DWVEBDMSBHBEBDS #1

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Von Gregor Szyndler

Hans Bissegger bindet seine Krawatte. Er findet einen Lottozettel. Seine Frau, Bin Bim Bissegger-Xi, gibt ihm einen Brief.

„Derselbe Scheiss in einem anderen Anzug!“, zischt Hans Bissegger, als er vor dem Spiegel steht und länger als gewohnt braucht, um seinen Krawattenknopf unüblich eng zu binden.

„Wenigstens ist der Anzug frisch aus der Reinigung“, wirft Bin Bim Bissegger-Xi, geborene Bin Bim Xi, ein. Bissegger zerrt an der Plastikfolie herum, in die seine Hose verpackt wurde. Es ist zwecklos. Die Wäscherei hat ganze Arbeit geleistet. Hans legt die Hose frei. Er greift in die Hosentasche. Er findet einen ausgefüllten Lottozettel. Staunend betrachtet er die angekreuzte Nummernfolge. Sie erinnert ihn an eine Telefonnummer, an Fedora, an eine Versicherungsnummer, an Geburtstage und Todesdaten, sogar an seinen Alptraum von letzter Nacht, an die Sache mit dem Rhachitiker Lalaudey: An alles erinnert es ihn, an nichts. Hans Bissegger mustert den Anzug. Das Monogramm ist noch da, auch der Riss in der Versteppung des linken Ärmels ans Futteral.

„Seltsam …“, murmelt er.

„Was hast du da?“, Bin Bim Bissegger-Xi zupft ihm den Zettel aus der Hand und mustert ihn. „Nanu? Und ich denke, du bist Nichtspieler?“

„Der Zettel gehört ja auch nicht mir!“, erwidert er, „Er stammt aus der Reinigung.“

„Seltsam …“ – sie zögert, bevor sie ihm den Zettel zurückgibt. „Weisst du was. Mach doch mit. Ich meine: Man kann ja nie wissen! Ach komm schon! Was spricht schon dagegen?“

„Hundertsechzehn Millionen plausible Gründe “, meint Bissegger.

„Naja, das hat natürlich was“, stimmt seine Frau zu (sie hat akademisch geschulte Ansichten zu Zufall und Wahrscheinlichkeit). „Apropos: Hast du es schon gehört? Nein? Die Sache mit dem Marktplatz?“ – Ihr Mann, man meint es, zuckt zusammen. „Da stand doch ein Christbaum, an die fünfzehn Meter hoch. Der wurde gefällt. Stell dir vor! Mitten in der Nacht. Mit der Motorsäge, einfach so, wrumm, wrumm. Samt Kugeln und Lichtern!“

„Ist denn das die Möglichkeit!“, ruft Hans.

„Ja!“, sagt Bin Bim Bissegger-Xi. „Der Baum fiel aufs Rathaus, schlug jede Menge Fenster ein und zerdepperte ein Tramwartehäuschen! Von der Tramoberleitung zu schweigen!“

Bissegger nestelt nicht mehr an der Krawatte herum.

„Das ist Vandalismus!“

Bin Bim Bissegger-Xi erbarmt sich und knüpft Hans Bissegger die Krawatte zu. Sie richtet den Knopf, schnuppert an seinem Hals; zögert; sagt:

„Es kam in den Siebenuhrnachrichten! Grosse Schlagzeile! Die Polizei steht vor einem Rätsel!“, meint sie, als sie den Knoten zurechtrückt. Bisseggers Halszäpflein drückt heftig gegen den Knoten.

„Ist nicht dein Ernst.“

„Du weisst nichts davon?“, forscht sie.

„Ich bin Schönheitschirurg, Bin Bim, bin beim Henker kein Förster oder rasender Reporter!“

„Ich meinte ja nur…“ – Bin Bim Bissegger-Xi hüpft, ihre Strümpfe zurechtzupfend, zur Wendeltreppe. „Immerhin warst du gestern spät dran!“

„Und da soll ich gleich einen Baum gefällt haben?“, entrüstet sich Hans Bissegger. „Dabei war ich doch bei meiner Geliebten, Fedora!“

„Och“, sagt Bin Bim Bissegger-Xi, „da sagt Fedoras Twitter-Account aber was ganz anderes!“ – Hans hat eine unbequeme Regung im Gesicht. „… und dann war die Säge auch noch nicht im Keller, du, ich hab’s zufällig gesehen!“

„Schnüffelst du mir etwa nach!“, mault Bissegger. Er weiss es, so ist es, ja doch, klar, sie tut es, schon lange tut sie es und wohl auch lange noch, lebenslänglich, wenn es denn tatsächlich nach dem Verdikt des trauenden Pfarrers gehen sollte. Bin Bim hat eine feine Nase, ein untrügliches Sensorium für alle Abgründe des Wahns. „Woher kennst du überhaupt Fedoras Twitter-Konto? Nicht einmal mir hat sie es gegeben!“

„Eben siehst du? Und. Ist das nicht eine, eine … na … – vielsagende Unterlassung?“

Bissegger trampelt Bin Bim Bissegger-Xi, im Mark getroffen, hinterher; sie ist die Treppe runter und steht, Abzählreime murmelnd, vor ihrer Schuhsammlung.

