen Hinweis auf Fremdverschulden und addiert es hinzu zu Barschels Ankündigungen, alles auf den Tisch legen zu wollen, was er wisse, hat man alle Elemente zum Verschwörungsthriller, der allenfalls am Rande mit einem handelsüblichen Tatort zu schaffen hat. Sarah Brandt jedenfalls ist sofort Feuer und Flamme für die Mordthese – und zwar gleich doppelt, sowohl in Sachen Barschel als auch in Sachen Sauerland. Kommissar Borowski ist in Sachen Barschel zurückhaltender als Sarah Brandt. Kunststück: er arbeitete seinerzeit in der „Ermittlungsgruppe Genf“, die den Fall Barschel untersuchte. Nach und nach wird aber auch Borowski dem Sog der Verschwörungstheorien erliegen.

Zu dir oder zu mir? Diese Frage hat sich bei Brandt und Borowski definitiv erledigt. Die beiden sind jetzt nämlich endlich ganz bei sich. (zVg)