gesichtet #20: Die verlorene Gasse

Von Michel Schultheiss

Gelegentlich wird es als «Bronx» der Basler Altstadt bezeichnet: Das Gässlein, welches vom Kohlenberg, dem Ort der Dönerboxen, zum Steinenparking und zur Heuwaage-Unterführung (nicht minder unwirtliche Orte) führt, geniesst nicht gerade den besten Ruf. Die verruchte Gasse erstreckt sich parallel zur Steinenvorstadt, der Strasse mit den Kinos und Bars. Der quasi-offizielle Hinterhof der Ausgangsmeile ist gezeichnet von Sprayern und Wildplakatierern. Nichtsdestotrotz wagt sich der abgebildete Angestellte der Stadtreinigung im Alleingang in das oft verlassene und vernachlässigt wirkende Gasse. Soeben hat er ein paar Schichten Wildplakate von einer Fassade abgeschabt und mit der Kneifzange entfernt. Obschon er zum Zeitpunkt der Aufnahme ein relativ sauberes Gässlein vorfindet und obwohl der besagte Ort in letzter Zeit mit ein paar sehenswerten Graffiti versehen wurde, verirrt sich selten eine grössere Menschenmenge dorthin. Welche Geschichte hat aber dieser versteckte Pfad, welcher nicht gerade von vielen Leuten frequentiert wird?

Basels «Bronx»: Selten verirrt sich eine grössere Menschenmenge hierhin.

Basels «Bronx»: Selten verirrt sich eine grössere Menschenmenge hierhin.

Das Gässlein folgt dem Lauf seines Namensspenders, dem Steinenbach (welcher auch als Rümelinbach und «kleiner Birsig» bekannt ist). Dieser Gewerbekanal wurde im 13. Jahrhundert gegraben und wurde vor dem Steinentor vom Birsig gespeist. Im Laufe des vorletzten und letzten Jahrhunderts wurde er – wie so mancher Bach – sukzessive eingedolt. Von der einstigen Präsenz des Gewässers zeugt nebst dem Strassennamen auch die Steinenmühle. Bereits im 14. Jahrhundert wurde diese in Betrieb genommen. 1908 verstummten schliesslich die Mühleräder. Dennoch trotzt das Gebäude mit seinen mittelalterlichen Wurzeln seiner zubetonierten Umgebung, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Tiefgarage, einer Express-Schneiderei und eines Sex-Shops. Nebst diesen einstigen und ehemaligen Gewerbezweigen lassen sich im Steinenbachgässlein auch noch ein Restaurant mit orientalischen Spezialitäten, ein Fasnachtscliquenkeller, zwei Bars, ein Supermarkt-Hintereingang, eine Flamenco-Schule sowie der eine oder andere «tote» Laden finden. Zudem prangt inmitten eines Meeres aus Graffiti-Kunst ein Glasfries des Künstlerpaars Copa & Sordes. Und nicht zuletzt wäre da die bis tief in die Nacht geöffnete Bronx-Bar, welche ihren inoffiziellen dem berüchtigten Standort verdankt. Bei genauerem Hinsehen kommt hinter der Monotonie des einstigen Kanallaufs eine interessante Vielfalt zum Vorschein. Bisweilen lohnt es sich also als Fussgänger, anstelle der «Steine» den kleinen «Schattenbruder» der belebten Ausgangsmeile zu wählen.

2 Gedanken zu “gesichtet #20: Die verlorene Gasse

  1. raphi

    Ich mag das zugetagte Gässlein: Dort ist mein lieblings-türkisches Restaurant Kelim, in der Bronx Bar (heute Excaliirgendwas) liess ich schon manch absurden Abend ausklingen und die Gewerbetätigkeit des Orts ist sonderbar und bemerkenswert (in jeglicher Hinsicht). Sein lassen, so wie es ist! :)

  2. smi

    Hallo Raphi, mittlerweile hat ein weiteres Geschäft in diesem Gässlein Fuss gefasst: «Atlantis Records» befindet sich nun auch dort. Gruss smi


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