Der Nachbar weint

von Dieter Zwicky

Zum heutigen Texttag offeriert Ihnen das Kulturmagazin Zeitnah den verstörend-lesenswerten Text  „Der Nachbar weint“ von Dieter Zwicky. Zwicky formuliert ebenso skrupulös wie skrupellos, und bei aller Helle und Ausleuchtung bleibt ein Dunkles an der Geschichte.

 

„Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012″ schätzt sich glücklich, Ihnen am heutigen Texttag Dieter Zwickys Text “Der Nachbar weint” präsentieren zu dürfen.

 

Mein Nachbar, dieser graue Herr, ruft energisch über die Hecke, ob ich kurz Zeit hätte, ihm behilflich zu sein.

Gewiss.

Hören Sie, ruft er inbrünstig, ich habe vor etwa vierzehn Minuten meine Frau zur Strecke gebracht.

Was?, schreie ich auf.

Beruhigen Sie sich, winkt er ab, alles halb so schlimm. Vielleicht lässt es sich ja noch richten.

Was!, schreie ich ein zweites Mal über die Hecke.

Er reicht mir eine Zigarette. Sie tut Wunder.

Um einiges gelassener, gebe ich ihm jetzt, jetzt Gelegenheit, die Sache in der nötigen Breite anzusprechen.

Wissen Sie, beginnt er, seit dem vergangenen Frühling funktioniert das Zweierventil zum Druckstau, das sich hinter der Kellertür befindet, nicht mehr wünschenswert. Möglicherweise der Abgangsregler, oder die Überluftflatsche; Letztere wäre ein schnell behobener Schaden, und dabei ziemlich günstig.

Die diversen Abgangsregler hingegen, die unheimlich aufwändige Kontrolle, die aufwändige Eruierarbeit – ich könnte losheulen, falls dies sich bewahrheiten sollte. Wie auch immer.

Werkzeug ist vorhanden, ja, beantwortet er meine Frage in beruhigender Gewissheit.

Und nehme ich, sagt der Nachbar, nehme ich zwei Porzellandrähte zur Überwindung des Eckwiderstands, ist damit etwa die Hälfte der Kostenträger so gut wie ausgeschaltet; Sie wissen, diese Minimaldrähte mit der kupfernen Abfederungslasche.

Kenne ich bestens.

Nun aber, und dies ist nur scheinbar ein Detail: Die Kellertüre klemmt. Obschon sich eine Tür aus reinem Basalholz gar nie verklemmt. Im Beschrieb steht, dass bei Basalholz das Hängegewicht durch die Zierkanäle, welche die Türinnenschicht zumeist in der Horizontalen durchlaufen, schlechterdings wettgemacht würde. Die Knarrleisten bei der rechtsseitigen Stossflexion hätten ausserdem zur Folge, dass sogenannte Windschiefe auszuschliessen sei. Also.

Und das Schloss?, frage ich nach.

Leider kein Traktschloss. Ein Vorabbolzen mit dreiwindigem Stift, der Kosten wegen. Traktschlösser hätten ausserdem den Nachteil, die Verwindung der Klebmasse nach drei, vier Minuten zu beeinträchtigen. So entstehe unter Umständen die leichte Fliegerlage; sie wollte ich nicht riskieren.

Natürlich nicht, pflichte ich bei.

Denn die Vorfläche des Treppensturzes über der Kellertüre hat bei Sonnenlicht, zumindest im Hochsommer, diesen eigenartigen Hangdrang. Sie gibt zwar nicht nach, wirkt aber, als zögere sie zuweilen, dem natürlichen Pfeilerrückgrat der sie umfassenden Stahlruten das Gewicht vollständig abzuleiten, also zu übergeben und abzutreten, erklärt mir der Nachbar unnötig ausführlich.

Meine Faltersammlung habe ich dort eingelagert. Kein Durchstossen, auch kein Schweben; dies ist mir Beweis genug. Ich habe einmal versucht, die erwärmte Windloszone hinter Faltersammlung und Vorfläche zu berühren; es ist mir gelungen.

Dann muss es am Geländer liegen, steuere ich bei.

Der Nachbar greift sich kurz ins Haar.

Wie habe ich das Geländer gehasst, wie habe ich es verflucht. Meine Frau hat Vernunft bewahrt und die Anschaffung durchgeboxt. Schadhafte Stellen habe ich bislang keine entdeckt. Nach Torsionsschwächen habe ich weiss Gott nächtelang geforscht, gerade im Umkreis der dünnen Schraubenfilterung.

Und das brüchige Fett um die Knaufstelzen?, erkundige ich mich.

Nein, nichts!

Trotzdem weint der Nachbar. Er weint inständig, ungehemmt.

