DWVEBDMSBHBEBDS #6

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Es geht um die Zeit und Bibus, einen Mathematiklehrer. Ein Schreibfehler wird skandalisiert. 

Hans Bissegger scheint es – hartnäckig! – so, als sei seit dem Ausbruch seines Sohns eine geschlagene Woche vergangen, und nicht nur die paar leidigen Sekunden, die sich seither drückend zwischen ihnen aufgestaut haben. Die Zeit und alles mit ihr einhergehende Verlangen nach Bestand, alles mit ihr einhergehende Verzehren nach gegen den Zerfall gerichtetem Bestand, Sandburgen bauen auf schlingerndem Grund, geht vergessen, hier und heute, und es zählt einzig die Sekunde, es zählen einzig die Sekunden und der Wille, zu vergessen, dass sie, tick tack tock tick! das einzige sind, was von der Vergänglichkeit gestundet wurde, Sand zwischen Fingern, Sand zwischen Zehn, Sekunden, Sekunden, gestundet. Jeder Bruchteil eines Augenblicks, der da spurlos an den beiden vorbeigeht, führt Hans Bissegger vor Augen: Wie der Sohn tickt, wie der Sohn, um es für einmal so zu halten, sich immer wieder von seinem Körper in Situationen bringen lässt, die der überlegte Geist in dieser Form nicht gesucht hätte, weil sie weder taktisch klug noch irgendwie ratsam sind, so würde er auch ticken, wenn er sich nicht andauernd fremdkalibrieren lassen würde. Er ist eine Uhr, eine Uhr ist er, aufgezogen tick tack tock tick, Rädchen, Hemmungen, Unwuchten greifen ineinander in ihm und das Resultat ist eine Zählspur des Zerfalls, mehr nicht, und zweimal das Jahr wird um einer Stunde Willen an ihm herum geschräubelt: Die einzige Frage bleibt es demnach, geht man eine Stunde vor oder geht man eine Stunde hintendrein. Leoluca hingegen tickt ganz nach seiner eigenen Zeit, ganz nach eigener Façon tickt er, ihm koppelt keiner das Gehirn an den Körper, ihm tackert keiner Denkzettel an die Stirn, keine Vernunft herrscht über seinen leisesten Furz.

Zum Beispiel die Art und Weise, wie Leoluca sich das Generalabonnement für Mathematik-Bestnoten verschafft hat, damals, an welcher Schule war das noch? Leoluca, der nur schon Kopfschwirren und Migräne bekommt, wenn er noch dem milchmädchenhaftesten Dreisatz von Ferne nahekommt, brachte es mittels eines Kniffs, ohne viel eigenes Zutun, zum Mathematik-Klassenbesten. Den Mathematiklehrer Bibus, den Vorzeige-Partei-und-Fraktions-Vorsitzenden der Volks-Pädagogen-Partei, den unbeirrbaren Pendler aus Stein-Säckingen, Matteo Bibus, erwischte Leoluca inflagranti auf dem Schwulenstrich bei der Schützenmatte, wo er sich im Gebüsch Öffnungen stopfen liess, auf welche Leoluca ihn sowohl aus politischen als auch schulischen Gründen längst reduziert hatte. Ein paar hochauflösende Fotos geschossen sowie eine geharnischte Mail geschrieben, und schon drückte Leoluca den Mathematik-Durchschnitt seiner Klasse nach oben.

Ein Satz nur zu Matteo Bibus.

