Kurt Drawert – «Schreiben»: Das entrissene Alphabet

Die NZZ bespricht das auch ausführlich von „Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ besprochene Buch „Schreiben“ von Kurt Drawert.

Die lesenswerte, wenn auch etwas knapp und unausgewogen geratene Rezension empfiehlt Drawerts Buch als probates Gegenmittel zur flächendeckend um sich greifenden „literarischen Naivität“ der „hochfliegenden Poetenträume“, die sich rund um das WWW anlagern.

Kurt Drawert – «Schreiben»: Das entrissene Alphabet.

Natürlich soll und wird das WWW die klassischen Verbreitungsformen von schöner Literatur nicht verdrängen. Funktionale oder hyperige Literatur noch so gerne auf iPad oder Kindle, aber, seien wir ehrlich:

Wer will sich schon den ’neuen‘ Peter Nadas nicht ins Regal stellen?

Drawert schreibt aus einer privilegierten Warte: Natürlich tummelt sich, wer bei einem namhaften Verlag beheimatet ist, mit einer weniger grossen Selbstverständlichkeit im WWW als Unmengen anderer Schreiber: Warum sich aber, am anderen Ende der literarischen Arbeitsteilung, die x-te Blessur bei der x-ten Absage des x-ten Verlags einhandeln, wenn man sein Ding auch erst einmal, kompromisslos, ausschliesslich so, wie es einem vorschwebt, ohne vorwegnehmende Bücklinge in Richtung Agenturen und Lektorate, im WWW publizieren kann? Das WWW ist ein ungeheuer vieles ermöglichendes Medium, welches hilft, sichtbar zu werden und sichtbar zu bleiben.

Drawerts Buch ist klug, stimmt, versucht aber allzuoft, auf dem Kopf zu gehen. Die Passagen zur Literatur im WWW sind aber ohnehin nur ein Aspekt unter vielen, der dem Anschein nach bevorzugt wird in Besprechungen auf Papier wie in Pixeln. Kein Wunder, denn das Einplanen viraler Weiterverbreitung gehört zum klugen Marketing.

Inkonsequent ist es, wenn man, wie Drawert, das WWW als literarischen Unort darstellt, zugleich aber seine Werke auf einer erstaunlich gut sortierten, mit vielerlei Texten bestückten Site bewirbt.

Da drängt sich der Eindruck auf, dass es sich bei den (ebenso anregungs- wie aufregungsvollen) Passagen zur Literatur im WWW in Tat und Wahrheit um eine kaschierte Gardinenpredigt in Sachen erweitertes Leistungsschutzrecht handelt.

Es hat nichts mit Mithecheln im flächendeckenden Empörungschor oder mit dem Vorwerfen von „kulturpessimistischer Jämmerlichkeit“ (wie es der NZZ-Schreiber nennt) zu tun, wenn man sachlich auf solche Widersprüche hinweist.

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