„Rot oder schwarz? Zur Handtasche oder zur Bluse?“

Die Sache scheint für sie gegessen.

„Bin Bim, heiliger Bimbam, komm schon!“, versetzt Hans Bissegger, „Du weisst doch, ich kann keine Geheimnisse haben!“

Bin Bim Bissegger-Xi entscheidet sich für ein Paar, schlüpft hinein und massiert sich die Knöchel:

„Naja. Das ist wahr. Trotzdem. Ich dachte ja nur: Schliesslich weiss man ja nie. Gut, Hans, ich weiss, was ich weiss’, du weisst, was du weisst. Und, was diese dumme Gans betrifft. Die nimmt dich aus. Solche jungen Dinger wollen nur das eine. Die hat sie doch nicht alle. Nun gut. Wie dem auch sei. Wegen der anderen Sache. Hauptsache, die Säge ist wieder da!“ – Bin Bim schaut auf die Uhr. „Sorry. Ich muss dann, tschau, tschau, Hans: wrumm, wrumm!“

Sie lacht. Bin Bim Bissegger-Xi will ab. Endlich bleibt sie, schon draussen vor der Haustür, stehen.

„Ach! Das hätte ich fast vergessen!“, hört Hans Bissegger Bin Bim Bissegger-Xi, auf dem Absatz kehrtmachend, rufen: „Nein! Wie dumm von mir!“

Er nimmt ihre Worte, nicht ungeübt, halb aufmerksam, als Abschied.

„Ich wünsch dir auch einen schönen Tag! Mach’s gut!“

Er will ab. Bin Bim Bissegger-Xi, mittlerweile steht sie, den Kopf schüttelnd, vor ihm, drückt ihm einen Umschlag in die Hand. Hans Bissegger mustert ihn, ratlos und perplex.

Stempel2

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei „Zeitnah: KuMag12“ vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

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10 Gedanken zu “DWVEBDMSBHBEBDS #1

  1. Milena Moser

    Starker Anfang! Ich liebe ja dieses Format….. Wenn du je eine Lesung machst, lad mich ein, ich wüsste zu gern wie man Bin-Bim Bissegger-Xi ausspricht!

  2. gsz

    danke, liebe Milena! … Du kriegst natürlich umgehend eine Einladung zur Lesung, wenn es so weit ist! Bis dann werde ich auch die Aussprache von Bin Bim Bissegger-Xi üben, versprochen!

  3. gsz

    Danke, Anna! Deine Wünsche kann ich gut brauchen! Selber bin ich auch gespannt. Mal schauen, wie sich das Manuskript in Serie macht …

  4. ast

    «Er nimmt ihre Worte nicht ungeübt, halb aufmerksam, als Abschied.» Damit ist er gefallen, der Satz des Monats. Cool.

  5. Daniel

    Mir gefällt immer noch die mögliche Anspielung auf deine Geschichte im Migros-Magazin… nur ist es hier ein Weihnachtsbaum und tatsächlich passiert…

  6. gsz

    Vielen Dank, ast! Mir fällt grad auf: Dein Kürzel erinnert mich jetzt auch irgendwie-irgendwo: an einen Baum!?

  7. Gregor Szyndler

    Danke!

    Das war aber seinerzeit im Coop-Magazin (Nr. 37/2010). Es ging um einen Schlaflosen, der, statt Schäfchen zu zählen, Bäume fällt (die aufs Haus vom Nachbar fallen) …

    Jetzt geht es um einen Schönheitschirurgen, der sich nicht entscheiden kann zwischen Skalpell und Motorsäge.

    Aber, psst, das kommt erst noch!

    In beiden Fällen fraglich: was ist da ‚wirklich‘ ‚passiert‘ und was nicht?

  8. Kej

    Wieso hab ich nur angefangen zu lesen?! Nun muss ich die ganze Zeit über auf Fortsetzungen warten.

  9. gsz

    Hallo Kej

    Danke, ich werte deine Ungeduld als Aufmunterung zu weiterer Arbeit. Vielleicht hilft ein Glas Roten gegen die Ungeduld?

    Es dauert ja nicht mehr lange, in 32 Stunden ist die nächste Folge parat. Dann nicht nur als Text zum Lesen, sondern auch als MP3, zum Nachhören. Dann musst du nicht einmal mehr lesen, sondern nur noch auf die Fortsetzungen warten. Je nach Reaktionen darauf dann auch die folgenden Episoden als MP3 …

    Bin selbst gespannt, wie es weitergeht: Das an sich fertige MS verselbstständigt sich zurzeit gerade, bei der Aufbereitung für die Fortsetzungsnovelle.

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