Familienbild-Protektionist und wuseliger Revisor seiner eigenen Vita, geneigter Zuschauer an manch einer WEF- und GWB-Demonstration einst, dann Garnichts und hinterher Lehrer und Ämtlein-Anhäufer und Interessenklüngeler, medial agil bis wetterwendisch, dabei zuinnerst von einem rigiden, wenig telegenen, verstockten, nachgerade ballenbergischen Konservatismus, der zwar, wenn herausgefordert, gnadenlos zuschlägt, jedoch inkonsequent ist, und der nicht nur vor längsgestreiften Hosenträgern, Gamaschen, Spazierstock, Melone und Schnauzer und Taschenuhr haltmacht, vor all diesen gerne mit ausgebeulten Schlabberhosen, penibel ausgeschabter Drei-Tage-nicht-rasieren-Rasur, Sneakers und Motto-Kapuzenpullis ersetzten Attributen eines dann doch nicht gar so weit, nicht ganz bis ins Ballenbergische gehenden Lebenswandels, Bibus, in der Wolle braun gefärbt, gerne farbenmetrisch korrekt ausdifferenziert in ein schwer zu fassendes Gemenge und Geschmier aus Rot, Grün, Kuhwiesengrün, Bäumlegrün, Blau, Schlumpfblau und Orange, lauter starke, situativ getragene und abgetönte Farben, überwechtet von der bereits skizzierten, nichtssagenden Belanglosigkeit eines eklektischen Äusseren, überwechtet von – im übertragenen Sinn! – dicken Lagen von Schnee – Panzerung – Projektionsfläche – aggressive Mimikry! – angeeignet, um sein Gegenüber die zur Meinungsbildung so wichtigen ersten Sekunden mit Werweissen über Bibus Wesen und Hintergrund verplempern und vertrödeln zu lassen, Schwung und Wucht zu sammeln für den immer gerne absolut unvermittelt ausgeführten ersten Schlag, lässt Bibus sich beim urchigen «Lesbian Gay Transgender»-Zmorge mit der Regenbogenfahne ablichten (das bringt progressive Stimmen); tags darauf aber, beim Palaver über die «Homoehe» im Parlament, da spricht Matteo Bibus hartnäckig-distanziert von «Gleichenehe» und er erwähnt seine schwulen und lesbischen Freunde, die er alle ganz doll möge, und die ihn alle auch ganz doll mögen, und er hisst eine ungemein bellizistische Flagge, offenbart eines seiner wahren Gesichter, den Hardliner und Höhlenmenschen, und nirgends ist mehr eine Spur zu sehen von dem nachts zuvor getragenen Mascara und Lippenstift, und seine Pumps, Schuhnummer 44, sind im Spind verschwunden, und allenfalls noch dafür gibt Bibus sich nach entsprechender Weisung von ganz oben her, Steuersenkungen zugunsten eingetragener gleichgeschlechtlicher Doppel-Spitzenverdienerpaare zu verlangen, eintragen sollen die sich schon können, einer solch alten Gamelle von Lebensentwurf nachzurennen, sagt sich Bibus, was soll’s, aber – heiraten!? also nein, das muss jetzt auch nicht wirklich sein, wobei Bibus, das versteht sich, noch nicht einmal sonderlich etwas dagegen einzuwenden haben täte, dass Männlein und Männlein und Weiblein und Weiblein, weil,  jeder Mensch hat ja das Anrecht auf seine eigenen Fehler, schliesslich soll es bei gleich lautendem Verdikt – «Lebenslänglich!» – jedem überlassen sein, seine Lebensvollzugsform selbst zu wählen, so denkt er, Bibus, doch dann denkt er an seine Wähler, und er mutiert zum Wachstumsliberalen und Schrumpfetatist im Vorort, zum Moralist im Gottesdienst, zum gestrengen Vater zu Hause, zum auf Fotostrecken in einschlägigen Postillen gerne abgebildeten Pudding in den Händen seiner Gören, zum mit allen Äthern gewaschenen Besserwisser, auf sämtlichen Kanälen, in jeder Talkshow präsent, ein omnipräsenter, hartgesottener Socialist, der etwas gibt auf die 14’568 tippeligen Touretten, die ihm followen – sprich: folgen, denn Englisch mag Bibus nicht! –, dieser Zuckerbrot-und-Peitsche- als auch Zahl-und-Grüss-Onkel am Stammtisch, beim Bad in der Menge, beim Einkaufen: So einer ist der Zahlenpädagoge Bibus, so muss man ihn sich, vereinfachungsfern und übertreibungsresistent, in nichts als der gebotenen Kürze und Handlichkeit, vorstellen, Bibus, aus solcherlei Versatz ihn sich zusammenschustern, Leolucas Mathematiklehrer Bibus.

