Kommentatort 54: “Das Wunder von Wolbeck”

Der neue Münsteraner Tatort „Das Wunder von Wolbeck“ gefällt sich an den Parallelen von Kinderwunsch und Rinderwunsch. Boerne darf sich als Befruchter von Hornvieh ausleben, während Thiel einem dubiosen Befruchtungsexperten auf die Schliche kommt.

 

Was hat Ruth Kintrup (Hildegard Schmahl) zu verbergen? Warum rastet sie nicht aus, als der verkappte Hornviehbefruchter Boerne (M.) im gesprenkelten Overall unangemeldet bei ihr auftaucht? Der Sprenkel auf Kommissar Thiels Wange ist übrigens keine Kuhkacke.

Arschlöcher thronen allenthalben

Der Heilpraktiker Raffael Lembeck wird umgebracht. Lembeck stürzte und verblutete. Bei Frauen war Lembeck mit seinen Unfruchtbarkeitsbehandlungen beliebt, aus halb Europa reisten steinreiche, blaublütige Kinderwünscherinnen an. Das führt zu einigen gefälligen Sätzchen, etwa zur launigen Feststellung, dass auf den Thronen von halb Europa irgendwelche in Wolbeck berfruchtete Arschlöcher sässen. Der tote Kinderwunscherfüller hat sich, wie man unschwer erkennt, ganz auf blaublütige Zuchtkühe spezialisiert.

In Vitro? Oder doch im Bett?

Schnell stellt sich die Frage, was es mit seinen Behandlungen auf sich hatte. Bei seinen Nachbarn hatte Lembeck einen schwierigen Stand. Was haben die Gebrüder Krien mit der Sache zu tun? Stella, die Frau des Toten, wird derweil ein bisschen gar betont irre gezeigt, das wäre zwar subtiler gegangen, beweist in aller Plakativität aber auch nur wieder, dass die gute alte In-vitro-Befruchtung bei dem toten Besamungsexperten nicht allzu hoch im Kurs stand. Da wundert es nicht, dass sich herausstellt, dass Lembeck ein Prachtsbulle von einem Fruchtbarkeitsdoktor war, halb Wolbeck befruchtete er, ein Fruchtzwerg, der allenthalben Kinder in die Welt setzte, nur nicht im eigenen Haus.

Boerne, der Pfau, und Mimi, die Ziege

Schnell hat das Wunderkind Boerne viele handfeste Beweise beisammen; keine zehn Minuten läuft der Film, als er schon die entscheidende Spur sicherstellt. Doch, ach! wie dumm – eine Ziege (Wolbeck ist tief auf dem Land!) kommt dahergezottelt und frisst die Beweise. Die Ziege heisst übrigens Mimi. Ihr Heisshunger macht sich gut, andernfalls wäre der Fall nach zehn Minuten gelöst (ein verbreitetes Tatort-Problem, das schon uneleganter gelöst wurde). Boerne, ganz der Feingeist, entführt die fehlbare Ziege namens Mimi und schneidet ihr den Bauch auf, um die Beweise wieder an sich zu bringen. Im Laufe des kurzweiligen Abends entwickelt Boerne Gefühle für Mimi: Ein erschütterndes Novum bei einem solch pathologischen Grossmaul und Pfau, der ansonsten nur für sich, seine Pointen und Sophizismen Gefühle hegt.

Kalauerige Parallelen

Um die verbliebene Sendezeit bis 21:45 zu füllen, darf sich Boerne als fliegender Befruchter von Hornvieh gefallen, nicht nur als kühler Leichenschnibler. Bald fehlt nur noch Thiels Vater und fertig ist der Münsteraner Reigen. In einer Nebenszene, in der der Taxifahrer-Thiel Europas Blaublüter zum toten Fruchtbarkeitsdoktor kutschiert, wird auch diese Drehbucherfordernis erfüllt. Daneben darf Boerne seinen Maybach durch die Gegend fahren, und anscheissen lassen (im wörtlichen Sinn, von einer blöden Kuh!), darf er sich auch. Kommissar Thiel hingegen radelt konsequenter als auch schon herum, begibt sich sogar, was löblich ist, gar zu Fuss auf eine Verfolgungsjagd. Der Kommentatort hat ja schon im letzten Münsteraner Tatort Polizeigrenadier-Potenzial bei Thiel geortet. Der Plattheit, zu welcher in „Das Wunder von Wolbeck“ der „running gag“ mit den verschiedenen Fortbewegungsarten von Thiel und Boerne ausgewallt wird, wird nur noch in den Schatten gestellt von der Dreistigkeit, mit der auf den kalauerigen Parallelen zwischen Kinder- und Rinderwunsch herumgeritten wird.

Gar boerniert! Zu thiel des Guten!

Sehenswert ist der Auseinanderfall der Ehefrau des Mörders gegen Ende. Wie sie die vielen, erfolglosen Versuche zur Befruchtung, die sie über sich ergehen lassen musste, Revue passieren lässt, kommt endlich weg von dem grundlegenden Kalauer und geht unter die Haut. Thiel und Boerne sind leider, wie so oft, ein bisschen gar boerniert und liefern in ihren direkten Dialogen leider ein bisschen zu thiel des Guten. Die Parallelen zwischen dem Fruchtzwerg und den Zuchtbullen sind gut und auflockernd gemeint und erst noch recht ordentlich gemacht. Die Kamera ist leider manchmal etwas gar hyperig und kann kaum an sich halten, sirrt und schwirrt nur so umher.

Schwankgefahr und Stagnation

Die Schwankgefahr ist immer da in Münster, die Möglichkeiten des Gespanns Thiel-Boerne ist eingeschränkt. Das tut ihrer Popularität keinen Abbruch, immer wieder haben sie hervorragende Quoten. Das Prinzip des Münsteraner Tatorts: Kommunizieren ja, reden nein, Drehbuchsätze ablesen ja. Leider entwickelt „Das Wunder von Wolbeck“ nur in den Szenen, in denen Thiel und Boerne nicht zusammen sind, ein bisschen Spannung und so etwas wie „Tiefe“. Die meisten gemeinsamen Dialoge werden verbraten, um Schwank und Kalauer fortbestehen zu lassen. Jeder der beiden auf eigene Faust, Boerne beim Befruchten des Hornviehs und Thiel bei seinen Ermittlungen in der Dorfkneipe, gefallen gerade noch so. Die Rolle von Boerne scheint sich tot gelaufen zu haben, da ist viel Stagnation zu spüren.

Illegale Gentests mal wieder

Das auch der, ach! wie erfolgreiche Münsteraner Tatort nur mit Wasser kocht, wird deutlich, als Thiel dem Baby des Verdächtigen den Schnuller klaut. Damit will er auf dem ganz kurzen Dienstweg einen Vaterschaftstest vornehmen. Der Topos der widerrechtlich beschafften DNA-Tests ist ja geradezu omipräsent in der Tatort-Produktion der letzten Jahre. Immerhin singt Thiel, und das kommt überraschend, dem plärrenden Baby ein tröstend gemeintes, hart an Schmock und Schmalz grenzendes Wiegenliedchen vor.

Was von „Das Wunder von Wolbeck“ bleibt

Das Ende von „Das Wunder von Wolbeck“ ist hoffnungslos verschwurbelt. Thiel und Boerne drohen endgültig zu Geiseln des eigenen Erfolges zu werden.

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