DWVEBDMSBHBEBDS #2

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Von Gregor Szyndler

Hans Bissegger traut seinen Augen nicht. Bin Bim Bissegger-Xi berichtet von Leolucas Angriff. Hans lässt Dinge Revue passieren. – Auch als MP3 und als Kalenderereignis.

Noch immer nicht tut Hans Bissegger das Naheliegende; immer noch nicht reisst er das Couvert auf und liest, in Dreiteufelsnamen, was drinsteht. Stattdessen fixiert er, ganz wie in der Redensart mit dem Boten und der schlechten Botschaft, die Botin, seine bessere Hälfte, Frau Bin Bim Bissegger-Xi.

„Was ist das?“, will er wissen; wie in einem leidenschaftlich-rührseligen Spielfilm hantiert er, um Aufmerksamkeit haschend, mit dem Brief, wedelt seiner Frau Luft zu.

„Ein Verweis! Leoluca hat Scheisse gebaut. Deutschlehrerin. Leistungskurs: Aufsatzschreiben. Losgegangen ist er auf sie. Mit dem Klappmesser! Stell’s dir vor! Noch so ein Ding und er fliegt von der Schule! Du musst unterschreiben! Da!“

Bissegger schüttelt den Kopf.

„Klappmesser? Leoluca? Deutschlehrerin? Das macht doch keinen Sinn: o lange nach der Sache mit dem Rhachitiker Lalaudey! Wo Leoluca doch das Fach so mag!“ – schon mehrmals hat Leoluca, auf sein schulisches Malaise angesprochen, Bin Bim und Hans zu verstehen gegeben, wie sehr er für dieses Fach prädestiniert sei, wie wenig charakterbildend hingegen die im Curriculum vergötzten Grammatiken, Kommaregeln, Rhetorikkurse und sonstigen kleinbürgerlichen Machtinstrumente für sein geknechtetes Wesen seien. Solche Sätze gibt Leoluca noch vor dem Frühstück von sich, und wer ihm bei drei noch nicht die Ohren langgezogen hat, kann sich auf längliche, sperrige Ausführungen gefasst machen: Mit grosser Lässigkeit und Lockerheit gibt Leoluca solche klügelnden Sätze von sich, und die Kluft zwischen Wort und Lebensentwurf kann doch nicht grösser sein, niemals und unter keinen Umständen. Hans Bissegger schreibt es Leolucas unbeaufsichtigten Gewaltmärschen die Weltliteratur herauf und herunter und längs und quer und hin und her und links und rechts zu: Am nun doch eher schläfrigen Wesen der Deutschlehrerin kann sich dieses Selbstaufwieglertum jedenfalls, wie er sich schon verschiedentlich selbst vergewisserte, nicht entzünden. Ach, die Dichter! die Dichter: Wenn der Junge doch wenigstens auch einmal TV glotzen würde, staffelweise Serien, „Wer wird Millionär“, Castingshows oder Ballerfilme, irgendetwas, um sein überspanntes Gemüt zu entkrampfen, Wodka-Saufen im Park oder Konsolen-Zocken bis zum Durchglühen, irgendetwas Zeitnahes, Generationentypisches! Aber nein, aber nein: ganze Bibliotheken hat Leoluca sich zu Gemüte geführt, freilich ohne dass dadurch seine Flausen weniger geworden wären, ohne dass er weniger kraus sich deswegen verhalten hätte, wobei doch wenigstens ein Gefälle sich auftat zwischen seinem übrigen Schulverhalten und seinem Gebaren in den Deutschstunden, Diskrepanzen der Verhaltensabnorm, die sich wohl mit ein wenig guten Willen mit einem gesteigerten Interesse am Unterrichtsgegenstand erklären lassen liessen. Hat Leoluca denn nicht oft genug schon durchblicken lassen, dass das mit der Sprache und ihm, so lange es nur ums Schreiben ging, durchaus etwas werden könne. Als Zukunft und Gegenwart, als Gegenwart der Zukunft, als Beruf, als Berufung, so. Lange nicht mehr hatten Hans und Leoluca eine so angeregte Diskussion gehabt wie neulich, als der Filius ihm seine diesbezüglichen Pläne offenbarte. Natürlich hat der Vater dem Sohn den Kopf gewaschen, ist ihm mit Risiken gekommen, mit Armuts- und Working-poor-Statistiken und den Communiqués des Autorenbunds. Trotzdem ist Leoluca bei seinem Plan geblieben. All dies geht Hans durch den Kopf, während er zu seiner Frau sagt: „Warum? Deutschlehrerin? Hat Leoluca sich den letzten Support verspielt?“

„Mehr weiss ich ja auch nicht“, gesteht Bin Bim Bissegger-Xi; sie ist nicht willens, sich auf Erörterungen einzulassen.

„Also ich“, meint Hans Bissegger resolut, „… ich unterschreibe diesen Fackel erst, wenn ich alles, aber auch wirklich alles, weiss!“

Ihr trockenes Lachen schlägt ihm entgegen.