Einer wie Bibus lässt mit sich reden, wenn man Beweise gegen ihn hat.

Leolucas Aussichten auf Erfolg in der Mathematik hätten prächtiger nicht sein können.

Es kam alles anders. In einem Spunten am Stammtisch mit integriertem Zapfhahn nahm das Verhängnis seinen Lauf. Auf seine mathematischen Bestleistungen angesprochen, seinen jähen Wandel vom Zahlenzauderer zum Zahlenzauberer, misslang es Leoluca, seine Schweinerei auch des Weiteren zu flankieren. Sein Körper, von fürsorglichen Klassenkameraden offenen Munds unter den Zapfhahn gebettet und, man kann nur noch sagen: mit Hopfen und Malz geflutet, kam ins Taumeln, Wanken, Schwanken. Leutselig wurde Leoluca, und er plauderte, als ob es sich um Wahrheitsserum gehandelt hätte. Irgendwann, irgendwo im Verlaufe des Abends, ging in seinem Oberstübchen ein Licht aus, und nur mehr das vage Fackellicht seines Unterleibes brannte, navigierte, lotste ihn. Die bisher vertraulich behandelten Schnappschüsse des Mathematiklehrers und Zeloten Bibus landeten samt Koordinaten des Fotomodells auf allen Foren, Leoluca hingegen, von dessen Hosensack-Wischi-Waschi-Compüterchen der Anschlag auf die Persona gratissima stattgefunden hatte, wurde ins Büro des Schulvorstehers zitiert.

Der Rauswurf galt ihm, nicht dem Lehrer Bibus.

Geändert hatte sich Leolucas Verhalten seither auch an all den anderen Schulen nicht. Es ist nach wie vor von der zu erwartenden Renitenz, doch deutet es mittlerweile – und das muntert Hans Bissegger ebenso auf, wie es ihn einschüchtert! – auch eine gewisse Ausbaufähigkeit und Aktualisierbarkeit an.

Hans Bissegger, aus Sekundentiefen zurück, besinnt sich und gibt Leoluca eine Ohrfeige.

„Ich versteh’ es nicht!“, meint Hans Bissegger.

„Und ich versteh’ es auch nicht!“ – Leoluca zeigt schnaubend auf das Notenblatt.

Notenblatt

„Und ‚Interpuntkion!’ — Ich meine—Interpuntkion! Und so etwas schimpft sich Deutschlehrerin! So etwas nennt sich Vorbild an Sprachgebrauch und –verstand!“

Hans Bissegger seufzt.

„Diplomatisch wie du bist, wirst du ihr das alles an den Kopf geworfen haben?“

„Worauf du Gift nehmen kannst!“, antwortet der Sohn. „Ich bin doch kein Wirbelloser!“

 

 

Stempel2

10 Gedanken zu “DWVEBDMSBHBEBDS #6

  1. Jubelperser

    Ich kenne Matteo Bibus. Er ist kein erfreulicher, sondern ein weinerlicher Mensch. Im Wäldchen oberhalb von Ronco sagte er plötzlich:

    „Ich habe Angst, weil ich mich verachte. Meine Mutter verachtet mich.“

    Matteos Mutter kannte ich auch. Als wir vom Pfingstspaziergang zwischen Ronco und Brissago zurückkamen, stand sie an die extrakurze Seitenwand der Kirche San Matteo gelehnt, zerbröselte mit erstaunlicher Fingerkraft eine Toscanelli, roch einschlägig nach Amalfi-Kröten und begann augenblicklich, ihren Sohn zu herzen.

    Ich war in Matteos Mutter etwas verliebt, glaube ich; Matteo hingegen war in seine Mutter nicht verliebt.

