Weg damit, doch gebt uns mehr! Gedanken zur Wegwerfgesellschaft

Von Linda Mülli

Wir wissen alle um die Absurdität des weltweiten Lebensmittelkreislaufes: Was in Produktionsländern (meist in der südlichen Hemisphäre) an Essen fehlt, wird in Industrieländern in rauen Mengen weggeworfen. Wo bleiben da Ethik und Verantwortungsbewusstsein? Wie und weshalb konnte es überhaupt so weit kommen? Welche Fragen nach einem Umdenken sind angebracht und wer darf oder soll sich anmassen, diese Fragezeichen zu setzen?

Müll

So verbreitet das fehlende Wissen über die Haltbarkeit und die Eigenschaften von Lebensmitteln sind, so tabuisiert sind Angaben zu den jährlich anfallenden Abfallbergen (Foto: smi).

Die Ursache für die Lebensmittelunsinnigkeit und die fehlende Wertschätzung von Essen ist laut Valentin Thurn, der mit seinem Dokumentarfilm «Taste the Waste» aus dem Jahr 2011 gegen die Verschwendung von Nahrungsressourcen kämpft, in «der unheilvollen Mischung zweier Folgen der industrialisierten und globalisierten Lebensmittelproduktion» zu finden: Unser zu extremes Konsumverhalten und zu billiges Essen. Dabei hängt das eine mit dem anderen zusammen: Je weniger ein Produkt kostet, desto mehr kann ich erwerben und wieder wegwerfen, ohne dass es mich (finanziell) schmerzt. Der Luxus, das ganze Jahr über Nahrungsmittel aus aller Herren Ländern verzehren zu können, wurde in Industrieländern binnen weniger Jahrzehnte zur Selbstverständlichkeit. Dass wir aus gefühlten hundert Sorten Joghurt auswählen (müssen), ist in der «Ersten Welt» an der Tagesordnung.

Wie paradox «wohltuend» war es da für mich, die zu oft verzweifelt vor dem Kühlregal steht, während einer Kuba-Reise diesem Überfluss zu entkommen. Wer in einem Land der Engpässe nicht den Lockrufen der Fünfsternehotels folgt, isst, angepasst an die lokalen Lebensverhältnisse, die Früchte, die die Saison gerade zu bieten hat: Haufenweise Bananen, dann Mangos, dann Avocados. Und beschämt muss man sich als Touristin eingestehen: Was für einen beinahe idealisierte und lächerlich befreiende Einfachheit darstellte, ist für viele Menschen Alltag.

In der Fachwelt werden Menschen, die freiwillig auf den oben angedeuteten Lebensmittelluxus verzichten, «Lovos» genannt, nach ihrem Motto: «Lifestyle of voluntary simplicity». Nicht, dass ich mich dieser Ideologie zugehörig fühle, doch nach einem Monat auf Kuba hatte ich in einer Shopping-Mall in Panama City – einem kleinen Miami – ob des Überflusses einen regelrechten Kulturschock. Ein einschneidendes und prägendes Erlebnis stellte in besagter Megacity ein Abstecher in die Lebensmittelabteilung des Ladens an der Ecke dar: In der Auslage präsentierten sie sich, all die Ananasse, Äpfel und Orangen, in Reih und Glied, identisch in Farbe, Form und Grösse. Ein Schönheitswettbewerb sondergleichen. Im Regal daneben wurde Wasser in allen Variationen feilgeboten, mit Gas oder ohne, mit Mineralien, extra Calcium oder auch Vitaminen. Diese Unmengen von Essen befremdeten mich und ich stellte mir meine kubanischen Freunde vor, und dass sie angesichts des Überflusses wohl sprachlos gewesen wären.

Eine verkehrte Welt: Während es dort beinahe an allem mangelt, werden in hiesigen Supermärkten braune Bananen weggeworfen oder krumme Gurken zu Ladenhütern, da sie der allgemeinen Ästhetik nicht entsprechen. Frisches Brot soll bis fünf Minuten vor Ladenschluss käuflich sein, ein Grossteil landet am Ende doch im Müll. Weshalb? Gesundheitsvorschriften, Produzenten und Konsumenten schaffen, sich gegenseitig beeinflussend, immer intolerantere Lebensmittelkriterien – Normen für Farbe und Form von Tomaten und Co. – sodass viele Frischwaren schon vor ihrem Transport in die Läden aussortiert werden. Hat es ein Produkt schliesslich doch bis ins Regal geschafft, gilt seit rund vierzig Jahren das «Mindesthaltbarkeitsdatum» (MHD) als absoluter Richtwert für die Geniessbarkeit. Viele Konsumenten glauben den Ziffern blind und so wird manche Milchtüte lange, bevor sie sauer wird, in den Abguss geschüttet.

