DWVEBDMSBHBEBDS #3

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Kinderlärm. Hans Bissegger verhört Leoluca. Leoluca näselt. – Auch als MP3 und als Kalenderereignis.

Bissegger lockert seine Krawatte; er atmet auf, wenn auch nur verstohlen. Bin Bim Bissegger-Xis Durchsage zeigt Wirkung: Im Bad beginnt Wasser zu plätschern: das ist die Eva, die, ganz die Mutter, ihr tägliches Bad nimmt. Hans legt den Brief weg; seine Dusche kann er vergessen. Dieweil, im Gebälk über seinem Kopf, da gähnt, knarrt, schlurft es: auch sein Sohn Leoluca bequemt sich, von Bin Bim zusammen geschrien, in einen weiteren Tag.

Das Schauspiel beginnt.

Die Luke kommt herunter, es girrt und knirscht nur so, Federn spreizen sich und sie singen metallisch, die Stufen der Faltleiter sinken lange in die Tiefe. Dann klickt die Arretierung. Ein Haarbausch mit farbigen, klickernden Murmeln daran zeigt sich. Das ist unzweifellos der Sohn, wenn er auch heute, am anderen Ende der Nacht, gewissermassen neu konfiguriert sein dürfte im Vergleich zum schon gestern nicht ganz pflegeleichten Filius. Es bleibt abzuwarten. Mit einem Stab drückt Leoluca die Konstruktion hinab. Die Leiter reckt und streckt sich, entfaltet sich dem Boden entgegen. Leoluca stolpert die Tritte herunter. Rauch wabert aus dem Dachboden, schwerer, harziger Rauch.

„Leoluca! Was soll das! Vor dem Zmorge?“, fährt der Vater den Sohn an. Der Sohn gähnt, derweil er sich seine Dreadlocks verzwirbelt. Hans Bissegger wedelt mit dem Verweis.

„Das da? Ach! Pfwz! Wie soll ich sagen! Das hat doch nichts zu bedeuten, das sind doch nur die reaktionären Auswüchse eines selbstgefälligen Systems, wenn du da einmal dein Ritalin nicht nimmst, wirst du gleich zum Rektor zitiert, pah! du brauchst dich nicht zu sorgen, Paps, ich habe alles im Griff!“

„Das glaubst du ja selbst nicht!“, sagt Hans Bissegger, derweil er Leoluca Bissegger in den Schwitzkasten nimmt und ihm eine Kopfnuss gibt. „Also? Wird das noch?“

Leoluca schreit auf und funkelt seinen Vater an.

„Wir mussten einen Aufsatz schreiben. Am Samstagmorgen. Zehn vor acht!“ – es setzt nochmals Kopfnüsse. Erst, als seine Faust auf einer der Murmeln landet, dass es nur so kracht und knackst, kommt er zur Besinnung und lockert seinen Griff.

„Dafür hast du die Prüfung nicht geschwänzt, was, Leoluca, um Samstag, mitten in der Nacht, nachzusitzen!“

„Du weisst ganz genau, dass ich eine Magendarmgeschichte hatte am Dienstag!“ – er tritt seinem Vater gegen das Schienbein und eist sich los.

„Das einzige, was ich weiss“, sagt Hans Bissegger, der sich das Schienbein reibt, „… ist, dass du neuerdings deine eigenen Absenzen unterschreiben darfst! Deine Volljährigkeit geht mit einer beklangenswerten Abnahme deines Immunsystems einher!“

„Das ist dann Misstrauen!“, gibt Leoluca zurück. Er will die Leiter hinauf, zurück in den Dachstock. Hans Bissegger bekommt ihn am Hosenbein zu fassen, zerrt ihn die Treppe herunter und schubst ihn in den Korbsessel.

„Zur Sache.“ – Er baut sich vor ihm auf, den Brief in der Hand. „Wie kommt es dazu?“

„Nä, ähm – ja.“ – Leoluca gibt klein bei; er schnieft. „Der Aufsatz. Ich meine: Aufsatz. Bwuääh!“

„Lass dir doch nicht immer alles ziziweis aus der Nase ziehen!“, donnert Hans. „Ich bin Schönheitschirurg, kein Einbalsamierer!“

„Das Thema des Aufsatzes lautete: Was ist Mut? … schreib ich also: ‚Was ist Mut?’ auf das Blatt, gefolgt von lauter gar nix und dann einem Haufen von …, —, —, !!! und ???“

Es ist Hans Bissegger ein Rätsel, wie sein Sohn es schafft, sein ausdrucksloses, sediertes, fast schlaffes, morgens, mittags, abends, nachts identisches Gesicht von einer Sekunde auf die nächste so von Grund auf sich wandeln zu lassen. Ein regsames Mienenspiel und Auf und Ab, Hin und Her und Kreuz und Quer spielt sich auf Leolucas Gesicht ab, ein Schauspiel, das weit mehr als die tatsächlich vorhandenen paar Dutzend Muskeln vermuten lässt. Es ist und bleibt der Verdacht, dass Mimik und Mimikry über Ratlosigkeit hinwegtäuschen sollen.

„Drück dich gefälligst deutlicher aus!“, verlangt Hans Bissegger, denn er sieht es genau so. Sein Sohn verzieht keine Miene, als er sagt:

„Komm, Paps. Ich zeigs dir!“ – Leoluca Bissegger faltet einen Haufen von Zetteln auf, die er in der Gesässtsche hatte, Mischpulte. Es rieselt nur so, bräunlich, grünlich, schwärzlich aus den Faltfalzen heraus. Leoluca netzt seinen Finger an und sammelt die Bröckelchen zusammen, lässt sie sich auf der Zunge zergehen, dieweil er seinem Vater Blatt um Blatt gesäubert in die Hand drückt.

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