Drei junge Frauen suchen ihren Weg – Luàna Bajramis «The Hill Where Lionesses Roar»
Die französisch-kosovarische Regisseurin und Schauspielerin Luàna Bajrami ermöglicht mit ihrem Erstling einen spannenden Einblick in das Leben von drei jungen Frauen in der kosovarischen Provinz. Bonnie und Clyde mal anders … oder vielleicht eher Thelma, Louise und Louise!
Drei junge Frauen in einem abgelegenen Dorf im Kosovo. Sie suchen ihren Weg in einer traditionell geprägten Gemeinschaft und gründen kurzentschlossen ihre eigene kriminelle Vereinigung … eine Ausbildung wird ihnen nämlich verwehrt; sie leiden unter dem patriarchalischen Klima und wollen ihr Schicksal in ihre eignen Hände nehmen.
Luàna Bajrami, bekannt aus Céline Sciammas «Portrait de la jeune fille en feu», überzeugt mit ihrem Regie-Debüt, in dem sehr wenig passiert, was aber gerade passt zu diesem ganz in der Provinz angesiedelten Werk, in dem drei junge, moderne Frauen ihren eigenen Weg suchen, auch auf der anderen Seite des Gesetzes. Luàna Bajrami ist in ihrem Film auch zu sehen: sie spielt eine in Frankreich lebende Kosovoalbanerin. Die Frauen beneiden die Verwandte aus dem Westen zuerst, doch es zeigt sich schon bald, dass auch ihr Leben nicht perfekt ist. Trotzdem hat sie bessere Aussichten – echte Perspektiven auf ein Leben in Würde, frei von Unterdrückung.
Einen wirklichen Plot hat der Film, der notabene in dem Dorf spielt, in dem Luàna Bajrami die ersten sieben Jahre ihres Lebens verbracht hat, nicht – oder man muss schon sehr genau hinschauen, um ihn zu erkennen. Das ist aber natürlich kein schlechtes Zeichen – Robert Altmans «McCabe and Mrs. Miller», zweifellos ein Meisterwerk der Filmkunst, plätschert auch nur so dahin: Man hat das Gefühl, einfach dem Alltag zuzuschauen, die Dialoge überlappen sich, die Handlung entfaltet sich eher beiläufig – so ist es möglicherweise auch hier, auch wenn Luàna Bajrami vielleicht noch kein Meisterwerk vorlegt hat. Aber auch Robert Altman hat ja schliesslich seinen besten Film nicht mit erst 20 Jahren gedreht! Luàna Bajramis erster Film hingegen ist wirklich nahezu perfekt, auch der Umgang mit der Musik erinnert etwas an Altmans grossen Schneewestern; auch wenn hier neben den Songs auch noch ein Score zu hören ist. So oder so ist hier der Fokus weniger auf den Dialogen, sondern viel stärker auf den Bildern. Genau hinschauen ist von Vorteil!
Wie sehr Bajrami als Regisseurin und Autorin auf Details achtet, zeigt übrigens auch ihr Umgang mit den Namen: Zwei der Frauen und ihr Freund Zem haben einsilbige Namen; Luàna Bajramis Alter ego im Film sowie die Dritte im Bunde hat einen zweisilbigen; ihren wirklichen Namen schreibt sie mit einem accent grave, was auf Albanisch allerdings völlig unüblich ist. Vielleicht steht dieser Akzent für ihre eigene Existenz zwischen den Kulturen … oder aber es handelt sich einfach um einen rebellischen Akt, wie er eben zu einer Löwin passt – ihr Vorname (Luana) heisst denn auch … Löwin. Gut gebrüllt, Löwin!
«La colline où rugissent les lionnes». Kosovo/Frankreich 2021. Regie: Luàna Bajrami. Mit Flaka Latifi, Urate Shubani, Era Balaj, Luàna Bajrami, Andi Bajgora u. a. Deutschschweizer Kinostart am 18. August 2022.
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