“Und plötzlich sagen alle, sie seien Roma”

Der Basler Jazzmusiker Muhi Tahiri (27) hat die Formation “Only a gipsy” ins Leben gerufen. Die neunköpfige Gruppe spielt eine Fusion aus Jazz und Roma-Musik. Letztes Jahr ist sie in Montreux aufgetreten. Am 16. Dezember wird Tahiri mit der slowakisch-schweizerischen Band “Baro Drom” im Basler Volkshaus zu hören sein. Der Tenorsaxofonist und Sänger spricht im Interview mit Zeitnah über die Saxofon-Legende Sonny Rollins, Vorurteile gegenüber den Roma und den nicht unproblematischen Balkan-Trend der letzten Jahre.

Interview: Michel Schultheiss

Zeitnah: Muhi, wie bist du zum Jazz gekommen?

Muhi Tahiri: Ich verfüge nicht über eine Ausbildung als Musiker. Im Alter von 15 Jahren habe ich mir selbst beigebracht, Saxofon zu spielen; mit Hilfe von CDs. Dann habe ich dann Jam Sessions teilgenommen, zum Beispiel in der Carambar. Mein damaliger Musiklehrer, ein Flamenco-Gitarrist, hat gemeint, ich soll dranbleiben. Nun gebe ich selber Unterricht, bin aber auch selbst als Schüler an der Jazzschule.

Der 1930 geborene Tenorsaxofonist Sonny Rollins ist dein Vorbild. Was fasziniert dich besonders an ihm?

Sonny Rollins ist einfach ein frecher Musiker. Sein Sound und seine Technik sind wahnsinnig. Und auch der Ton, den er aus dem Instrument holt. Seine Musik lebt einfach; er erzählt Geschichten. Einmal sah ich ihn live im Stadtcasino. Schon nur als er hereinkam, hat mich seine Aura fasziniert. Der damals 72 Jahre alte Rollins hat zwei Stunden ohne Pause gespielt, sowohl Jazz wie auch lateinamerikanische Musik, die mich übrigens auch sehr fasziniert.

Welche weiteren Einflüsse sind in deiner Musik zu finden?

Der Roma-Musiker Šaban Bajramović, welcher vor vier Jahren gestorben ist. Besonders für meine zweite CD war er wichtig. Zufälligerweise habe ich erfahren, dass er aus meiner Verwandtschaft kommt. Er ist eine Legende. Er hat gesagt, er könne nicht jede Sprache, doch er wolle, dass ihn jeder auf der Welt versteht. Das hat mich sehr inspiriert. Ich versuche das weiterzuleben und fühle mich mit ihm verbunden, obwohl ich ihn nie persönlich kennenlernen konnte.

Und wie charakterisierst du deine Musik?

Bei der Formation “Only a gipsy” mischen wir Jazz mit Roma-Musik, aber auch mit Flamenco, Bossa Nova und Rumba. Wir spielen eigene Songs und solche von Bajramović. Die meisten Stücke sind im 4/4 Takten, weniger in ungeraden Rhythmen, abgesehen von einem Flamenco-Stück. Bei der anderen Band “Baro Drom” liegt das Schwergewicht dann weniger beim Jazz sondern bei slowakischer Roma-Musik.

Du singst also auch.

Genau, in Romani, der Sprache der Roma, was ich zuhause nebst Deutsch spreche. Das hat sich zufälligerweise ergeben an einer Probe. Ich habe gesagt, ich singe jetzt einfach mal, um festzustellen, wie das klingt. Zuerst haben mir die Leute davon abgeraten. Doch dann fanden sie es toll und ich selbst war überrascht. Seit zwei Jahren singe ich nun auch.

Woher hast du die Ideen für deine Songs?

Wenn ich in einer Bar sitze, bei einem Gin Tonic oder einem Glas Wein, arbeitet bei mir das Unterbewusstsein. So ist die CD produziert worden. Ich sehe einfach Bilder. Dann habe ich Leute geholt, die mir die Umsetzung dieser Bilder ermöglicht haben. Wichtig ist für mich, dass das Cover zur Musik passt, es muss ein Konzept bilden. Ein wenig angetrunken (aber keineswegs betrunken) bin ich emotionaler, sehe mehr Bilder (lacht). Dann arbeitet die Seele mehr als der Kopf.