Ich bin ernsthaft beunruhigt.

Obwohl ich Haustechniker bin, wünschte ich, ich könnte flugs das Feld räumen. Meinen Nachbarn habe ich noch nie weinen sehen.

Oft höre ich ihn pfeifen. Er pfeift an der Bushaltestelle, er pfeift auf der Kelleretage.

Es muss ausserordentlich schlimm sein.

Ich vernehme Schnalzen aus der Küche, das heisst, das Essen ist angerichtet.

Irritiert und gerührt, verabschiede ich mich.

 

Dampfende Makkaroni – leider in einer deckellosen Schüssel. Es ist Freitag.

Wie immer am Freitag bin ich etwas verärgert. Ich liebe Teigwaren. Aber nicht ohne Deckel.

Soweit mir erinnerlich, hat sich meine Frau nie, nie um dieses kleine Detail gekümmert; eine Art Weigerung. Die Sauce allerdings riecht perfekt nach Karotten; eine Art Versöhnung.

Ich erwähne, dass der Nachbar, der graue Herr, soeben weinend an der Hecke gestanden ist.

Sie glaubt mir nicht oder hört nicht auf meine Worte.

Ich glaube, das Wort ‚Nachbar’ hat sie aufgeschnappt.

Sie spricht von farblos gewordenem Haar, eine Einschätzung, die auf den Nachbar ja durchaus zutrifft.

Der Haarboden ist ab einem gewissen Alter definitiv ausgelaugt, gibt mir meine Frau zu verstehen.

Ich erwähne ihre umwerfende Sauce, die Karotten.

Und doch drängt es mich, den weinenden Nachbarn ins Spiel zu bringen.

Meine Frau ist unerhört attraktiv, sie hat dickes, dichtwachsendes Haar; sie muss es nie, nie kämmen.

Ihre Mundwinkel sind stets trocken.

Meine Frau liefert mir Gründe, an diesem Freitag nicht zu streiten.

Gegengründe gibt es zuhauf.

Meistens verliere ich mich, und dann vergesse ich die Gegengründe.

Als unsere Tochter noch ein zu stillendes Kind war, hatte meine Frau einmal diesen idiotischen Anflug von Nachlässigkeit.

Ich meinerseits hatte die Laktanzhandschuhe aus Vollwertkautschuk auf der Holzanrichte zum Ausdampfen ausgelegt – ein ziemlich einleuchtender, normaler Vorgang; sobald die Stillhemmung einzusetzen pflegt, ist verschärfte Hygiene die natürlichste Sache der Welt.

Es war zwölf Uhr fünfzehn, ich musste aufbrechen.

Vorher hatte ich mich noch des befriedigenden Zustands gewisser Kleinigkeiten versichert, mündlich, auch mit Augen und Händen: die Messingröhre, die Tropfnische, den Ergänzungsbehälter mit der unauffälligen Kachelung.

An ihn erinnere ich mich besonders gut; er war stets ein Sorgenkind.

Am Tag zuvor hatte ich meine Frau ausserdem gebeten, das fingertief eingeringte Kalkgut daran zu entfernen.

Sie hatte es unterlassen. Darum erinnere ich mich besonders gut an diesen Behälter.

Wie auch immer – seine primären Funktionen schienen trotz des verfluchten Befalls nach wie vor gewährleistet zu sein. Meine Frau hatte ausserdem mein ganzes Vertrauen, dass sie sich in naher Zukunft dieser Verunstaltung dann doch annehmen würde.

Ich brach auf, pfeifend, beschwingt, keineswegs unglücklich.

Wie ich in der Dämmerung heimkehre, steht meine Frau mit dem Kind wie gebannt vor der Tropfnische.

Am Ergänzungsbehälter brennt ein rotes Licht.

Die Laktanzhandschuhe sind verschwunden.

Und der Handknoten am blauen Ziehzeug baumelt über dem Ausguss.

Zu dritt sind wir entgeistert.

Niemand sagt etwas.

Viel, ja zu viel Geifer über der vorderen Zahnfassung unserer Tochter.

Ansonsten wirkt sie  – ein Mädchen von gerade mal eineinhalb Jahren –  verhemmt.

Das ist alles furchtbar.

Die Batterie!, entfährt es gleichzeitig unseren Mündern.

Ich schiesse hoch, ich schiesse zum linken Halbestrich hoch und beobachte augenblicklich den grün übermalten Tragbalken. Nichts.

Ich bediene mein Karbidfeuerkästchen und halte es, die Arme gekreuzt, mit entblössten Handaussenflächen wie ein hochentzündliches Sprengutensil.

Endlich.

Endlich erreicht die dünne Flamme die ersten beiden Luftwurzeln.

