Analog Brother Number One

Von Bobby Eclecto

Bobby Eclecto, der selber Musik mit analogen Synthesizern macht, bespricht für Zeitnah Todd Terjes ungewöhnlich erfolgreiche Scheibe «It’s the Arps», die den Graben zwischen Underground und Mainstream überbrückt.
Obwohl prägende musikalische Elemente der House-, Elektro- und Techno-Musik längst aus den Hitparaden nicht mehr wegzudenken sind, haben es viele Akteure dieser Szenen immer noch schwer, sich ausserhalb ihrer musikalischen Stammlande Gehör zu verschaffen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Manch ein Schlafzimmer-Produzent weigert sich strikte, irgendwelche poppigen Elemente in seine Produktionen einfliessen zu lassen, da er sich dem puristischen Geist seines Genres so verpflichtet fühlt, dass er jegliche fremden Einflüsse als Verrat an diesem erachtet. Viele Heimstudiomusiker, die elektronische Musik komponieren und produzieren, orientieren sich zudem stark an ihren musikalischen Vorbildern, die meist mit einigen wenigen Geräten, die aufgrund ihrer Beliebtheit längst Kultstatus erlangt haben, gearbeitet haben. Dazu zählen beispielsweise die beiden zu spätem Ruhm gekommenen Drum Machines von Roland, die TR-808 und die TR-909, aber auch Synthesizer wie der Roland Juno-106 oder der Acid-Klassiker schlechthin, die Roland TB-303. Musiker, die zu stark darauf bedacht sind, das Bekannte und Gehörte mit dem immergleichen Equipment zu imitieren, verhindern so meist, dass ihre Produktionen über die nötige Innovation verfügen, um auch von Nicht-Puristen gehört und gemocht zu werden.
Und schliesslich – um hier noch einen nicht zu vernachlässigenden weiteren triftigen Grund unter vielen anderen zu erwähnen – haben die technischen Möglichkeiten, zu Hause auf einem unterdessen atemberaubend hohen Niveau Musik produzieren zu können, dazu geführt, dass sich eine noch immer rasch wachsende Heerschar junger Menschen dazu verleitet fühlt, in den eigenen vier Wänden Musik zu machen und aufzunehmen, was Fluch und Segen zugleich ist. Denn einerseits nimmt die Masse an potenziell interessantem Klangmaterial so stetig zu, andererseits wird es aber auch zeitraubender und mühsamer, in diesem musikalischen Dickicht qualitativ Wertvolles und Hörenswertes zu entdecken.
Von Zeit zu Zeit schafft es der eine oder andere  aber dennoch sich ausserhalb der Szene Gehör zu verschaffen («die andere»  leider kaum, da Frauen, die an Synthesizern schrauben, rar zu sein scheinen). Einer davon ist Todd Terje. Der Norweger ist seit längerem als DJ und Produzent aktiv und hat nun mit seiner EP «It’s the Arps» überraschend Anklang bei einer ungewöhnlich breiten Hörerschaft gefunden, was insofern verwunderlich ist, da die Songs zwar eingängig sind, jedoch bei ihrer Produktion auf aktuelle Trends der Produktionstechnik und auf laute durchdringende Beats verzichtet wurde. Stattdessen wurden alle Klänge, die auf dieser EP zu hören sind, mit einem altertümlichen Synthesizer – der es einem weder erlaubt, eingestellte Klänge zu speichern, noch ihn über das gängige und universelle Steuerungssystem MIDI fremd zu steuern – erzeugt. Der ARP 2600 ist bei Synthesizerliebhabern begehrt, da er dank seiner Bauart, seiner typischen Filter und Oszillatoren einen eigenständigen Klang erzeugt.
Für Synthesizerfans ist diese Musik nun also allein schon deshalb interessant, weil die Neugier, was alles aus einem in die Jahre gekommenen Gerät herausgeholt werden kann, gross ist. Doch was bewegt den durchschnittlichen Musikkonsumenten dazu, diese EP zu kaufen? Was bei der Beantwortung dieser Frage sicherlich nicht ausser Acht gelassen werden darf, ist der Umstand, dass Terje sich während der vergangenen paar Jahre durch seine internationale DJ-Aktivität und die konstante Herausgabe von Remixes einen festen Platz in der Szene erarbeitet hat. Der Bekanntheitsgrad seines Künstlernamens und die hohe Qualität seiner Produktionen sind für die einschlägigen Online-Shops und Musik-Blogs Grund genug, über jegliche Neuerscheinungen der Marke Todd Terje zu berichten. Denn Terje verkauft sich generell gut. Hier kommt eine einfache Marketingweisheit zum tragen. Eine bereits bekannte Marke mit einer treuen Käuferschicht lässt sich leicht vermarkten; neue, unbekannte Produkte in den Markt einzuführen dagegen, ist ein riskantes Unterfangen, das in der Regel sowohl kostspielig ist als auch viel Durchhaltevermögen voraussetzt.

Allein die Tatsache, dass diese EP auf allen relevanten Musikseiten elektronischer Musik Erwähnung findet, führt dazu, dass die Zielgruppe sich mit diesem Produkt immer wieder konfrontiert sieht. Das ausgefallene und einprägsame Schallplattencover trägt hier sicherlich auch seinen Teil dazu bei, den potenziellen Käufer dazu zu veranlassen, schliesslich zuzugreifen. In der gelungenen Umschlagskunst sieht Joakim Haugland von Smalltown Supersound, dem Label, auf dem die EP erschien, neben der herausragenden musikalischen Qualität der Lieder denn auch einer der Hauptgründe für den Verkaufserfolg dieses Produkts. Wie viele Exemplare seit dem Erscheinen vor einem Jahr verkauft wurden, konnte er mir nicht sagen, doch es sei der bisher grösste ökonomische Erfolg  in der Geschichte von Smalltown Supersond.
Und die Musik? Ja, die ist recht ausgefallen und wohl noch am ehesten unter dem Begriff «Space Disco» zu verorten. Aufhänger der EP ist klar das Stück «Inspector Norse», das mit seinen Synthesizerflächen, den ohrwurmig-eingängigen Leadsounds und seinem intelligenten Aufbau bereits die Tanzfläche vieler DJs füllte und viele weitere füllen wird. Die anderen drei Tracks der EP harmonieren mit dem Zugpferd «Inspector Norse» allein schon aufgrund ihrer Klangfärbung, die auf die Eigenart des ARPs  zurückzuführen ist, verfügen aber nicht über dieselbe Innovationskraft wie «Inspector Norse». Das Stück «Myggsommer» erinnert etwas an die Kompositionen der Pioniere elektronischer Musik, wobei diese bereits in den frühen 60er-Jahren Ähnliches produzierten. «It’s the Arps» ist eine erfrischend andere EP elektronischer Musik und hebt sich sowohl konzeptuell als auch musikalisch deutlich vom leider oft alles übertönenden Einheitsbrei ab.

terjearps

Todd Terje. «It’s the Arps». Smalltown Supersound 2012.

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