Der harte Diss gegen die Konkurrenz: R.I.P. Tim Dog (1967–2013)

Einer der ersten berühmten Rapper des laufenden Jahres, der das Zeitliche gesegnet hat, heisst Tim Dog und gehört zweifellos zu den härtesten MCs aller Zeiten. Bekannt ist er vor allem für seinen Diss-Track «Fuck Compton»  – leider konnte er diesen Grosserfolg nie toppen (oder wiederholen). Er debütierte  auf der zweiten Langspielplatte der Ultramagnetic MCs. Mit dem bekanntesten Mitglied der Ultramagnetic MCs, Kool Keith, sollte er immer wieder zusammenarbeiten; und auch andere Mitglieder von Ultramagnetic waren präsent, auch auf seiner ersten CD «Penicillin On Wax» (1991).

Sein Grosserfolg «Fuck Compton» (1991) war eine harsche Attacke gegen NWA, vor allem Eazy E und Dr. Dre. Mit harten Beats und einem Sample aus «UFO» von ESG beschränkte sich der Track ganz aufs Wesentliche. Dieser Stil dominierte denn auch auf «Penicillin On Wax» und seinem Zweitling, «Do Or Die» (1993), auf dem kein Geringerer als KRS One zu Gast war.

Tim Dog (Timothy Blair, 1967-2013) (Bild: zVg)

Tim Dog (Timothy Blair, 1967-2013) (Bild: zVg)

Mit einem Diss gegen Snoop Dogg wollte er sich nach dem nicht sonderlich erfolgreichen «Do Or Die» profilieren – aber «Bitch With A Perm» floppte; Tim hatte seinen Vertrag bei Ruffhouse/Columbia bereits verloren. Die vielen Disses gegen die West Coast, aber auch gegen die poppigen Kid ˈNˈ Play und Kwamé können dabei eigentlich als eine Art Stellvertreterkrieg interpretiert werden – denn: die Bronx ist zwar der Ort, an dem Hip-Hop das Licht der Welt erblickt hat, doch MCs aus der Bronx hatten schon früh einen schweren Stand. Ausser KRS und Tim Dog hatten Anfang der 90er-Jahre kaum andere Rapper aus der Bronx einen Plattenvertrag. Nach «Bitch with a Perm» veröffentlichte Tim Dog eine CD zusammen mit Kool Keith, gar unter dem Namen Ultra. «Big Time» war aber eher ein Small-Time-Projekt; und auch die Nachfolgeplatte  «BX Warrior » (wieder Solo) war nicht sonderlich erfolgreich. Und dies, obwohl der Dog auch in Europa – dank seinem Gastauftritt in Apache Indians «Make Way for the Indian» – kein Unbekannter war.

Natürlich war Tim Dog nie ein so kreativer MC wie Kool Keith – was er dagegen konnte, war eben diese Reduktion aufs Wesentliche, die «Fuck Compton» so prägte. Aber gegen die harten Gangster aus dem Westen und Süden konnten sich am Schluss weder Tim Dog noch Kid ‚N‘ Play oder Kwamé durchsetzen. Fuck Compton war insofern ein Übergangsphänomen: ein letztes Sich-Aufbäumen gegen die sich verändernde Welt des HipHop und die Verschiebung des Zentrum von Nord nach Süd (via Westen).

Zudem ist der harte Diss gegen die Konkurrenz aus dem Westen natürlich auch in einem grösseren Kontext zu sehen: das «signifying», die «dirty dozens», das kreative verbale Runtermachen des Gegners, hat in der afroamerikanischen Kultur eine lange Tradition, und gerade im Hip-Hop hat das Dissen einen wichtigen Stellenwert: Elijah Wald hat sein sehr lesenswertes Buch über diese oft missverstandene, aber zweifellos ambivalente (und ebenso faszinierende) Praxis sogar  «The Dozens – A History of Rap’s Mama»  genannt. Darin schreibt Wald auch über einige der grossen Rap Battles, von Busy Bee und Kool Moe Dee über Notorious B.I.G. und Tupac bis zu Jay-Z und Nas. Tim Dog hat Wald vergessen – die Geschichte des Dissens im Hip-Hop muss noch geschrieben werden. Und Tim Dog hat auf jeden Fall ein Kapitel darin geschrieben.


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