Da ist etwas

Von Daniel Lüthi

Im Text “Da ist etwas” von Daniel Lüthi begeben wir uns in die nächtlichen Gefilde, wo Traum und Wirklichkeit ineinander zerfliessen. Lauert da wirklich etwas im Dunkel, oder ist es nur die eigene Vorstellung? Und ist es eine gute Idee, dafür gleich das Bett zu verlassen? Lesen Sie vorsichtig weiter …

 

Zum Texttag erscheint eine kleine, aber feine Gruselgeschichte auf Zeitnah. zVg

 

Da ist etwas. Im schrägen Dunkel hinter dem Fenster steht etwas und beobachtet mich. Ich kann es nicht sehen, aber ich fühle es, fühle seinen Blick auf mir frösteln. Es wird kalt unter der Decke, meine Füsse kribbeln. Ich muss aufstehen, raus aus der fliehenden Wärme, aber ich will nicht… wenn ich vielleicht ganz ruhig liegen bleibe und – was hat sich da bewegt? Auf, auf, ran ans verdammte Fenster, wo ist das Drecks… da, ein Schatten! Jetzt ist er fort. Was nun? Will es etwa zur Tür? Abgeschlossen, ja. Es muss aus den Wäldern gekommen sein, so schwarz wie die jetzt da draussen unter den Sternen liegen. Warum zieht das so hier? Moment, habe ich die Küchentür abge- nein, verdammt! Wehe, wenn du auch nur einen… war das ein Rascheln? Kalt, kalt, pulst der Flur. Kalt, kalt, kalt… ich tappe langsam vor, sehe schon die Küchenmesser glitzern. Seltsam, am Fenster habe ich gar keinen Mond gesehen. Nichts mehr zu hören, doch das heisst, ich muss auch still sein, wer zuerst muckst, hat verloren… am besten, ich warte jetzt mal; scheint ruhig zu sein da drinnen, aber woher kommt dieses Licht auf den Töpfen? Und war der Herd nicht kleiner? Die Fliesen sind ja noch kälter, es luftet tatsächlich von der Türe her… wenn ich eins der Messer ganz leise… ja, geschafft! Immer noch nichts, jetzt muss ich nur – da! Mitten durchs Licht! Angelehnt, schnell zu! Verdammt!

 

Verdammtverdammtverdammt, die Tür war die ganze Nacht lang halb offen. Hat es das Knallen wohl gehört? Dann ist es jetzt auf der anderen Seite. Und was ist mit – nein, der Keller ist zu. Ja, seit letzter Woche. Bestimmt. Zieh nie aufs Land, du hattest Recht. Aber jetzt ist alles zu, und es kann nicht mehr rein. Auch die Luken im Dach. Doch ich kann nicht zurück, viel zu wach bin ich, und dann wäre es wieder am Fenster beim Bett… das Messer. Mit der linken Hand auf und dann mit der rechten… ja. Oder soll ich doch drin bleiben? Ich kann ja nur einen Stoss machen und gleich wieder rein. Gut. Also… ganz… langsam… los! Wo, wo wo bist du? Komm her und – die Tür! Lass mich rein, rein, rein! Es – der Wind hat – wo ist – der Mond! Gräser, es sind nur die Gräser im Wind und Mond, kitzeln, weg mit euch, weg… da, der Keller, nein, da ist ja das Schloss dran… vielleicht die Haustür oder ein Fenster… irgendwo muss doch… nein. Verdammte Gitter und alles, und jetzt hab ich mich ausgesperrt. Vollmond. Zum Glück ist‘s nicht so kalt, nur der Wind. Ist es fort? Warum ist die Nacht hier draussen so hell? Das Gras sieht man bis zu den Wäldern, und auch die leuchten irgendwie. Fast friedlich, ha. Und wenn es jetzt im Haus ist? Das – nein – ach, komm, es war der Wind! Immer noch zu, die Tür.

