In der Werkstatt mit Jan Drees

von Jan Drees

Texte über Texte über zu schreiben, ist mehr als ein Beruf, ist Berufung. Dabei geht es um die Stiftung von Ordnung ebenso wie um die Entfesselung eines kreativen Chaos. Der Weg von der Lektüre zum Text führt über Ideen, Zettel, Verzettelungen. Lassen Sie sich vom Schriftsteller und Journalisten Jan Drees in seine Werkstatt führen. Eine Reise in drei Bildern und vier Fussnoten.

 

Eines von Jan Drees‘ Habitaten. Hier treffen sich belletristische und wissenschaftliche Texte, lange nicht mehr ebenso wie leider immer noch nicht gelesene Bücher. Im Arbeitsregalabschnitt stehen die Bücher nach Projekten geordnet (Dissertation, Roman, Rezensionen, Radio-Sendung).

 

Das hier ist ein „Arbeitsregalabschnitt“, mit Büchern, die ich für meine Dissertation (eine systemtheoretische Analyse des Prosawerks von Hartmut Lange) benötige. Ich habe mehrere Regalabschnitte, für verschiedene Projekte. Es gibt ein Regalbrett mit Büchern für „1LIVE Klubbing1), ein Regalbrett mit Kurzgeschichtenbänden für „1LIVE Shortstory2), mehrere Meter Sportliteratur für einen Roman, an dem ich gerade schreibe, ausserdem einen Regalabschnitt für „Bücher, die ich bald lesen möchte, aber nicht für den Beruf lesen muss“ (im Moment stehen hier unter anderem Chestertons „Der Mann, der Donnerstag war“, Volker Dittrichs „Zwei Seiten der Erinnerung“ und Walter Schmieles „Englische Geisteswelt“).

 

Die Arbeit in und an Büchern ruft nach Ordung ebenso wie nach Chaos. Die Kunst besteht darin, sich das eine zu stiften, ohne das andere zu verhindern. Für die mobile Arbeit verwendet Jan Drees kleinere Zettel als Luhmann, und wohl auch einen besser transportierbaren Kasten (hier nicht abgebildet).

 

Wenn ich etwas lese, notiere ich meistens auf Karteikarten mit. Das liegt nicht nur in meiner Begeisterung für Niklas Luhmann3) begründet. Das Gelesene wird gerafft, Ideen komprimiert, Einfälle für spätere Texte über den Text festgehalten. Es gibt Zettelkastenprogramm für den PC. Dafür spricht: Die Suchfunktion und eine spielend leichte Verlinkung. Dagegen spricht: mein Technikpessimismus, die Abhängigkeit von Computern selbst in der Bahn, im Café, der haptische Spass eines Zettelkastens. Die Zettel werden durchgehend nummeriert, auf der Rückseite verschlagwortet und verlinkt mit den Index-Zettelkästen. Allein durch diese Arbeit an und mit den Kästen bleibt erstaunlich viel im Hirn hängen.

 

Der Fluchtpunkt ist der Zettelkasten, der PC ist der Schauplatz eines sehr schönen „mise en abyme“. Nur, was sich bereits in den Konstellationen des Zettelkastens bewährte, wird von Jan Drees der Harddisk anvertraut. So also gehen Lesen und Schreiben Hand in Hand.

 

Die Indexzettelkästen4) stehen auf meinen beiden Schreibtischen (links, neben dem Rechner), im Arbeitszimmer, das genauso wie alle anderen Bücherregale, meine Zeitungsausschnitte (ich lese aus Zeitungen nur, was ich vorher rausgerissen habe – der Rest wird weggeschmissen), wie mein „Archiv“: geordnet ist. Nicht, weil ich pedantisch bin. Aber Ordnung ist Teil des Berufs. Es geht darum, kreisende Gedanken über Texte in Linien zu ordnen. Mein Kopf besteht aus null Ordnung. Das, was ich niederschreibe: ist voll in Ordnung. Dass ich beim ganzen Ordnen weiteres Chaos produziere – ist Teil der Begeisterung für dieses Arbeiten. Sorgt für: weiterdenken (und liefert willkommene Gründe, neue „Arbeitsregalabschnitte“ anzulegen).


