Dumpstern: Ein urbanes Abenteuer als politisches Statement?

Von Linda Mülli

Spät nach Ladenschluss ziehen sie los und schleichen sich in die Hinterhöfe von Supermärkten. Im Schatten der Nacht und  leuchten sie sich in einer gesetzlichen Grauzone mit ihren Taschenlampen die Wege und fischen die Überreste der Überflussgesellschaft aus den Müll-Tonnen. In Kreisen der politisch links bis anarchistisch alternativ-orientierten Studentenschaft Wiens finden sich viele von diesen selbsternannten Abfall-Piraten – die Dumpster.

Im Jahre 2011 erschien der Dokumentarfilm «Taste the Waste» von Valentin Thurn. Die Kameras zeigen erst Bilder von haufenweise weggeworfenen Lebensmitteln in den Industrieländern, bevor sie in die Produktionsländer schwenken, wo sich die Menschen nicht einmal die Bananen leisten können, die sie selbst ernten. Beim Zuschauer machen sich Empörung und Unverständnis breit, was manchmal in Wut gegen das ungerechte, auf Abhängigkeiten abzielende kapitalistische System und die nimmersatte Konsumgesellschaft mündet.

In ähnlicher Weise fühlte ich in den ersten paar Minuten nach dem Abspann von «Taste the Waste», worin unter anderem Mülltaucher als Menschen dargestellt werden, die sich in Robin-Hood-Manier gegen die grossen Supermarktketten wenden und sich aus deren Mülltonnen das Essen, das den Verkaufskriterien nicht mehr genügt, mit nach Hause nehmen, ja «retten», wie sie selbst sagen. Sie tun es mit Stolz und dem Gefühl, für eine gerechte Sache zu kämpfen, da die Lebensmittel ja immer noch wertvoll und problemlos geniessbar seien. Sie betonen immer wieder, diese «Einkaufsvariante» nicht mangels Geld zu wählen, sondern, weil es darum gehe, «ein Zeichen zu setzen und der systematischen Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken». Dabei wird der Dumpster-Community oft vorgeworfen, dass die von ihnen gesammelten Produkte nicht ausschliesslich aus kontrolliertem Anbau oder Fair Trade-Handel stammen. Dennoch fand ich ihre Haltung interessant – weshalb also nicht selbst ausprobieren?

Dumpstern

«Die Läden goutieren dies in keiner Weise, wissen dennoch, dass die Food-Robin Hoods trotz verschlossenen Toren kommen werden und versuchen so einige Produkte ungeniessbar zu machen» (Bild: Khalid Aziz).

(K)ein bisschen Gefahr im Schlaraffenland?

Über sieben geheime Ecken habe ich Inas* E-Mail-Adresse erhalten. Dies verleiht der ganzen Aktion schon mal einen mysteriösen Touch, ahne ich doch, dass es nicht ganz rechtens ist, einfach Dinge mitgehen zu lassen – und sei es auch nur Abfall. Wir verabreden uns an einer U-Bahn-Station in einem gutbürgerlichen Bezirk Wiens. Unser Ziel ist nicht etwa die Hinterhoftür zu Hofer oder Billa, nein: «Wir gehen in den Gourmet-Spar, ins Schlaraffenland», verkündet Ina nach der Begrüssung. Eigentlich habe ich eine Horde halb vermummter Freaks erwartet, doch meine Dumpster-Mentorin ist alleine gekommen und verspricht mir auch sogleich, einen Schlüssel für die Hinterhofschlösser zu besorgen. Offenbar sind die in der ganzen Stadt, wo immer mehr Supermärkte ihren Abfall wegsperren, ein Must-have. Doch ein netter Mensch kopiert die Schlüssel und verhökert diese an Dumpster-Neulinge. Von denen gibt es in letzter Zeit immer mehr, wie wachsende Zahlen in den geheimen Facebook-Gruppen vermuten lassen. Erfahrene Mülltaucher nehmen Greenhorns mit. Findet irgendwer eine grosse Menge Mandarinen, heisst es auch schon mal: «Wer braucht Vitamine – ich weiss, wo es hat!» Manche posten Fotos mit Beute, die sie zurückgelassen haben und versprechen mehr Informationen via «persönliche Nachricht».

Während wir uns der «Speisekammer» mit ungewissem Inhalt nähern, wird ungezwungen geplaudert. Ina, die mit ihren farbigen Pluderhosen, den langen Dreadlocks und der lockeren Art ihre alternative Lebensweise förmlich ausstrahlt, nimmt mir meine pseudo-romantische Vorstellung von geheimen Nacht-undNebel-Aktionen. «Da braucht niemand Schmiere stehen, ich öffne einfach das Schloss, hole mir, was ich brauche, und schliesse wieder ab.» Gesagt, getan. «Ich wurde noch nie erwischt», so die Studentin der Kultur- und Sozialanthropologie. Ihr Freund Andi jedoch schon: Sein Schlüssel wurde ihm abgenommen und er wurde angezeigt.

