Aussichtsloser Kampf – Jasmila Zbanic‘ «Quo Vadis, Aida?»

In fast allen ihren Filmen spielt der Krieg im ehemaligen Jugoslawien eine herausragende Rolle. Auch ihr neuer Film macht da keine Ausnahme. Jasmila Zbanic legt ein wichtiges Plädoyer für die Menschlichkeit und gegen den Krieg vor.

Aida ist Übersetzerin im UN-Camp in einer kleinen bosnischen Stadt namens Srebrenica. Sie übersetzt, versucht aber gleichzeitig, ihren Mann und ihre zwei Söhne zu retten. Doch die serbische Armee hat andere Pläne; Pläne, mit denen sie auch die Bemühungen der UN-Blauhelme neutralisieren will.

Schon in ihrem ersten Spielfilm «Grbavica» hat Jasmila Zbanic den Krieg in ihrer Heimat thematisiert. In «Na putu» (2010) hat sie den islamischen Fundamentalismus, der in Bosnien eigentlich kaum heimisch ist, dargestellt. Nach einem leichteren Stoff («Love Island», 2010) und zwei Dokumentarfilmen («One Day in Sarajevo», 2014; «Airborn», 2019) nun wieder ein Spielfilm zum Thema. Schon der Schauplatz lässt einen das Schlimmste erwarten.

Aida übersetzt für die UN – viel mehr kann sie aber nicht machen… (Bild: zVg)

Als Schauplatz wird «Europe, Bosnia» angegeben – es ist wichtig, dass dies in Europa passiert ist. Die UN hat hier ebenso versagt wie in Rwanda, wo sich ebenfalls Menschen, die eigentlich dieselbe Sprache reden, bekämpft haben – und hier wie dort ist es die Minderheit, die am meisten gelitten hat. Es ist aber klar, dass Jasmila Zbanic nicht für Rache plädiert – sondern für mehr Menschlichkeit.

Dies wird hier viel deutlicher als etwa in Angelina Jolies Film «In the Land of Blood and Honey» – Jasmila Zbanic hat wie Angelina Jolie das Drehbuch selber geschrieben, aber anders als Angelina Jolie hat sie den Krieg selber miterlebt. Wie wenig sich die Menschen in westlicheren Gefilden den Krieg in Ex-Jugoslawien vorstellen konnten, zeigt auch Anja Kofmehl in ihrem Film «Chris the Swiss».

Vor Krieg und Genozid sind wir alle nicht gefeit – das zeigt gerade das Schicksal ihres Cousins Chris. In Srebrenica sind 8000 Menschen umgebracht worden – vor allem Männer, alle von ihnen Zivilisten. Es handelt sich um das schwerste Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jasmila Zbanic‘ Film zeigt, wie eine Frau das Schlimmste verhindern will, aber letztlich doch scheitern muss. Alles andere wäre eine krasse Verkennung der historischen Realität. Oft wird gerade von offizieller türkischer Seite behauptet, dass der Genozid an der armenischen Bevölkerung normaler Teil des Krieges war. Aber Krieg oder kriegsähnliche Auseinandersetzungen schützen Minderheiten eben nicht vor Massakern und Genozid – das hat Srebrenica gezeigt.

Der Name der Hauptfigur verweist übrigens auf eine Oper von Verdi, die Verdi für seine ägyptischen Auftraggeber komponiert hat, Europa, Asien und Afrika sind schon in Aidas Namen vereint. Und vielleicht ist es ja genau das, wogegen die serbische Armee gekämpft hat: eine islamische Präsenz in Europa; wie auch die Nazis alles, was ihnen nicht europäisch genug vorkam, ausmerzen wollten. Der Titel des Films erinnert zudem an Sienkiewicz‘ historischen Roman über die Verfolgung der Christen im römischen Reich – an Geschichten, die alle Menschen in Europa miteinander verbinden. Das heutige Bosnien war zudem natürlich auch ein Teil des römischen Reiches.

«Quo Vadis, Aida?» BiH/D/A/RO/NL/PL/F/NO 2020. Regie: Jasmila Zbanic. Mit Jasna Duericic, Boris Ler, Izudin Bajrovic, Boris Isakovic, Dino Bajrovic, John Heldenbergh u. a. Deutschschweizer Kinostart am 5. August 2021.


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