So verbreitet das fehlende Wissen über die Haltbarkeit und die Eigenschaften von Lebensmitteln sind, so tabuisiert sind Angaben zu den jährlich anfallenden Abfallbergen. Viele Supermärkte verschweigen absolute Zahlen. Somit lassen sich nur Schätzungen anstellen: Valentin Thurn spricht von fünfzig Prozent weggeworfenen Lebensmittel in Deutschland. Für Österreich errechnete eine Studie der Universität für Bodenkultur 166´000 Tonnen weggeworfenes Essen jährlich. In der Schweiz spricht man von einem Drittel «food waste» – hier wird Essen mit verfallenem MHD an soziale Institutionen gespendet. Aber auch die Obdachlosen haben irgendwann genug von Joghurts! Und da in der Europäischen Union seit 2002 aus Angst vor Seuchen keine Lebensmittel mehr an Tiere verfüttert werden dürfen, landen sie nach diversen Reduktionsverfahren im Container.

Was läuft hier falsch? Weshalb ist es für viele Konsumenten normal, noch Geniessbares wegzuwerfen? Muss man wirklich extreme Not erlebt haben, um zu wissen, wie verwerflich Verschwendung ist? Liesse sich im Falle der meisten Konsumenten und Supermarktbetreibern maximal von «ethischem Unwohlsein» sprechen, geraten andere angesichts der Verschwendung geradezu in Rage. Besonders im links-alternativen bis anarchistischen Milieu kommt es immer mehr zur guerillaartigen «Lebensmittelbeschaffung». In Nacht-und-Nebel-Aktionen holen sich die Dumpster oder Müllfischer, wie sie auch heissen, das, was die Konsumgesellschaft übriggelassen hat aus den Müllcontainern der Supermarktketten. Ausgelegt wird dies als «Protest gegen die Wegwerfgesellschaft», als «Leben abseits des Massenkonsums», als Akt gegen eine «Wirtschaft mit kapitalistischer Logik». Der Argumentationsfächer reicht weit, doch im Zentrum bleibt die Kritik an der globalisierten Nahrungsmittelindustrie und deren Folgen: Ungleichheit, Armut, Ausbeutung von Arbeitskraft und natürlichen Ressourcen, Umweltzerstörung. Wenn die Dumpster davon sprechen, Lebensmittel zu «retten», schlüpfen sie geradezu in die Rolle eines Robin Hoods. Doch auch diese Menschen konsumieren hauptsächlich Produkte, die weder aus fairem Handel stammen, noch die Bioknospe tragen oder regional produziert worden sind. Die Dumpster klinken sich lediglich aus dem Konsumfluss aus, indem sie einfach nehmen, ohne zu bezahlen.

Dennoch reklamieren Müllfischer für sich die noble Tat der «Essens-Rettung», wollen dies gleichzeitig als Protest gegen die Nahrungsmittelverschwendung der Konsumgesellschaft verstanden wissen und die Wertschätzung von Lebensmitteln vergrössern. Eine vergleichbare Motivation lässt sich bei Internet-Tauschbörsen finden. So kann beispielsweise unter www.foodsharing.de oder – man ist modern – via App (gedumpstertes) Essen getauscht werden. Auf der Website www.mundraub.org setzen sich wieder andere für Obstallmende ein und wollen «in Vergessenheit geratene Früchte der Kulturlandschaft im öffentlichen Raum wieder in die Wahrnehmung rücken». Sie unterstreichen so die Wichtigkeit der Regionalität. «Guerilla Gardening» ist ein weiterer Versuch des alternativen Lebenswandels. Besonders in den USA mutieren Städter zu Mini-Bauern, indem sie auf Dächern oder in Hinterhöfen Gemüse anbauen und Hühner halten. So wird inmitten absoluter Urbanität Naturverbundenheit und Landromantik praktiziert. Doch es sind Guerilla-Gärtner, wie auch Menschen, die sich im Sinne eines Konsumboykotts in Kooperativen zusammenschliessen, die stärker bestimmen, was sie essen. Entweder wird selbst angepflanzt oder das Essen direkt bei lokalen Bauern erworben (so wie im Projekt «Bioparadeis» in Wien).