 

Wie weit ist’s schon wieder ins Dorf? Dort unten ist es auch sicher nicht so kalt. Zum Glück regnet es nicht. Schön, die Nacht, fast – was ist das? Was ist das dort?! Ist es in den Wald? Na warte, dir werde ich… Moment, wieso renne ich hinterher? Zwischen den Tannen. Da war etwas, jetzt ist’s fort. Dort hinten im Moos leuchtet eine Stelle. Leise jetzt. Wahnsinn, wie frisch es hier riecht! Die Nadeln sind warm. Ist das ein Stein? So gross? Ich sollte zurück. Ja, nur ein Stein. Recht dunkel. Fast kein Mond mehr hinter den Tannnadeln. Was?! Was hat da geknackt? Still, still, still… verflucht, wo ist der Rand? Wo bin ich hergekommen? Ich bin doch nur ein paar Schritte – ich muss stehen bleiben. Wenn ich jetzt raus renne, sieht es mich. Klebrig, der Stamm, und warm. Wenn ich in einem geschwungenen Kreis gehe, komme ich wieder raus aus dem Wald. Ja. Das, und der Mond. Er muss in meinem Rücken sein. Und wenn es mich sieht? Das Messer. Da ist nichts, alles ruhig… jetzt muss ich den nächsten Baum da drüben nehmen, jetzt den… halt, wo war ich? Oder muss ich nicht in einem Dreieck laufen? Toll, kein Mond mehr, gar nichts, nicht mal ein Stern… wo war dieser Stein? Es ist so dunkel! Die Wurzel da sehe ich noch, irgendwie aufgeschüttet oder ein Hügel. Eine Höhle? Nein. Wär ja noch schöner. Nicht so rennen, sonst stürze ich noch ins Messer. Weiss ja nicht mal, wohin, alles dieselben Tannen.

 

Meine Füsse stechen. Ah nein, sind nur Nadeln. Kitzlig. Was ist das? Spinnweben? Schmecken ja nach etwas. Abschüssig, der Boden… könnte ein altes Bachbett sein oder – nein, die Bäume stehen da auch tiefer. Riecht aber feucht, wie nasse Erde. Bloss nicht abrutschen. Kühl hier unten. Oh… das war meine Hose. Ist ja auch viel Gestrüpp da, ein Dorn vermutlich…au, das kratzt! Besser aussen rum. Naja, nicht viel besser. Autsch! Blutet ein wenig, hau ab, verdammt… total im Rücken verhakt, das Zeug… Brombeeren? Irgendwie süsslich. Ah, endlich frei! Die Nadeln tun gut. Scheint heller zu werden. Ist das… ja, Licht! Warte, wo war es? Da! Da ist es wieder, zwischen den Stämmen dort! Der Mond! Schnell, schnell… autsch, verdammt, blöder Ast, aber egal, das Messer brauche ich eh nicht mehr… ich sollte… ja, kurz verschnaufen. Ich hab ja Zeit und weiss, wohin. Irgendwie werde ich schon in das verdammte Haus hinein finden… so, weiter. Frisch und kühl ist die Luft, macht richtig wach! Herrlich! Obacht jetzt, da vorne hört‘s auf… aha! Das Haus. Schwimmt ja fast im Gras. Hätt ich nie gedacht, dass der Mond mich mal blendet. Zu lang im Wald. Besser noch etwas weiter runter zu den Tannen dort, dann ist der Weg kürzer. Dumm, dass die Schatten nicht auf die andere Seite fallen, scheint mir mitten in den Waldrand rein. Pirsche ich halt durchs Gras. Wind von vorne, gut. Tiefer, noch tiefer ins Gras… und los! Hell, das Mondlicht, viel zu hell, hell! Ist das der Wind, oder bin ich so schnell? Schnell in den Schattenstreifen unter dem Dach! So, besser. Riecht gut, der Wind. Schnee. Nur Dunkelheit im Zimmer hinter dem Fenster. Dort ist jemand. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich weiss, dass er jetzt unter seiner Bettdecke zu zittern beginnt, weil er mich am Fenster nicht sieht, aber fühlt, und auch ich fühle ihn, fühle, was er jetzt denkt: Da ist etwas.

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