Doch lieber bio

Um allfällige juristische Folgen mag ich mir zu besagtem Zeitpunkt keine Gedanken machen. Umso interessierter betrachte ich die Abfallkammer des Gourmet-Spars. Da stehen zwei grüne und zwei metallene Tonnen. «Grün steht für organische Abfälle, der Rest ist in den anderen Tonnen», werde ich von Ina aufgeklärt. Wir öffnen also erst die grünen Container und gucken: Karotten, Tomaten, Salat, Ananas, Orangen, Meerrettich – die Liste ist lang. «Die Kartoffeln nehme ich, kann ich für mein morgiges Vegi-Tajine gebrauchen», meint Ina. Sie hat eine genaue Vorstellung davon, was sie heute finden möchte. Der Laden meinte es gut mit uns, begeistert stapeln wir das ergatterte Grünzeug in den in der Ecke stehenden Einkaufswagen.

Dann wenden wir uns den anderen beiden Tonnen zu. Während die eine «nur» mit Kassenbons und sonstigem, für uns uninteressanten Abfall gefüllt ist, quillt die zweite mit Brot in allen Variationen fast über. Wir sind schockiert! Hatten die Äpfel und Mandarinen Dellen und waren etwas mit Beeren verschmiert, sah dieses Brot tadellos aus, war fein säuberlich und doppelt in Plastik verpackt. Kopfschüttelnd greifen wir zu und freuen uns gleichzeitig über die vielen Vollkorn-Brote. Immerhin wurden, wie ich bemerke, alle Brote vor dem Wegwerfen mit einem Reduktionsetikett versehen. Ebenso der Brie sowie zahlreiche Fertiggerichte. Da es sich jedoch um Fleischhaltiges handelt, legen wir Vegetarierinnen sie wieder in die Tonne zurück – für mögliche Dumpster nach uns.

«Hätten wir diese gekauft, wäre es ganz schön teuer gekommen», meint Ina und begutachtet unseren prall gefüllten Einkaufswagen. Ina entspricht dem Klischee einer Müllfischerin: Studentin, politisch links, und sie möchte einen «nachhaltigen Lebensstil pflegen», wie sie selbst sagt. Sehr gefreut habe sie sich, als sie vor einigen Tagen in der Tonne eines Bio-Geschäftes diverse Aufstriche gefunden hatte: «Natürlich alles Fair-Trade und bio!» Am liebsten würde sie nur dort Dumpstern, insbesondere, da «alles schön drapiert worden war».

Eine rechtliche Grauzone

Ganz anders im Gourmet-Spar. Die aufgeschlitzten Kaffeepackungen lassen vermuten, dass die Betreiber sehr wohl wissen, dass die in den Tonnen auf die Müllabfuhr wartenden Lebensmittel häufig vor der Entsorgung von Dumpstern «gerettet» werden. Sie goutieren dies in keiner Weise, wissen dennoch, dass die Food-Robin Hoods trotz verschlossenen Toren kommen werden. Also versuchen sie, einige Produkte ungeniessbar zu machen. «Manchmal wird auch Farbe oder Waschmittel über die Lebensmittel geschüttet, um sie ganz zu vernichten», weiss Ina. Die Grossverteiler glauben scheinbar, dass mit jedem Müllfischer ein potenzieller Kunde verlorengeht. Ina schüttelt den Kopf: «Ich war noch nie in einem Gourmet-Spar einkaufen.» Überhaupt kaufe sie nur Milchprodukte oder mal ein Olivenöl.

Die Dumpster wissen also, dass ihre Art des «politischen Statements gegen die Wegwerfgesellschaft», von manchen nur mit Kopfschütteln und Ekel zur Kenntnis genommen, von den Supermärkten zähneknirschend hingenommen wird. Das Dumpstern gehört in eine rechtliche Grauzone, wie verschiedene Quellen (Gerichtsentscheide, Zeitungsberichte, Meinungen von Juristen) bezeugen. Abfall gilt per definitionem als «aufgegebenes Eigentum», also als wertlos für den ehemaligen Besitzer, und er kann daher von Dritten verwendet werden. Ist ein Gegenstand jedoch, wie der Abfall des Gourmet-Spars, weggesperrt, und man verschafft sich unerlaubten Zugang, so können die Eindringlinge wegen Einbruchdiebstahl oder Hausfriedensbruch behaftet werden.

