Zeitlos
Von Ben Schülin
Immer enger drehen sich die Zeiger der Uhr in Ben Schülins Geschichte „Zeitlos“. Langsam gerät der namenlose Protagonist in die Mühlen der Bürokratie, aus denen er sich kaum mehr retten können wird. Alles, was er hat, ist die Zeit, die ihm nicht bleibt.
„Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ freut sich, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von Ben Schülin präsentieren zu dürfen. zVg
Der Mann betrat langsam das unscheinbare Gebäude und liess den Blick umherschweifen. Durch die grossen Fenster schimmerten die letzten Sonnenstrahlen herein und färbten die weissen Wände rot. Auf der Zimmerpflanze in der Ecke hatte sich ein bisschen Staub abgelagert und aus kleinen Boxen in der Ecke drang eine leise Klaviermelodie. In der Mitte des Raumes, direkt gegenüber der Eingangstür, stand ein grosser Tresen. Dahinter sass eine junge Frau mit hochgestecktem Haar, eine einzelne Strähne umspielte ihre blasse Wange. Sie war damit beschäftigt, eine Notiz zu verfassen und bemerkte den Mann nicht. Er trat auf den Tresen zu, wollte eine Hand darauf legen, zog sie dann zurück und räusperte sich leicht. Die Frau sah auf und lächelte, wobei ihre strahlend weissen Zähne blitzten.
„Guten Abend. Sie haben einen Termin?“
„Ich… ja“, erwiderte der Mann leise.
„Und Ihr Name?“, fragte die Empfangsdame freundlich. Der Mann senkte den Blick und schüttelte traurig den Kopf.
„Oh. Ich verstehe. Einen Augenblick, bitte.“ Mit diesen Worten erhob sich die Frau und verschwand durch eine Tür in ein Hinterzimmer. Die Knie des Mannes hatten zu zittern begonnen. Er sah noch einmal im Raum umher, ausser ihm war niemand dort. Wenige Minuten später trat die Frau wieder durch die Tür und setzte sich auf ihren Stuhl. „Wenn Sie einen Moment Platz nehmen möchten? Der Auktionator ist gerade in einer Besprechung.“ Der Mann nickte und schlich dann in leicht gebückter Haltung zu den schwarzen Stühlen an der Wand gegenüber den grossen Fenstern.
„Entschuldigung, der Herr“, rief ihm die Empfangsdame hinterher, „wenn Sie bitte noch dieses Formular durchlesen und ausfüllen wollen.“
„Ja, gewiss“, antwortete der Mann und nahm ihr den Zettel ab, ohne ihr in die Augen zu sehen. Er setzte sich und versteckteden linken Fuss hinter dem rechten, hoffend, dass die Frau mit den weissen Zähnen das Loch im Schuh nicht gesehen hatte. Er nahm eine Zeitschrift vom Glastisch vor ihm und hob sie hoch vor sein Gesicht. Es war ein Artikel über die Klimaerwärmung, aber der Mann nahm davon keine Notiz. Stattdessen starrte er geradeaus auf den Bund in der Mitte, sah den Seiten zu, wie sie im Nichts verschwanden. Er kannte den Inhalt des Formulars, wusste, was auf diesen Zeilen geschrieben stand und während er vorgab, in der Zeitschrift zu lesen, überlegte er stattdessen, ob sein Herkommen vielleicht ein Fehler gewesen war.
„Entschuldigen Sie?“ Der Mann senkte die Zeitschrift. „Der Auktionator ist jetzt bereit, Sie zu empfangen. Gehen Sie bitte durch die Tür links des Tresens.“ Er legte die Zeitschrift auf den Tisch und trat auf die Tür zu. Unsicher, ob er anzuklopfen hatte, hielt er einen Moment lang inne und sah hilflos zur Empfangsdame hin, die ihn mit einer winkenden Geste dazu aufforderte, einzutreten. Die schweissnasse Hand glitt dem Herrn von der Türklinke. Er wischte sie an seiner befleckten Hose ab und versuchte erneut, die Tür zu öffnen.