    Matteos Vater war in Riquewihr, Elsass, aufgewachsen; folgerichtig blieb er ausserstande, das Tessin zu lieben. In Ronco erträgt’s wenig. Es kam zum Zusammenbruch mit der üblichen Akustik. Viola, Matteos Schwester (in furchterregender Liaison in Brissago), vernahm in Brissago den Knall und zerrieb auf der Stelle den Kopf ihres Galans.

    Die geliebte Mama Matteos hatte in den späten Fünfzigern in einem Wäldchen oberhalb von Brusio ihre Wurzeln gefunden: Waldenserin; ein reformiertes Tschinggeli also. Brusios Steine hatten Mitleid, und Mama erhob sich und empfing Matteo, noch vor Viola.

    Frau Bibus hiess Carmen, sie ist tot.

    Ich bin auch ein unglücklicher Mathematiker, Geschlechter-Vektorologe, lausiger Lehrstuhl in Cardiff. Meine Studenten stinken. In Cardiff stauen sich im Frühling die irischen Wolken. Unten fliesst wochenlang nichts ab. Es stinkt. Die Mehrzahl meiner Studenten sind sexualindifferente Klügler. Darunter leide ich. In meinem unteren Ronco ist durchaus eine Art Geschlecht auszumachen – was für alle Mathematiker gilt, im Übrigen.

    Herr Szyndler hätte Matteo mit der irritierenden Welt der Amalfi-Kröten besser vertraut machen müssen. Matteo leidet an schrecklicher Verkrümmung. Im Wäldchen oberhalb von Ronco wurde ich seiner Schiefe gewahr. Er weinte nicht. Aber die Mathematik hatte jegliche Heilkraft über ihn verloren, spürte ich. Er wusste sich bis über die Ohren opstipiert. Und doch wanderte er mit schwulistischem Ingrimm bergab, liess mich beinahe stehen und fiel seiner Mama in die Arme.

    Herr Szyndler kann Matteo nicht retten.

    Matteo ist nicht grün, er ist ein Dazwischen. Man greift daneben. Dabei müsste man Lehrer schlagen. Doch – rückwirkend – Hans Bissegger niederdosig einstreuen in Matteo Bibus‘ ungelebtes Leben! … Pfingstmärsche oberhalb Brissago! … Brusios Weinranken trimmen mit gefährlichen Klemmscheren! … Stihl-Vertreter mit flaumiger Oberlippe als zu Roncos vergifteten Kirchentauben gesellen.

    Herr Szyndler kann sich selbst retten, indem er Leoluca nie umtauft.

  2. Workaholic

    Das ist ja der reinste Lebenslauf, Jubelperser.

    Herr Szyndler hätte besser recherchieren können: Es ist erschreckend, wie wenig die heutigen Literaten bei der Abfassung ihrer eigenen Figuren recherchieren. Wenn sich da einer mehr als zwei Wochen Zeit nimmt für Recherchen oder für das Formulieren eines einzigen Satzes, muss man schon froh sein.

    Der Jubelperser sollte doch bitte seinen fiktiven Matteo-Bibus-Lebenslauf ausbauen und für einen der kommenden Texttage einschicken.

    Dann aber bitte mit Erklärung, was Amalfikröten nun schon wieder seien!

  3. Jubelperser

    Herr Szyndler

    Matteo lebt – vielleicht – nicht mehr. Mathematiker unterliegen der Sterblichkeit, man vergisst das. Sein Grünsein täuscht; da waren ermüdete Triebe. Müde Triebe sprechen deutlich gegen den Versuch, biografisch zu werden. Ich habe hier (Cardiff/Gestank/) einschlägige Erfahrung.

    Vorschlag: Wir entzünden gemeinsam eine veilchenlilafarbene walisische Kerze. Kerzen sind immerhin transnationale Trostspender! Matteo wird spüren, dass man an ihn denkt? Matteo war nie grün im politischen Sinn, er war bloss aufgeregt wie eine Hibiskusranke im Vorfrühling. Dann kam er unter die Räder, traurig.

    Wie Mama Bibus Matteo herzte – das bleibt mein Geheimnis.

    (Ich kaufe die Kerze bei Llewlellyn Bros. gleich um die Ecke (geruchsfrei, sehr unstudentisch)).