Urbane Guerilla-Aktion gegen die Konsumgesellschaft

Fast zwei Stunden sind mittlerweile vergangen, und wir machen uns ans Einpacken, wischen die Früchte und das Gemüse behelfsmässig sauber. Anfangs hätte sie noch mit Plastikhandschuhen gesucht, vertraut sich Ina mir an. Mittlerweile verspüre sie jedoch keinen Ekel mehr. Doch: «Wenn ich nach Hause komme, wasche ich alles und arrangiere es auf einem Teller.» Obwohl das Essen aus dem Müll kommt, oder gerade deswegen, ist die Ästhetik besonders wichtig. Auch sind Müllfischer selektiv und lassen die Finger von gewissen Lebensmitteln.

Trotz vereinzelten Berührungsängsten: Dumpstern wird immer mehr bekannt, ja, in gewissen Kreisen sogar beinahe gefeiert. Passend zum oben erwähnten Film ist ein Kochbuch «Taste the Waste» erschienen, das zum Müllfischen geradezu animiert. Selbstverständlich erhält das Ganze den schicken Öko-Stempel. Wie sehr es einer Vermarktung des Müllfischens bedarf, ist äusserst fraglich.

Die Praxis des Dumpsterns schliesst vieles mit ein: Gratis-Lebensmittel, latente System-Unterwanderung, Abenteuer in gesetzlicher Grauzone und das Gefühl, nicht nur etwas für sich und seinen Magen zu tun, sondern auch die Welt um Abfall, der keiner ist, zu erleichtern. So gesehen ist das Müllfischen eine urbane Guerilla-Aktion gegen die Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Ob es sich dabei um einen «ökologisch vertretbaren Umgang mit Lebensmitteln» handelt, wie von Insidern immer wieder unterstrichen wird, ist an anderer Stelle zu klären. Auch wie wirkungsvoll das politische Statement ist, wenn einfach gesammelt wird, was in der Tonne liegt. Letztendlich ist Dumpstern eher als reaktive Tätigkeit zu sehen: Man ist gespannt, was in der Tonne wartet und nimmt mit, was sich einem bietet …

* Name von der Autorin geändert.


Das ideologisch motivierte Sammeln von weggeworfenen Lebensmitteln, aufgekommen in den USA, wird im deutschsprachigen Raum MülltauchenContainern oder Dumpstern (aus dem am. dumpster ‚Container‘) genannt. Manche Müllfischer, die GeOebber (Gemüse und Obst), holen sich nur Grünzeug. Sie bezeichnen sich auch als Freeganer und unterstreichen so neben der «kostenlosen Lebensmittelbeschaffung» ihren ethisch motivierten Verzicht auf tierische Produkte. Das Dumpster Diving bezeichnet das «Tauchen» nach Wertgegenständen in Mülltonnen.


 Linda Martina Mülli studiert in Basel Vergangenes bis Zeitgenössisches, hat ein Faible für Lateinamerika, ist freischaffende Redaktorin und aktuell Teilzeit-Bohemienne in Wien.

4 Gedanken zu “Dumpstern: Ein urbanes Abenteuer als politisches Statement?

  1. gsz

    wäre spannend, bei den verschiedenen Quellen Links auf einschlägige Gerichtsentscheide, Zeitungsberichte, Meinungen von Juristen zu haben.

    ansonsten astrein, habs sehr gerne gelesen!

  2. Babsi

    Gute Thematik und toll geschrieben! Über das gleiche Thema (jedoch in Deutschland) sah ich einen ähnlichen Beitrag im Fernsehen – war auch interessant.

  3. archaeopteryx

    „Auch sind Müllfischer selektiv und lassen die Finger von gewissen Lebensmitteln“
    Was mich dabei noch interessieren würde: Welche Lebensmittel werden v.a. gemieden und weshalb?

  4. lmu

    Natürlich nimmt auch ein Müllfischer nur das Beste – darin unterscheiden sie sich nicht von einem Kunden, der in der Migros die einwandfreie Banane wählt, statt diejenige mit dem „Täschi“… Somit kann das von Dumpstern oft ausgesprochene Eigenlob des „Essenrettend“ hinterfragt werden. Doch natürlich ist es auch ihnen nicht verboten, auf eine gewisse Ästhetik des Essens zu achten. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck erhalten, dass es ihnen sehr wichtig ist, das achtlos in den Mülll geworfene Essen zu reinigen und schön zu präsentieren. U.a. werden viele Fotos von solchen „Stilleben“ auf (leider geheimen) Facebook-Seiten gepostet. Dort finden sich u.a. auch Tipps und Tricks zum Dumpstern, oder Beschreibungen von Leuten, die erwischt worden waren…

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