Brechts Briefe an Helene Weigel

Von Daniel Lüthi

Erstmals veröffentlicht Suhrkamp die gesammelten Briefe von Bertolt Brecht und Helene Weigel: Ein Zeitdokument, das sowohl das Künstlerpaar als auch die Zwischenkriegsjahre von einer ungewöhnlichen Seite beleuchtet. Was Brecht mit Langeweile, Tabak und Grammofon so alles anzustellen wusste, zeigt dieser Band eindrücklich.

Liebe Helli,
gibt es nichts Neues? Warum schreibst du nichts? Ich komme mit „Fatzer“ gut vorwärts in der absoluten Langeweile hier! Was macht die Garagenfrage?
bert

Bitte die Adresse Döblins!

Dieser Postkartenbrief von 1927 setzt den Grundton für die Korrespondenz, die sich von 1923 bis 1956 zwischen Brecht und Weigel entfaltet. Anfangs zögerlich, aber bald umso persönlicher adressiert Brecht seine künftige Gefährtin und bindet sie in seine Projekte immer stärker mit ein. Bis zu ihrer berühmten Rolle in der DEFA-Verfilmung von Mutter Courage und ihre Kinder ist es noch ein weiter Weg, den die beiden gemeinsam, des Öfteren jedoch auch getrennt gehen.

Was auffällt, ist die ungeheure Dynamik, die in den Briefen herrscht: Brecht und Weigel schreiben einander selten von demselben Ort zweimal. Häufig sind sie unterwegs und mit der Arbeit an Stücken oder Aufführungen beschäftigt – dass manche Briefe auf Speisekarten oder Servietten geschrieben wurden, verwundert da kaum. Brecht pflegte sein breites Netz von Kontakten und Bekannten auch im späteren Exil, wozu Weigel trotz häufiger Trennung vieles beitrug. In manchen Briefen mutet ihre Beziehung daher fast ausschliesslich geschäftlich an: Weigel und Brecht korrespondieren über Bankauszüge, versandte Bücher und Kleidungsstücke und den Verbleib von Freunden. Fast könnte man meinen, sie seien sich gegenseitig SekretärIn gewesen … wären da nicht die immer wieder schliessenden „Ich küsse dich“ oder Zärtlichkeiten wie „Überanstreng dich nicht“.

So sucht Brecht den Kontakt zu Orson Welles und arbeitet mit W. H. Auden, während er gleichzeitig Gedichte an Weigel schickt und fragt, ob ihre Zahnschmerzen schon nachgelassen haben. Persönliches und Historisches vermischen sich, wir lesen das Buch ebenso als Zeitdokument wie auch als Biographie. Immer wieder finden sich Perlen wie die vom FBI abgefangenen und übersetzten Briefe Weigels an Brecht, worin sie sich um die Freilassung einer kommunistischen Freundin bemühen und im selben Atemzug wissen wollen, ob sie Weihnachten dieses Jahr nun zusammen feiern oder nicht.

Die vorliegende Ausgabe lässt die Briefe für sich sprechen und verzichtet glücklicherweise auf den Versuch, aus ihnen so etwas wie ein Gesamtbild zu rekonstruieren. Stattdessen erhalten wir ungeschönte Einblicke in die Beziehung von Brecht und Weigel, wo Geschäftliches und Privates selten getrennt bleiben. Dass die Lektüre dadurch stellenweise etwas fragmentiert anmutet, wird aber durch die hilfreichen Kommentare in einen literatur- und gesamtgeschichtlichen Kontext gesetzt. Darüber hinaus ermöglichen das Werk- und Personenregister im Anhang ein schnelles Auffinden von Stichwörtern oder bestimmten Stücken in den Briefen. Dennoch ist die Erstveröffentlichung nicht nur für Literaturwissenschaftler von Interesse: Die Persönlichkeiten Brecht und Weigel stehen klar im Vordergrund, deren Liebe zueinander und zum Theater so manche Krise meisterte.

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„ich lerne: gläser + tassen spülen“: Briefe 1923–1956 von Bertolt Brecht, Helene Weigel
Herausgegeben von Erdmut Wizisla
Gebunden, 402 Seiten
ISBN: 978-3-518-41857-4
Erschienen am 12.11.2012 bei Suhrkamp Verlag
ca. CHF 36.90

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