Mein Leben als Schimmelpilz: Gammeln als zeitgenössische Existenzgrundlage
von Michael E. Graber
Lassen Sie sich von Michael E. Grabers zauberhaft-desillusioniert-idealistischem Text „Mein Leben als Schimmelpilz“ vor Augen führen, was ein Schimmelpilz so alles mit der Welt, in der er wuchert und wächst, zu schaffen hat, und was er über sie ausdrückt. So viel Kultur werden Sie wohl kaum je in einem Schimmelpilz vermutet haben!
Zeitnah schätzt sich glücklich, Ihnen den im besten Sinne merk-würdigen Text „Mein Leben als Schimmelpilz“ von Michael E. Graber präsentieren zu dürfen. (zVg)
Die Proklamation eines Hilfeschreis möchte ich an dieser Stelle tunlichst vermeiden. So etwas will schliesslich niemand lesen. Ausserdem wird man sonst allzu schnell in den brodelnden Topf der ewigen Nörgler geworfen. Wenn ich also im Folgenden schreibe, dass das Leben ein stinkender Sumpf und die Menschheit ein parasitäres Flechtengewächs sei, dann meine ich das also nicht zwingend in einem minder wohlmeinenden Sinn. Es ist mehr eine Art leicht konsternierter Feststellung – frei von jeder Polemik, versteht sich. Ich würde mir ja auch niemals anmassen, so überaus generalisierend über die Menschheit als Ganzes zu schreiben. Das wollte ich vorweg nur gesagt haben. Die ironischen Intonationen können Sie selber und ganz nach Belieben einfügen.
Ich als Schreibender, als Kunstschaffender, wie man das heute nennt, zähle mich ja zur weitverbreiteten Gattung des gemeinen Schimmelpilzes. Wie Schimmel bevorzuge ich ein angenehm warmes, feuchtfröhliches Klima. Wie Schimmel gedeihe allen Hausmitteln zum Trotz in der allgemeinen Unaufmerksamkeit und ebenso wie Schimmel hoffe ich heimlich darauf, beizeiten eine gewisse Edelfäule zu entwickeln, mache aber leider die meisten Leute bisweilen lediglich ganz krank durch meine blosse Anwesenheit. Und ähnlich wie die meisten Pilzgewächse, die einmal irgendwo Fuss gefasst haben, bewege ich mich in letzter Zeit kaum noch bis eigentlich gar nicht mehr. Keine Ambitionen, keine Ziele, kein Antrieb zu überhaupt nichts. Als hätten sich alle hohen und noblen Ziele der bewegten Jugend in Zigarettenrauch aufgelöst, vegetiere ich im Dunste meiner kreisenden Gedanken vor mich hin und warte – um den Vergleich mit dem Schimmelpilz aufrechtzuerhalten – aufs letzten Endes unvermeidbare Abkratzen.
Das klingt jetzt etwas drastischer, als es ist. Es ist ja auch nicht so, dass mein Dasein als Schimmelpilz etwas grundsätzlich Schlechtes wäre. Schliesslich befinde ich mich in der allerbesten Gesellschaft. Künstler, Denker, Unternehmer und vor allen Dingen Politiker pilzen dieser Tage an der Peripherie des Geschehens vor sich hin, lassen hie und da zwar ein Quäntchen warme Luft ab, geben sich ansonsten aber eher bedeckt oder tun oft gar so, als wären sie überhaupt nicht da.
Ja, man fragt sich zuweilen wirklich, ob es irgendjemandem auffallen würde, wenn Kabinette und Konferenzräume einfach leer blieben, einzig verwaltet von einer dünnen Schicht grünen Flaums. Wahrscheinlich würde es hinsichtlich des Welthungers, der Energiefrage, der Kriegsverbrechen und der Polkappenschmelze überhaupt keinen Unterschied machen und wahrscheinlich würde es auch niemanden grossartig interessieren – abgesehen vielleicht von der marginalen Restmenge, die aus unerfindlichen Gründen doch ab und an von ihrem Wahl- und (in der Schweiz) Abstimmungsrecht Gebrauch macht. Die grauen Massen unterlagen unlängst der globalen Verpilzung und jeder denkt sich heimlich: Was geht’s mich an?