    Sind auch Sie Ronchesi, Herr Szyndler? Ihre Polnizität legt sich gewiss fürchterlich gern in den Vareser Windkanal -: Scindlèr!!

    Matteo liebte die Umformung, die nichts einträgt, nichts.

  4. Workaholic

    Ist man Statistiker, wie ich, vergisst man die ans Gewisse(n) grenzende Endlichkeitswahrscheinlichkeit nicht. Diesen Frühling habe ich aber noch keine einzige Hibiskusranke gesehen. Da hat sich noch gar nichts umgeformt, alles bleibt Unumgeformtes, Geheimes.

  5. gsz

    Lieber Jubelperser!

    Es ist doch hoffentlich recht, wenn ich der einleitenden Anrede eine gewisse Dringlichkeit verleihe, und eine Unvermitteltheit, von den Satzzeichen her.

    Ich habe nun zwei Tage den Verlauf des Austauschs hier beobachtet; aus der Ferne geschwiegen; zu verstehen versucht.

    Was ich immer noch nicht begreife, aber deutlich vorgeführt bekomme: Sie leben erst richtig auf im Nachhinein, die Figuren, die man sich als Schreiber erdenkt, erst in der Verselbstständigung durch aufmerksame Leser, die auch schreiben.

    Warum das so ist, ist mir ein Rätsel; Tatsache bleibt: erst, wenn sich Figuren gegen ihre Autoren wenden, kommt Leben in den Text, in den Unter-, Über-, Gegentext.

    Es ist wohl ein Kontrollverlust, an den man sich allenfalls lesend gewöhnen kann, gegen den man sich allenfalls lesend desensibilisieren kann; schreibend nicht. Da schreit es nur noch jäher auf.

  6. gsz

    @Workaholic

    Frei nach dem mathematisch verbrämbaren Motto:

    +++ Recherche = +++ Fiktion

    oder was?

    Das kann man sich ans Bein streichen; zu leben beginnen die Figuren ja doch erst nachdem man als Schreiber die Kontrolle verloren hat; über sie; über ihre Kontexte.

    Aber sich mehr als zwei Wochen Zeit nehmen für einen Satz, das ist schön, Workaholic: Und wäre es denn nicht auch etwas für Sie, wenn man so schaut, wie viele Kommentare hier stehen von Ihnen?

    Unumschränkte Zustimmung meinerseits dort, wo die hier vom Jubelperser skizzierte Vita ins Eigenständige gedacht wird, wo sie auf Kurzgeschichte, Novelle, Roman hin gedacht wird.

    Zeitnah kann gute Texte mit eigener Handschrift immer gebrauchen, zum Beispiel am Texttag.

  7. gsz

    Eigentümlicher Frühling dieses Jahr; statt murmelnde Bäche kesselnde Lungenflügel; statt unausgesetztem Vogelgezwitschter: Gurgeln und Zischeln aus dem Radiator.

    Wunderbares Bild vom Jubelperser: „Matteo war nie grün im politischen Sinn, er war bloss aufgeregt wie eine Hibiskusranke im Vorfrühling.“

  8. gsz

    Biografisch zu werden und schreiben wird aber schon hinlänglich gleichgesetzt; ein Wandschirm soll her, halb transparent, um dahinter aufzuführen an Schatten und Schemen, was die Novelle braucht, nicht, was der Stoffwechsel diktiert.

    Selbst erschrocken bin ich ja ein Stück weit: wie sehr diese Nebenfigur sich Geltung verschafft, sich Raum erschafft; der Anspruch war von Anfang an klar: Einen Satz nur gibt es für den Mathelehrer Matteo Bibus.

    Wie schon einmal vermerkt, dieses wunderbare Bild mit der einem ungewissen Frühling entgegen zitternden Hibiskusranke. Das sind unaufgeregte Bilder, die bleiben; virulent sind solche Bilder sehr: auf die lyrische, poetische, prosaische Art – von einem lesenden Schreiber zu einem schreibenden Leser. Bleibend.

