Die Klage des Polyphem

Zum Texttag präsentiert Zeitnah eine Kurzgeschichte von Cyril Haldemann, in der der einsame Zyklop Polyphem alle Stationen von Liebeskummer durchlebt. Fast erschrickt man, dass er von der Klippe springen könnte, auf der er steht und seiner geliebten Galatea (oder wenigstens uns) zuruft.

 

„Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ freut sich, Ihnen am diesem Texttag Cyril Haldemanns Geschichte „Die Klage des Polyphem“ präsentieren zu dürfen. zVg

 

Manchmal steigt er auf eine Klippe und schreit. Schreit: „Galatea! Galatea! Hörst du mich, Galatea? Es ist als müsst’ ich in der Mitte auseinanderbrechen. Ich bin ganz stumpf geworden, so sehr habe ich mich nach dir verzehrt. So stumpf, dass ich gar nicht mehr weiss, wer ich bin und was ich wollte. Ich wollte dich, Galatea. Ich will dich noch immer. Vielleicht will ich auch nur, dass es aufhört, dieses Gefühl, dass er aufhört, dieser Schmerz. Galatea. Galatea, ich weiss es nicht. Weiss es nicht mehr. Wolltest du nur die Meine sein, könnt’ ich schlafen, ruh’n. Ich bin so erschöpft vom Hoffen und Wollen, vom Träumen und Wünschen. Galatea.“ Seine Stimme ist immer leiser und schwächer geworden, seine Brust zusammengesunken und seine anfangs wilden Hände krallen sich in das Haar, um nicht zu baumeln. Er hat fast keine Tränen mehr, keine Tränen der Trauer und keine Tränen der Wut mehr. Ekel folgt auf Selbstverachtung, Selbstverachtung auf Selbstmitleid, Selbstmitleid auf hoffnungslose Leere. Er könnte brüllen vor Schmerz, wenn er meint, mit seiner Faust in seinen Eingeweiden zu wüten, blind vor Zorn und getrieben von dem Verlangen nach einem anderen Schmerz. Ganz leise: „Galatea.“

 

Seit er Werbetexter geworden ist, schreibt Cyril Haldemann kaum noch Geschichten und ruft «Literarisches Schreiben trotz geregeltem Einkommen» ins Leben.

 


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