„Na dann viel Glück. Du kannst es ja mit waterboarden versuchen, Hans, vielleicht nützt das, oder verhänge Hausarrest. Oder streich’ ihm das Benzingeld – Leoluca gibt’s sowieso immer für Drogen aus. Nicht, dass er es brauchen würde. Das ist ja das ganze Elend! Dieser kleine Spekulant. Ups – apropos! – Kinder! Zehn Minuten! Los! Bewegung! Bewegung! Wird das noch!“

Stempel2

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei „Zeitnah: KuMag12“ vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

 

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12 Gedanken zu “DWVEBDMSBHBEBDS #2

  1. Lil

    Leoklappmesserluca!

    Diese Episode war zu kurz, nächste Woche bitte einen längeren Aus- oder Abschnitt.

    Ich bin Begeistert.

  2. Nicole

    Gute Sache, freue mich auf die Fortsetzung! Was aber noch fehlt ist ein gut sichtbarer Link zum vorhergehenden Kapitel.

  3. gsz

    Danke vielmal Lil!

    Das ist ein Top-Spitzname für den Leoluca. Leo-Klappmesser-Luca. Da schau ich doch glatt, ob das später einmal zu brauchen ist.

    Während der Anfangsphase, bis die Novelle so weit aufgegleist ist, werden die Beiträge eher kurz bleiben.

    Später dann sind auch längere Strecken möglich.

  4. Stefan

    Ich finde, der Text ist in Prosa gegossene Slam Poetry: wegen der Länge, weil er witzig ist – vorerst kann ich nur ‚witzig‘ sagen, vielleicht wird es gesellschaftskritisch-satirisch witzig, vielleicht grotesk witzig – und wegen der Sprache, z. B. wenn Herr Bissegger mit dem Namen seiner Frau spielt (die ja mehr Biss zu haben scheint als er).

    Was meinst du dazu, Gregor?

    Übrigens finde ich, Leoluca hätte auch Finn oder Brook heissen können, da er ja Sohn eines Schönheitschirurgen ist und Schriftsteller werden will – wie tragisch, die Goldküstenherkunft mit dem Vornamen mit sich rumzuschleppen.

    Na gut, Leoluca ist wohl auch ziemlich schönheitschirurgisch …

    Ich bin gespannt auf die Fortsetzung!

  5. Claudia

    ich lese mit interesse deine fortsetzungnovelle, kann mich mit dem langen titel nicht ganz anfreunden, weil es mich an diesen songcontest von stefan raab erinnert, aber das muss nichts heißen.

    ansonsten bin ich beeindruckt!

    und ich würde die teile alle in mp3 anbieten, das ist eine gute idee und ist außerdem interessant, weil ich einiges anders gelesen habe, es anders rüberkommt, wenn ich es vom autor selbst gelesen höre. das macht neugierig und hilft auch zeitweise dem text. also daumen hoch für diese option!!!

    und deine texte sind entdeckungen, die ich mit interesse lese.

  6. gsz

    Wegen der Slam-Sache. Finde ich nicht – der Text eignet sich wohl zum Vorlesen, vielmehr aber noch, über alle, auch noch kommenden Episoden betrachtet, zum Selberlesen. Dort ist er daheim, beim Lesen, Selberlesen.

    Wichtig jetzt am Anfang ist einfach, die Flächen auszubreiten, auf denen sich die Novelle späterhin bewegen wird. Mit den Figuren wird einiges geschehen, so viel kann ich versprechen – womöglich wird es auch um sie geschehen sein?

    Wir müssen schauen. Jetzt ist es noch so Skalpell wie Säge.

    Das mit der Herkunft: habe ich mir jetzt nicht überlegt, konnte mich nicht entscheiden zwischen den beiden Vornamen Leo und Luca. Zum Glück lassen sich die beiden so gut fusionieren.

  7. gsz

    Danke vielmals, Claudia!

    Der Titel darf ruhig ein bisschen groschenromanig rüberkommen. Der Inhalt konterkariert es ja dann hoffentlich.

    Vermutlich bleibe ich bei den MP3. Bei Dir scheint es entscheidend zum Leseerlebnis beigetragen zu haben, was Ziel des Versuchs war.

  8. Jan Decker

    Die Fortsetzungsnovelle gefällt mir.

    Schön plakatives Titelbild, von der Form her eine an Brecht geschulte Klamotte mit sehr starkem schweizerischem Zugriff auf die Wirklichkeit (finde ich gut!), und dass sie als MP3 angeboten wird, macht das Ganze noch ergiebiger.

  9. gsz

    Schlage ich man ‚Klamotte‘ nach auf Duden.de, ergibt sich:

    „(umgangssprachlich abwertend) älteres, kaum noch bekanntes
    unterhaltsames Theaterstück; derber Schwank mit groben Späßen und ohne
    besonderes geistiges Niveau“

    — ich nehme das jetzt einfach mal als Hinweis, dass die Novelle
    sich verschiedentlich noch wird steigern können.

  10. gsz

    Erst einmal muss der Wandschirm aufgestellt sein, hinter dem sich dann erst das noch folgende Schatten- und Schemenspiel der Novelle, bis zum Ende, wird abspielen können.

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