    Sie scheinen im angelsächsischen Sprachraum Zuhaus? Bei Llewlellyn Bros., gleich um die Ecke?

    Vielen Dank auch für die unaufgeforderte Transkription meines Namens: Ein Tummelfeld zwischen Klang und Schrift, was, und, was – wie gut so!

  9. Jubelperser

    Ein Nebenjob gegen den Selbstverlust in Cardiff: Ich begleite meinen Sohn (Corgy) sonntags jeweils in die Unterweisung. Und heute kommt es so weit: Ich beobachte meinen Sohn (Welsh Corgy) dabei, wie er im Rücken der unschmalen Katechetin den Stinkefinger reckt, eine delikate Angewohnheit dieser Rasse. In Ihrer fröhlichen Schweiz, Herr Autor, mag das eine Freundesgeste sein. Hier im Südwesten eines schwierigen Landstrichs nur dies, eine nicht sachdienliche Frechheit. Ich schäme mich, allerdings vergeblich.

    Doch, erstaunlich, fällt mir auf – mein unerziehbares, namensbefreites Hündlein ‚verzeichnet‘ exakt denselben Fettglanzgehalt an oder in seiner Haarpracht wie Leoluca. Das heisst, das Leben (auch windiges, verlorenes in Südwestbritannien) ist verflucht erfinderisch. Mit der Konsequenz: Vorbild für meinen teuflischen Köter muss Leoluca, idealhündischer Gespane, sein.

    Mein Teufel wird unterwiesen. Ihrer auch?

    Jubeln Sie bittschön: Sobald Sie ‚Matteo‘ (vielleicht gar in schlafwandlerischer Kombination mit ‚Bibus‘) schreiben, hat das Leben für diesen normalischen Unhold bereits teuflisch vorgesorgt. Das heisst, Sie können entspannt Brezeln mit Kapernäpfeln essen gehen, weil es in der Welt, etwa in Neukaledonien, immer, immer drei, vier Ohrenpaare gibt, die gänzlich geputzt und auf Empfang sind, was die metaphore Kaustik Matteos angeht.

    ‚Matteo‘ ist der Unerfundene – was Ihre Leistung nicht schmälert.

    Cardiffs tramways verzeichnen Lautsprecher von der Form eines (nicht zwingend sterilen) Hundenapfs.

  10. gsz

    Auch in der Schweiz setzt sich der gehisste Mittelfinger länger und mehr als universeller Gruss durch; bereits verwendet man ihn in Trams Tramkontrolleuren gegenüber oder an Weinmessen, wenn nach langem Degustieren (ohne Spucknapf!), die Händler grantig werden und Preislisten zücken. Diese sympathische Geste nimmt mehr und mehr Alltagswelt ein.

    Zu den übrigen Einwänden.

    Leoluca duscht; dennoch wird ihm, es bleibt noch zu zeigen, der Kopf gewaschen. Den Fettglanzgehalt seiner Haarpracht optimiert Leoluca höchstens, um in den Tarnkappenmodus zu wechseln, nicht aufzufallen auf den Plätzen und Gassen der Stadt. Was korrumpierte Göthe-Zitate betrifft: „Des Rudels wahrer Kern hält sich von der Meute fern“.

    Tatsächlich zu leben beginnen Figuren wie Matteo Bibus schon vor dem ersten Wort: Hauptsache, der Name stimmt und trägt, ‚verhebt‘. Sonst verreckts. Übrigens steht auf dem Aufsatz von Leoluca Bissegger: ‚Leoluca Gwerder‚ als Autorenangabe. Hm. Es kann sein, dass die zu verhindernde Umtaufe schon lange stattgefunden hat, lieber Jubelperser.

    Trotzdem rechne ich mir als Autor Überlebenschancen aus; weniger kannibalistisch-kabbalistisch als ein Roman ist ja, bekanntlicherweise redet man sich das hoffungsvoll ein, eine Novelle.

    Auf Ende gedacht, sollte es sich auch zu Ende schreiben lassen.

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