1) Ich schreibe die Presse- und Internet-Texte für die Sendung, mache Literaturvorschläge et cetera – die Sendung läuft seit zwölf Jahren, immer freitags ab zwanzig Uhr (Lesung mit Musik von DJ Larse; Moderation: Mike Litt; von 23 bis 24 Uhr im 1LIVE-Salon in Köln). Die Sendung wurde im Jahr 2011 ausgezeichnet mit dem „Auslese-Preis“ der Stiftung Lesen.

 

2) Ich lese viele Kurzgeschichtenbände und mache Vorschläge für Sendungen.  Die short story ist die Königsdisziplin aller Schriftsteller: eine kurze Geschichte mit langer Tradition. Kein Autor, der sich nicht an ihr versucht hat. 1LIVE vertont einmal die Woche je einen dieser Ausschnitte aus dem alltäglichen Wahnsinn – zum Nachdenken, zum Lachen oder Mitfühlen und immer zum Zuhören, mit begnadeten Lesekünstlern und viel Musik. Die 1LIVE Plan B Shortstory – jeden Sonntag und jeden zweiten Donnerstag des Monats in 1LIVE Plan B. Kann man sich, ebenso wie 1LIVE Klubbing, auf unserer Seite mit dem „Radiorecorder“ aufzeichnen.

 

3) Eine schöne Geschichte zu Luhmanns Zettelkasten findet sich bei Youtube.

 

4) Alles, was sich meiner Meinung nach zu notieren lohnt, schreibe ich auf Karteikarten. Die nummeriere ich, wenn ich sie dann einordne und verlinke sie mit dem Indexzettelkasten. Das heisst, wenn ich etwas zu „Thomas Mann“ suche, sehe ich auf der Indexkarte „Thomas Mann“ alle Nummern, die etwas mit Thomas Mann zu tun haben. Ich benutze den Zettelkasten für alles – Artikel, Radioskripte, wissenschaftliche Arbeiten, Literatur. Das Besondere an diesem Zettelkasten ist (im Gegensatz zu Google), dass ich nur meine Gedanken wiederfinde, nicht wahllos von einem Algorithmus erstellte Ergebnisse. Meine Zettel sind kleiner als die von Luhmann, da ich sie dann besser transportieren kann. Leider ist Luhmanns Zettelkasten bislang noch verschlossen – ich warte auf die Öffnung (so wie Fans von J. D. Salinger lange Jahre auf seinen Nachlass warten mussten – oder Leser von Mark Twain auf seine Autobiografie, die laut Testament erst 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durfte).


Jan Drees arbeitet als Rezensent und Autor für Radio, Zeitschriften und Zeitungen (1LIVE, WDR 5, FAZ, DIE WELT und weitere). Im Jahr 2000 erschien sein Debütroman “Staring at the Sun”, 2007 folgte ein Remix des Buchs. Ein Jahr vorher veröffentlichte Eichborn “Letzte Tage, jetzt“, als Roman und Hörbuch. 2010 nahm Arco Wien seine Studie “Irre als System” in ihr Programm auf. 2011 legte Drees das illustrierte Sachbuch “Kassettendeck: Soundtrack einer Generation” bei Eichborn vor. Interviewpartner waren unter anderen Benjamin von Stuckrad-Barre, Westbam, Smudo, Hans Nieswandt, Alexa Hennig von Lange und Peter Glaser. Teil des Kassettendecks ist ein 70-seitiger Kurzroman. Er ist erfolgreicher Leichtathlet und studierte in Düsseldorf Neuere deutsche Literaturwissenschaften, Mediävistik und Kommunikationswissenschaften. Er war “Inselleser” von Sylt und ging mehrmals auf Club-Lesetour (mit DJ Christian Vorbau) Aktuell folgt ein Aufbaustudium der Philosophie und die Arbeit an einer Dissertation über “Konzepte der Angst bei Hartmut Lange” an der Universität Münster.

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3 Gedanken zu “In der Werkstatt mit Jan Drees

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  2. gsz

    Das ist ein sehr schöner Text, zu einem spannenden Thema; besonders die Fotos haben es mir angetan. Plant ihr eine Fortsetzung? Bestimmt gibt es noch viele spannende Leute mit vielen spannenden Schreibwerkstätten, oder was meint ihr?

  3. gsz

    Eine ausgezeichnete Idee, Luzius. Ich starte gleich einmal einen Aufruf auf Facebook. Vielleicht also schon bis bald, in der Lese-/Schreibwerkstatt, wer weiss?

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