Den beschriebenen Initiativen kann zugute gehalten werden, dass Früchte und Co. – auch die nicht perfekten – geschätzt werden. Versuchen so einzelne neben der dominanten Konsumschiene zu leben, bleibt die Problematik der total abstrahierten Lebensmittelproduktion. Obwohl laut UNO-Berichten die Mehrheit der Weltbevölkerung mit Erzeugnissen aus kleinen Landwirtschaftsbetrieben ernährt wird und diese Art viel nachhaltiger ist – auch im Hinblick auf Arbeitsplätze in den Schwellen- und Drittweltländern – ist unser Essen Resultat einer Lebensmittelindustrie, die nach allen Regeln des Kapitalismus funktioniert. Und während in selbstorganisiertem Anbau tendenziell alle noch geniessbaren Erzeugnisse verwertet werden (schliesslich steigt die Wertschätzung der Produkte proportional zu der in den Anbau investierten Arbeit), haben wir es in der Massenproduktion mit einer von der Konsumenten-Mehrheit geforderten Überproduktion zu tun. Ein Teufelskreis, der auch trotz allen guten Willens schwer zu durchbrechen ist, wie eine weitere persönliche Erfahrung zeigt.

Obwohl in diesen Zeilen der Schwerpunkt auf Lebensmittel gesetzt wird, erinnere ich mich an den gescheiterten Versuch einiger Freundinnen, Kleider weiterzugeben. Es war ein Happening, als wir in der WG Röcke, T-Shirts und Co. ausbreiteten und mit dem fröhlichen Tauschen begannen. Dabei waren Kleidungsstücke, die es in unseren Augen noch nicht verdient hatten, in den Caritas-Kleidersack zu wandern. Doch am Ende landeten die meisten Textilien eben dort – wir alle hatten überquellende Kleiderschränke. In was für einer Welt leben wir eigentlich?, fragten wir uns. Und versuchten uns mit dem Gedanken zu trösten, dass unsere ehemaligen Lieblingsleibchen in irgendein «armes Land» versandt würden – dabei stellten wir uns ob der neuen Kleidung ach so glückliche afrikanische Kinder vor.

Doch meistens werden diese Sachen, also von uns Weggeworfenes, geradezu auf andere Märkte geschwemmt und zerstören die lokale Industrie. Deren Erzeugnisse sind oft teurer als die «gespendeten» Produkte. Die Industriestaaten versenden nicht nur Textilien und Elektroschrott gen Süden, nein, sie verkaufen sogar Fleischabfälle aus den Schlachthöfen. Ein Kilo gefrorenes Hähnchen-Etwas aus Holland kostet in Ghana beinahe die Hälfte im Vergleich zu einem lokal gezogenen Poulet (vgl. Dokumentarfilm «Hühner für Afrika – Vom Unsinn des globalen Handels», 2009). Und hier zeigt sich ein weiterer Knackpunkt: Weshalb sollten sich die Konsumenten dort anders verhalten als hier? Das Billigste wird gekauft und nach Qualität wird (oft) nicht gefragt.

Während sich die Menschen in fleischüberströmten Drittweltländern also über den zweifelhaften Luxus der fertig zubereiteten Hühnchen freuen (auch wenn deren Qualität äusserst mangelhaft ist), können sich Leute hierzulande die Empörung leisten. Um nochmals auf die Müllfischer zurückzukommen: Sie sehen sich zwar als Aktivisten, sind doch aber in ihrem Tun eher reaktiv und geben ein Stück Autonomie auf, indem sie sammeln, was sie in den Containern vorfinden. Ebenso wenig wie Käufer wissen Dumpster, woher die Produkte stammen. Sie finden jedoch Befriedigung in «Vergeltungsaktionen» gegen Grossverteiler. Allein darauf kommt es jedoch nicht an. Die Guerilla-Gärtner sind konsequenter, ihre Eigeninitiative grösser. Die gewünschte Autonomie von der Konsumgesellschaft erhält hier eine andere Dimension. Die letztendlich konsequenteste Haltung wäre der totale Rückzug aufs Land und der Versuch, subsistiert zu leben. Doch wir wissen: Nicht jeder kann ein «Lovo» sein.

Ein Film wie «Taste the Waste» kann allenfalls schockieren und einige wenige, schon alarmierte Menschen, zur Umkehr bewegen. Das ist gut! Doch wie sehr in 90 Minuten die «Wertschätzung von Lebensmitteln» gefördert werden kann, wie Regisseur Valentin Thurn zu Protokoll gibt, ist nicht absehbar. Sensibilität gibt sich bei den meisten wohl nicht einfach so. Vielleicht wäre es sogar ratsam, Anreize von staatlicher Seite her gezielt zu fördern. So zeichnet das Österreichische Lebensministerium im Wettbewerb «Vikutalia 2013» noch diesen Frühling Unternehmen und Institutionen aus, die sich in irgendeiner Weise für die Wertschätzung von Essen einsetzen. Lorbeeren für diejenigen, die sich Mühe geben! Oder man greift zur Peitsche und bestraft die Sünder der Wegwerfgesellschaft.