Verübeln kann man uns diese zur Kunstform kultivierte Teilnahmslosigkeit ja wirklich nicht. Sie wird uns schliesslich von allen Seiten vorgelebt. Schimmel geht nicht in die Opposition. Schimmel stellt keine berechtigten Ansprüche, denn er hat kaum welche. Schimmel ist einfach. Man schwimmt mit dem Strom – was in diesem Falle heisst: Man modert mit dem Sumpf – oder man geht früher oder später unter.
Aber wie gesagt, ich will mich nicht beklagen. Eigentlich ist sie ganz schön, die neue Welt – oder wenn nicht schön, dann doch zumindest praktisch. Und wenn nicht praktisch, dann doch wenigstens bequem. Alles geht heute so viel leichter, so viel einfacher. Essen zum Beispiel. Früher, in einer Zeit der Pferdewagen und der Bartpomade, als die Männer noch gottesfürchtig waren und die Frauen ihren Platz kannten, da war jede Mahlzeit das Ergebnis eines nervenaufreibenden und zeitraubenden Kraftakts, genannt „Kochen“. Heute können wir einfach kochen lassen und das für wenig Geld. Der Supermarkt bietet uns kühlregalweise Köstlichkeiten, fertig gekocht und steril verpackt. So können wir uns vor Ort ganz spontan und flexibel für eine beliebige Speise entscheiden.
Man braucht sich auch an der Kasse keinen Kopf darüber zu machen, ob man etwa die eine oder andere Zutat vergessen hätte. In Tante Bettys urheberrechtlich geschütztem Pappkarton ist alles enthalten. Vorspeise, Hauptgang, Dessert. So bleibt der Kopf frei von allem und wir können unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen widmen, zum Beispiel den nützlichen Verbraucherinformationen, die uns von überall umher entgegenschallen. Sogar der Abwasch erübrigt sich indes, da sämtliche Leckerschmeckereien direkt nach der Fabrikation in praktische Einwegschalen gestampft wurden.
Auch die Zubereitung ist für die erfahrene Hausfrau und Mutter von heute das reinste Kinderspiel. Einschieben, Knopf drücken und fertig. Das bedeutet mehr Zeit für die Familie, den Hund, den Shoppingkanal oder den Partner. Nach der Endfertigung im heimischen Herd verwandeln sich die blassen Einzelkomponenten wie von Zauberhand in köstlich duftende Illusionen kulinarischer Hochgenüsse. Zeitgleich mit dem Piepsen der Mikrowelle setzen diverse Geschmacksverstärker Düfte frei, die in unserem Kopf qua Nase das olfaktorische Äquivalent einer warmen Frauenstimme bilden, die uns einladend „Mahlzeit“ ins Ohr säuselt. Hat man sich erst einmal an den zarten Beigeschmack von Pappe gewöhnt, schmeckt der Fertigfrass fast wie an Mamas Tisch. Wen kümmert es da noch, dass das Beef in Tat und Wahrheit gefriergetrocknetes Huhn ist? Nur weil die Erdbeeren im Joghurt aus Baumrinde geschnitzt wurden, macht heute schliesslich niemand mehr einen Aufstand.
Auch der kulinarische Kulturaustausch kommt dabei nicht zu kurz. Heute Nordsee, morgen Shanghai und übermorgen Darmspiegelung, ohne Zoll und Spesen. So schön kann das Leben sein – und das Beste daran ist, dass man sich denn Frass sogar liefern lassen kann. Bei dermassen minimiertem Aufwand wird jedem Schimmelpilz ganz flauschig um die Filamente.
