Die sozialistischen Jagdgründe

von Jan Decker

Des Schriftstellers Rolf Schneiders Autobiografie „Schonzeiten“ ist ein Lied des Widerstands gegen den Abbau der eigenen Biografie. Der Bewohner der ehemaligen DDR erzählt sein Leben auf gewinnende, nicht anklagende Weise – dem Besuch der Stasi-Unterlagenbehörde kommt nicht mehr moralisches Brio zu als Besuchen in Gemädesammlungen. Ein kluges Buch, findet unser Autor Jan Decker.

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„Einer, der den Beruf des Försters im Bereich der Buchstaben, also den Beruf des Schriftstellers, auf das Schönste ausübt, Rolf Schneider, wirbt mit seiner Autobiografie nachhaltig dafür, sich und uns zu erhalten. Der Leser sollte sich dieser Werbung nicht entziehen.“

Rolf Schneider gehört zu jenen Schriftstellern, die seit Jahrzehnten durch eine unablässige Produktivität auffallen, und die gerade dadurch – ungerechterweise, könnte man meinen – nicht zu den aller bekanntesten Schriftstellern zählen. Jenes Missverhältnis, das besonders beim Betrachten des Werkverzeichnisses von Rolf Schneider auffällt, das unter anderem mit zahlreichen Romanen, Theaterstücken und Hörspielen gefüllt ist, thematisiert der Schriftsteller in seiner soeben erschienenen Autobiografie „Schonzeiten“ nur am Rande. Er spricht davon, dass ihm öffentliche Ehrungen verhasst sind, oder dass er mit Vorliebe in bekannte Künstlergestalten und historische Grössen schlüpft. Dabei wird nach der Lektüre von „Schonzeiten“ klar, was gleichzeitig das Dilemma und der grösste Vorzug eines Schriftstellers wie Rolf Schneider ist. Er ist ein Ästhet, der sich weder in aufdringliche Schreibweisen stürzt, noch einen aggressiven Kunsthabitus pflegt.

So ist diese Autobiografie vor allem eines: Ein kluges und leicht zu lesendes Buch, mit einer Sprache, die durch ihre gediegene Form eine wohltuende Distanz zu den eigenen Lebensstationen setzt. Rolf Schneider hat diese in 49 kurze Kapitel eingebracht, die aber nicht einer linearen oder dramaturgischen Logik folgen, sondern die Form eines Gesprächs mit sich selbst ergeben. Sehr locker und leichthändig werden jeweils eine Zeit, das Personal und die Anekdote aufgerufen, um dann wieder in den Reigen der grösseren Konversation zurückzutreten.

Dass sich ein Protagonist in diese Autobiografie einschleicht, ist aus einem biografischen Sinn heraus allzu verständlich, doch ebenso eine gewisse Überraschung. Es ist die DDR, jener Staat, der Rolf Schneider entscheidend geprägt hat, und in dem er Künstler war. Doch auch bei der Beschreibung der DDR entsteht nicht das Bild eines homogenen sozialen und politischen Biotops, in dem der Mensch restlos aufgeht. Auch hier beschreibt Rolf Schneider den Protagonisten immer wieder von aussen, indem er etwa von seinen zahlreichen Auslandsreisen erzählt, und von dort aus Rückschlüsse auf das Leben in der DDR anstellt. Er resümmiert:

„Es geschah, dass ich in beiden Deutschländern zu Hause war und in keinem wirklich.“

Und später:

„Ich dachte daran, dass die Aufspaltung meiner eigenen Person in eine östliche und eine westliche Existenz jetzt endlich vorüber sei. Ich konnte wieder mit mir selbst identisch sein.“

Da war der Staat DDR bereits Geschichte, und an dieser Stelle tritt das Programm des Schriftstellers als Ästheten am radikalsten hervor. Wie stark es Rolf Schneider auch geprägt hat, in allen deutschsprachigen Ländern, nicht nur in der DDR, wahrgenommen zu werden, man spürt an dieser Stelle keinen Riss, der durch den Verlust der Heimat entsteht. Dem Ästheten ist nicht beizukommen, er ist nach Peter Handke ein Bewohner des Elfenbeinturms. Auch bei den Kapiteln über den Mauerbau und die Ausbürgerung Wolf Biermanns, um nur zwei prägnante Kapitel der DDR-Geschichte zu nennen, gewinnt der Leser nicht den Eindruck, die Dinge seien ihm aus den Händen geglitten.

„Schonzeiten“ ist ein Schlüsseldokument der jüngeren Zeitgeschichte, das umfangreiche Personenregister legt dies ebenso wie die Anekdoten von Begegnungen mit bekannten Künstlern und Politikern nahe. Rolf Schneiders Autobiografie ist auch ein leises Lied des Widerstands gegen den Abbau der eigenen Biografie. Mit dem Verschwinden der DDR ist für Rolf Schneider nicht die Prägung durch diesen Staat verschwunden, auch wenn er ihm nicht hinterhertrauert. Und sie ist ein Selbstbekenntnis als Schriftsteller, der das eigene Leben als eine lockere Folge kurzer unterhaltsamer Essays aneinanderreiht. Reisserisch ist „Schonzeiten“ an keiner Stelle, und genau das macht diesen Lebensbericht so sympathisch.

Gleichzeitig ist das Sympathische auch die grosse Schwachstelle dieses Lebensberichts, der zu einem grossen Teil in den sozialistischen Jagdgründen spielt, die alles andere als ein Naturschutzgebiet waren, oder die es höchstens für wenige privilegierte Menschen waren. Ein Meisterstück in dieser Hinsicht ist Rolf Schneiders Bericht von seinem ersten Besuch in der Stasi-Unterlagenbehörde. Die Einsicht in seine Akte, immerhin mit zwei ‚Operativen Vorgängen‘ (die höchste Stufe der Feindbearbeitung) angereichert, bildet weder das Hauptkapitel dieser Autobiografie, noch beansprucht sie eine andere moralische Dringlichkeit als die zahlreichen Aufenthalte des Schriftstellers in Gemäldesammlungen. Im vorletzten Kapitel steht dann doch der eigentliche Protagonist dieses Schriftstellerlebens, es ist der erste Mann des Staates DDR, Erich Honecker. Ein kurzes aufschlussreiches Psychogramm des gebürtigen Saarländers, schon sind wir im Schlusskapitel von „Schonzeiten“ in Hongkong, und geniessen exotische Impulse.

Nach den Jagdzeiten kommen die „Schonzeiten“, die Menschheit kann sich nicht bedingungslos dezimieren. Das musste der begeisterte Jäger und wegen der Mauertoten Angeklagte Erich Honecker, auf den Rolf Schneider mit dem Titel „Schonzeiten“ dezent verweist, feststellen. Einer, der den Beruf des Försters im Bereich der Buchstaben, also den Beruf des Schriftstellers, auf das Schönste ausübt, Rolf Schneider, wirbt mit seiner Autobiografie nachhaltig dafür, sich und uns zu erhalten. Der Leser sollte sich dieser Werbung nicht entziehen.


 

Rolf Schneider
„Schonzeiten: Ein Leben in Deutschland“
316 Seiten, 30 Abb.
Gebunden mit Schutzumschlag
be.bra verlag, Berlin
€ (D) 19,95; 26,90 SFr
ISBN 978‐3‐89809‐102‐2

 


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