Das Büro dahinter war steril, keine Pflanzen, keine Bilder. Ein einziges Fenster war in die Mitte der Zementmauer eingelassen, aber die Sicht nach draussen wurde durch einen schlichten Rollladen versperrt. Das spärliche Licht des Abendrots, das sich zwischen den einzelnen Papplamellen hindurch zu kämpfen gewagt hatte, lag hilflos und kränklich flackernd auf dem grossen Arbeitstisch, der im Zentrum des Raumes stand. Auf einem Stuhl dahinter sass, im Nadelstreifenanzug mit Schlips, ein Mann mittleren Alters ohne Brille.
„Treten Sie doch ein, der Herr“, sagte er freundlich, aber ohne den Hauch eines Lächelns auf dem Gesicht. Vorsichtig, gleich einem ängstlichen Tier, ging der Mann ein paar Schritte nach vorn. Der Auktionator streckte ihm die Hand entgegen. Beschämt sah der Mann an seinem Arm hinunter, sah auf seine schweissnasse und klebrige Hand, wischte sie noch einmal an seiner bereits feuchten Hosenseite ab und mit einem gequälten Lächeln vergrub er sie in der trockenen, sicheren Hand des Auktionators.
„Ich bitte Sie, nehmen Sie doch Platz. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Oh. Ja, vielleicht. Vielleicht ein Glas Wasser? Vielen Dank, das wäre sehr nett.“ Der Auktionator nickte, dann drückte er einen Knopf und sprach in ein modernes Gerät hinein: „Ein Glas Wasser, bitte.“ Wenige Sekunden später trat die Empfangsdame ein und stellte dem Mann das Glas hin. Er bedankte sich bei ihr und sie verbeugte sich leicht vor dem Auktionator, dann verliess sie den Raum. Mit zittrigen Händen führte der Mann das Glas zum Mund hin, verschüttete die Hälfte des Wassers und resigniert und durstig stellte er das Glas zurück auf den Tisch. Der Auktionator sah ihn an.
„An wie viel hatten Sie denn gedacht?“, fragte er den Mann, der das Formular vor sich auf den Tisch gelegt hatte.
„Nun, ich… ich habe nicht viel. Ich kann meine Rechnungen, meine Miete nicht mehr bezahlen. Kleider und Essen sind mir zu teuer, meine Frau hat mich verlassen. Ich denke… Vielleicht zehn Jahre?“
Der Auktionator nickte. „Zehn Jahre sind gut, aber wollen Sie nicht mehr? Ein Auto, ein Haus, schicke Kleider, eine Frau? Ich versichere Ihnen, es bedarf nur zwanzig Jahren, und sie werden alle diese Dinge ihr eigen nennen können.“
„Aber“, der Mann seufzte „wie viel bleibt mir denn dann noch? Ich möchte nicht undankbar erscheinen, keinesfalls, das müssen Sie mir glauben! Aber wie viel bleibt mir denn dann noch? Ich bin nicht mehr jung und die Zeit, die mir geben wurde, ist alles, was ich habe.“ Der Auktionator blieb stumm. „Verstehen Sie, ich kann Ihnen unmöglich das Einzige geben, was mir geblieben ist.“
„Was haben Sie zu verlieren?“, fragte der Auktionator.
„Ich… Alles. Nichts.“ Der Mann senkte den Kopf.
Ben Schülin wurde in Basel geboren und ist über ganz Baselland verteilt aufgewachsen. Bilinguale Matur mit Schwerpunkt Latein am Gymnasium Oberwil, dann Studium der Germanistik und Anglistik in Basel. Zwischendurch Zivildienst und Nebenjobs in Cafés und einer Saftbar. Seit 2012 halbtags im Lektorat anzutreffen sowie einmal monatlich im Safe des Unternehmens Mitte in Basel: im Rahmen der Lesereihe „Toxic Relief“ werden Mikrogeschichten von und mit der fiktiven Hannah Ehrenfeld vorgetragen. Der Autor mag Spiegel, besonders die mit Rissen.