Ich pendle den kurzen Feuerstoss drei-, viermal aus, damit die Luftwurzeln der Batterie nicht vorzeitig ausfransen.

Für einen todsicheren Stand spreize ich nun meine Beine.

Das erhebliche Knacken direkt über meiner Stirn darf mich nicht beunruhigen; der verhärtete Säurestab rund um die Bemantelung will zuallererst verbrannt sein. Das dauert.

Das dauert, bis die nagelkopfgrosse Sichtluke neben dem primären Halterungsbügel aufspringt, aufschnellt.

Fühle ich die erste Strahlenspitze, werde ich automatisch Augen und Mund zupressen. Das Ganze habe ich selbstverständlich schon ein paar Mal geübt.

 

Es ist alles störungsfrei verlaufen. Nur ganz vereinzelt Ascheschnürchen, blau, eher bläulich und blass, praktisch farblos, deren eigentümliche Verknotung ich zudem nicht zu entschlüsseln verstand. Sonst nichts.

Benebelt vor Erlösung, trat ich vor die Tropfnische zurück.

Die Tochter spuckte eben Luft aus ihrem winzigen Mund, hörbares Indiz fortgeschrittener Verdauung.

Ich wies meine Frau, ohne sie anzublicken, an, den Sogdeckel um ihre Brüste zu entfernen.

Sie tat’s mit der gebotenen Vorsicht.

Glücklicherweise waren die Rillen auf dem Deckel nicht tiefer geworden. Auch das Spiel des Gewindereifs hatte sich kaum verkleinert.

Aus der schmalen Verstülpung rann die Einlagerungsflüssigkeit; es war wieder Alltag.

– Der weinende Nachbar.

Aus der linken Nasenhälfte meiner Frau wächst – wie ein Versprechen – ein blondes Haar. Dreht sie ihren Kopf Richtung Fenster, verliert die Nasenborste die Farbigkeit.

Das Schächtelchen des verchromten Zupfhakens ist von jeher zerquetscht und zerbissen. Ein Hund von erstaunlichem Gewicht war über dem flachen, seidebespannten Kartonding eingeschlafen. Seine warme Haut und die Körperfeuchtigkeit haben den Schaden zweifellos vergrössert.

Der zierliche Daumen meiner Frau steckt in der Traglasche des Mokkakännchens. Er, ihr Daumen, ist verfärbt, ist blau, auf der nagelfreien Seite weiss.

Ich bin Haustechniker.

Aber: Ich bin ein übler Haustechniker. Ich bin alt und schlecht geworden. Und gelb. Diese gelben Wangen. Diese grünen Schläfen, sobald mich die Sonne ausleuchtet, sobald ich im Gemüsemarkt die Augen schliesse und meine Frau mich anblickt.

Keine Ahnung, wie man eine Hecke trimmt. Ich bin schlecht geworden. Wie stützt man ein Gemäuer bei erheblichem Seitendruck? Wie verschliesst man eine Wand gegen Wasser?

Meine Frau schweigt..

Ich schweige auch.

Es ist aussichtslos, etwas Schönes, auch etwas Trauriges, sehr Trauriges zu meinen und darauf zu erwähnen.

Unsere Tochter.

Der Kotoneaster. Der Kotoneaster, in dessen Blütenkelchen die Bienen sich suhlen, wenn der wolkengraue Vorläufer des Abends die gewaltige Frühlingshitze zu bedrängen beginnt.

Die Bienen sind kleine Schweine, masslos, unbedacht, verunstaltet.

Die Bienen sind versehrte Schweine.

Unsere Tochter. Ihre reine, reine Haut. Sie verabscheut Milch. Sie trinkt bloss Wasser, isst nur Flüssiges.

– Der Nachbar.

Meine Frau.

Meiner Frau den weinenden Nachbarn nicht nahe zu bringen vermocht, ja diesen ihr nicht einmal zu Ohren bringen können.

Mein Gemüt ist also rückläufig, im Übermass.

Bald muss ich ganz verzichten.


Dieter Zwicky, Jahrgang 1957, ist für seine Prosa mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit Werkjahren von Stadt und Kanton Zürich und Pro Helvetia und mit dem ZKB-Schillerpreis (für „Reizkers Entdeckung“). 2007 am Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Zuletzt erschienen bei bilgerverlag Zürich „Cotonville – Mein afrikanisches Jubeljahr“ und bei edition pudelundpinscher Unterschächen „Die Höhe des Kopfes über den Augen“ (beide 2008). 2 Kinder. Lebt in Uster. lic. theol. Verdient seit zwei Jahren Geld nicht mehr als Postangestellter. – Der Text „Der Nachbar weint“ entstand im Jahr 1999.


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