Freilich ist das sang- und klanglose Vor-sich-hin-Öden auf Dauer nicht wirklich befriedigend. Man wird je nach Typ und Gattung depressiv oder missmutig und reizbar, um nicht zu sagen garstig gegenüber seinen Mitpilzen. Ja, man beginnt über kurz oder lang gar mit dem Gedanken zu spielen, sich von der nächsten Brücke zu stürzen. Das aber auch nur, um wenigstens in den letzten beiden Sekunden seiner gräulichen Existenz das Gefühl von ausgeschüttetem Adrenalin wiederzuentdecken. Da aber der Suizid – Pardon: der Fungizid – natürlich keine Lösung ist und nicht die Lösung sein kann, und weil die meisten Psychiater, Nervenheilanstalten, Makramee-kurse und Bachblütenworkshops auf Monate ausgebucht sind, bleibt dem tödlich gelangweilten Jungsaprophyten meist nur die Flucht in die bibabunte Welt des Fernsehens, wo ihm dann gewissenhaft und gründlich die letzten eigenständigen Gedanken aus den Synapsen gewaschen werden.
(Das ist jetzt vielleicht der Punkt, an dem meine unpolemische Feststellung eine leichte Färbung von Unzufriedenheit annehmen könnte. Ich bitte Sie, dem weiter keine Beachtung zu schenken. Die Applikation von Ironie auf das bisher Gelesene lag, wie eingangs erwähnt, gänzlich in Ihrem eignen Ermessen.)
Vielleicht irre ich mich ja, denn als Mensch wie als Pilz neigt man ja zum Irrtum, aber es scheint mir, dass wir früher – als das Denken noch frei und der Fernsehkonsum durch die elterliche Gewalt beschränkt war – noch etwas bewegen wollten. Da hatten wir noch Pläne von einer besseren, einer gerechteren Welt. Naive und unreife Pläne, das mag sein, aber wenigstens hatten wir welche. Heute? Nicht wirklich. Ich für meinen Teil habe gar keine Pläne mehr und wer keine Pläne hat, der ist gänzlich ungefährlich, den lässt man in Ruhe. Was will ein einzelner Pilz auch gross bewegen? Pilze können sich ja nicht mal selbst bewegen. Im besten Fall verschleudert man als Pilz noch ein paar Sporen, im schlimmsten Fall wird man nur noch breiter und breiter. Es ist kein Leben, so als Pilz.
Also verzeihen Sie bitte, wenn ich es nicht auf mich nehme, persönlich – beziehungsweise durch persönliche Spenden – den Regenwald zu retten und wenn mich nicht bequemen kann, nach Bundesbern oder sonstwohin zu pilgern um medienwirksam und konsequenzlos gegen diese oder jene Schweinerei zu protestieren. Ich trenne den Müll und klebe keine Kaugummis unter Stühle. Das ist was ich beitragen kann. Ansonsten bin ich einfach da. Und schaue Ihnen zu. Und lasse Sie machen. Und gelegentlich, ganz selten nur, da frage ich mich, wann genau ich eigentlich aufgehört habe, mich über diesen Umstand zu ärgern.
Michael E. Graber, Jahrgang 1982, in Oftringen geboren, studierte Theaterwissenschaft und Philosophie. Er arbeitete als Schauspieler, Kinder-Animateur, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kulturjournalist und unterrichtet Deutsch. Einladung an die Schreibwerkstatt „Luaga & Losna“ in Nenzing (A), Beiträge für Anthologien und Lesungen. 2010 Uraufführung des Bühnenerstlings „agents provocateurs: Ein Agentenstück“, Einladung ans Festival „megaFon“ in Bochum. Gründung des Performancekollektivs 5 drunken monkeys. 2011 in Koproduktion mit Theater Tuchlaube Zweitling „Unbeaufsichtigtes Gepäck (wird vernichtet)“. Mit-Initiator der Veranstaltungsreihe Toxic Relief im Unternehmen Mitte Im Juli 2013 dreimonatiger Atelieraufenthalt in London, ermöglicht vom Aargauer Kuratorium.