Natürlich sollte es jeden schmerzen, auch nur trockenes Brot wegzuwerfen. Doch wer nicht weiss, welcher Aufwand hinter einem Produkt steht, das er ausserdem verhältnismässig zu billig erworben hat, den lässt es kalt. Wer weiss schon, wie lange man auf der Leiter steht, um ein Kilogramm «verkaufstaugliche» Früchte gepflückt zu haben? Ein Anstoss von oben ist gut, Forderungen von unten sind besser. Wir können etwas ändern. Indem der Ruf nach übermässiger Produktevielfallt leiser wird und mehr regional erzeugte Lebensmittel gekauft werden. Und so, um auf ein für die hiesigen Konsumenten aktuelles Malheur der Lebensmittelindustrie zu verweisen, geschieht es möglicherweise auch nicht mehr so leicht, dass Pferdefleisch drin ist, wo Rindsfleisch draufsteht…

 

Linda Martina Mülli studiert in Basel Vergangenes bis Zeitgenössisches, hat ein Faible für Lateinamerika, ist freischaffende Redaktorin und aktuell Teilzeit-Bohemienne in Wien. 

Lesen Sie zu dieser Thematik auch Linda Müllis Reportage über die Dumpster-Szene in Wien.

 

5 Gedanken zu “Weg damit, doch gebt uns mehr! Gedanken zur Wegwerfgesellschaft

  1. Marco

    Klasse Essay!

    Ein Jammer, dass wir Konsumenten so blind aufs MHD vertrauen!

    Und auf die Industrie allgemein: Manchmal steh ich vor Gemüse- und Früchte-Auslage und weiss kaum, was genau nun gerade Saison hat: alles gibts das ganze Jahr, und nur die Aktionen rufen ins Gedächtnis zurück, was Saison hat!

    Das Verschenken von Lebensmitteln ist leider auch nicht immer ohne Weiteres möglich: seien es rechtliche Hindernisse oder Medienkampagnen, die dies verhindern!

  2. lmu

    Danke! Genau, das ist es ja gerade: Wie können wir uns im urbanen Kontext dem Lebensmittel-Irrsinn entziehen, ohne auf die Alp zu ziehen?! Diese allumfassende Lebensmittel-Produktion muss eingeschränkt werden: Wer braucht schon halb gereifte Erdbeeren im Winter? Die schmecken eh nicht…

  3. Pingback: weg damit, doch gebt uns mehr ! | campogeno

  4. holzbock

    Hallo Linda Mülli,

    In der Mitte deines Artikels hast du leider nur knappe Worte für den eigentlichen Verursacher dieser Misere übrig – dem kapitalistischen Wirtschaftssystem. In diesem System geht es vom Produzenten bis zum Supermarkt nur um den maximalen Gewinn an den Lebensmitteln. Und so lange es sich für den Händler lohnt Lebensmittel zu vernichten, um die Preise zu halten, wird sich nichts ändern. Es geht im Kapitalismus in keiner Weise um die Ernährung der Menschen, sondern einzig um den Profit. Lebensmittel sind, wie alles andere im Kapitalismus, Ware. Dem Kapitalisten ist es egal, ob irgendwo Menschen verhungern, wenn der Hungrige kein Geld hat, wird die Ware ehr Vernichtet, als sie umsonst ab zu geben. Als Autorin hast du doch gute Gelegenheit, die Menschen über dieses perfide Wirtschaftssystem aufzuklären.

    Liebe Grüße Michael

  5. aussteiger

    wegwerfgesellschaft lockt armutsflüchtlinge
    die mehrheit der armutsflüchtlinge kommt, weil wir sie bestehlen !
    die hälfte unserer lebensmittel landet auf dem müll und auch 20 millionen schweine landen jedes jahr im müll – obwohl (anscheinend) immer mehr deutsche auf fleisch verzichten, wird immer mehr produziert und wir betreiben eine abartige vernichtung von “nutztieren”. was die veganer und vegetarier nicht kaufen landet dann halt auf dem müll – weg damit, doch gebt uns mehr ! – raubtier mensch, oder globale gleichgültigkeit ? pervers, oder?
    https://campogeno.wordpress.com/2014/01/14/wegwerfgesellschaft-lockt-armutsfluchtlinge/

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