 

«Balkan-Sound ist nicht immer einfach nur happy und "bumbumbum".Mein Stil ist eher melancholisch.»

«Balkan-Sound ist nicht immer einfach nur happy und “bumbumbum”.Mein Stil ist eher melancholisch.»

Dein zweites Album heisst “Only a Gipsy”. Weshalb dieser Titel?

Nur ein Mensch eben… Auf dem Cover sitze ich mit meinem Göttibub auf dem Boden. Ich will also das Bodenständige zeigen – mit einer Trompete.

Warum eine Trompete und kein Saxofon?

Weil in der Zigeunermusik Blechblasinstrumente mehr gespielt werden. Im Kosovo, wo meine Familie herkommt, wird zwar das Saxofon mehr verehrt. An anderen Orten ist es aber mehr die Trompete. Es ist ein Symbol für diese Art von Musik.

Du hast jetzt den Begriff Zigeuner verwendet. Bist du also einverstanden mit dieser Bezeichnung?

Das ist korrekt und ich will das auch so. Ich finde eher dieses politisch Korrekte eine Frechheit, da heisst dass man uns “Fahrende” sagt. Warum gibt man uns einen deutschen Namen? Man hat uns gar nicht gefragt, ob wir so heissen wollen. Man hat uns einfach einen Stempel aufgedrückt. Ich bin Roma und Zigeuner, ich finde das keine Beleidigung. Es wird zwar auch als Schimpfwort verwendet, doch es ist nun mal ein Name.

Eine Musikerin aus einer bekannten Basler Band soll sich dieses Jahr abfällig gegenüber  den Roma geäussert haben. Du warst sehr engagiert und hast via facebook dagegen protestiert. Was ist da genau vor sich gegangen?

In den Nachrichten kam, dass in Ungarn Rechtsradikale Häuser von Roma verbrannt haben. Ein Freund von mir hat darauf via facebook kommentiert, dass dies nicht in Ordnung sei. Und dann hat diese Musikerin geschrieben, er solle doch ruhig mal in ihre Heimat Ungarn kommen, dann er werde er seine Meinung schon noch ändern. So quasi “du würdest auch rassistisch werden”. Bei einem Musiker, Künstler, Schriftsteller oder allgemein gebildeten Menschen erwarte ich solche Aussagen nicht. Und sie als Immigrantin sollte wie wissen, wie schwierig es ist, woanders Fuss zu fassen. Eine Ausländerin diskriminiert Ausländer – das ist oft ein grosses Problem. Kunst und Rassismus gehören einfach nicht zusammen.

Wie hat sie darauf reagiert?

Ich habe ihr ein paar Mails geschrieben. Sie hat dann geantwortet, dass sie es nicht so gemeint habe.

In den letzten Jahren war in der Weltmusik-, Pop- und Jazzszene eine deutliche Balkan-Welle spürbar. Was sagst du zu all dem, was sich Balkan nennt?

Es ist ein guter Trend. Aber Balkan-Sound ist nicht immer einfach nur happy und «bumbumbum». Mein Stil ist eher melancholisch. Balkan-Musik ist sowohl fröhlich, romantisch wie auch traurig und besteht auch aus Improvisationen. Unsere Musik ist nicht nur happy. Das verstehen viele falsch. In den Medien wird es so rübergebracht, dass Balkanmusik nur auf diesem Level ist, wir können aber sehr wohl auch melancholisch sein.

Es gibt also eine ambivalente Wahrnehmung der Roma und des so genannten Balkans, einerseits dieses Negative wie in den Kommentaren jener Musikerin, andererseits dieses klischeehafte Lustige…

Es ist so, dass man uns oft als Menschen erst dann richtig schätzt, sobald wir ein Instrument in der Hand haben. Ohne Instrument akzeptiert man mich zwar schon. Doch wenn ich spiele, sind sie überwältigt. Schätzen die Musik, die sonstige Kultur aber eher. Doch bei Konzerten stelle ich fest: Plötzlich sind alle Zigeuner; dann kommen welche und sagen mir, ihre Vorfahren seien auch Sinti oder Roma gewesen. Plötzlich sind dann alle Zigeuner, das finde ich jeweils lustig.

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