gesichtet #2: Mit geballter Faust zum Schmuddelkino

Von Michel Schultheiss

Klassenkampf in direkter Nachbarschaft mit einem «Mädchen aus gutem Haus» – eine solche Konstellation sieht man nicht alle Tage. Am Basler Burgfelderplatz trifft sich scheinbar Unvereinbares. Die Aufnahme ist mittlerweile schon etwas überholt. Sie zeigt die letzten Tage des Kinos Corso. Diese kulturelle Einrichtung ist mittlerweile von uns gegangen und steht zum Verkauf ausgeschrieben. Mit dem gutbürgerlichen Mädchen im Aushang wollte es das Kino noch einmal wissen und zum letzten Mal die Kunden in den Saal locken. Währenddessen wurde die Vitrine bereits für andere Zwecke genutzt.

Das Schmuddel-Image der Sex-Kinos, die gut in eine monotone Umgebung einer Autobahnausfahrt oder eines Bahnhofsgeländes passen, mussten diese erst mal loswerden. Die Erotik-Kinos erlebten in den 70er- und 80er-Jahren einen Boom, doch die technischen Entwicklungen machten ihnen mittlerweile einen Strich durch die Rechnung. Viele Kunden bevorzugten, ihr Kinoerlebnis diskret in ihren eigenen vier Wänden zu geniessen. Da halfen auch die Gerüchte, dass in diesen Kinos wilde Orgien stattfinden sollen, nicht mehr viel: Mit dem Aufkommen von Videos, DVDs und Internet machte sich das Kinosterben breit. Während heutzutage in Basel ein Künstlerinnen-Kollektiv mit dem Projekt «Glory Hazel» Fragmente aus dem Goldenen Zeitalter des Pornofilms für hippe Leute salonfähig macht, dient die ursprüngliche Heimat dieser Streifen nun als Aushang für die 1. Mai-Demo.

 

Von unten  links gegen oben rechts? Von hinten mittig gegen vorn? Von vorne oben gegen unten?  Von vorne mittig gegen unten? Fragen über Fragen, wie immer, wenn Welten kollidieren.

Von unten links gegen oben rechts? Von hinten mittig gegen vorn? Von vorne oben gegen unten? Von vorne mittig gegen unten? Fragen über Fragen, wie immer, wenn Welten kollidieren.

 

Ob Pornografie und Klassenkampf Gegensätze darstellen oder kompatibel sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Was die Leute vom Revolutionären Aufbau wohl über die beworbenen Filminhalte denken? Die Gruppe wurde 1992, also bereits zu Zeiten des allmählichen Niedergangs der Sex-Kinos, gegründet. Er versteht sich als Massenorganisation, die sich dem Kampf für die proletarische Revolution und eine klassenlose Gesellschaft verschrieben hat. Der Aufbau tritt auch gegen das Patriarchat an und setzt sich für den Frauenkampf ein. Ob damit auch der Kampf gegen die Pornografie gemeint ist, bleibt unbekannt. Die Slogans «Sexismus und Krise zerhauen! / den Kommunismus aufbauen!», «Im Kapitalismus gibt es keine Frauenbefreiung!», «Gegen patriarchale Gewalt, die Faust geballt!» sprechen nicht unbedingt für das Mädchen aus gutem Hause, welches die Reize ihres Körpers vermarktet.

Ob das Plakat einen Wink mit dem Zaunpfahl ist an die Pornografie als Ausdruck patriarchaler Gewalt oder ob bloss die Verwahrlosung des Gebäudes ausschlaggebend war, bleibt offen. Vielleicht stammt der Demo-Aufruf aber auch von Teilen des älteren Stammklientels, welches mit den heutigen Gratis-Angeboten im Internet überfordert ist. Werden die Vertreter dieser zur Randkultur verkommenen Szene als Verlierer des Kapitalismus eines Tages für den Erhalt ihres Freiraums auf die Strasse gehen?


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