Der lange Schatten Klaus Kinskis

Ein Portrait, das die dunkelste Seite von Klaus Kinski eröffnet: Pola Kinskis Autobiografie Kindermund ist eine ungeschönte Abrechnung mit dem übermächtigen Vater und Jahrhundertschauspieler.

zVg

“Kinski überhäufte seine ‘Engelchen’ mit teuren Geschenken und Ausflügen, verlangte dafür aber bedingungslosen Gehorsam, von der Kleidung bis zum Bett. Entsprachen sie nicht seinem Ideal – und das taten sie praktisch nie – waren Wutausbrüche und Strafen die Folge.”

Über manchen Familien hängt ein Schatten. Die Kennedys sind das wohl berühmteste Beispiel dieser Art, doch auch der Name Kinski beschwört immer noch zwiespältige Erinnerungen herauf. Mit Skandalen und Exzessen, herausragendem Schauspiel und nicht zuletzt einer schillernden Persönlichkeit prägte Klaus Kinski die deutsche Nachkriegsgeneration von Theater und Film. Bis auf die Tochter Nastassja blieben seine drei Kinder stets im Hintergrund – welche Untiefen sich darin verbargen, wird jedoch erst jetzt klar.

Pola Kinski beschuldigt ihren Vater, sie regelmässig vergewaltigt und missbraucht zu haben. Die Botschaft von Kindermund ist deutlich. Teils wird sie expressionistisch überzeichnet, doch angesichts der extremen Gefühlsperson Klaus Kinski (und dessen umstrittenen, selbst aufgezeichneten Inzest-Erfahrungen in Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund) lässt sich die bittere Wahrheit kaum leugnen. Im egomanen Leben des Vaters spielten die Nachkommen bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Sie wurden von ihm vergöttert, doch nur, solange sie seinen strengen Vorstellungen genügten.

„Tagsüber spielt mein Vater den Revolutionär in Doktor Schiwago, der für Freiheit und Menschenrechte kämpft, und abends macht er sich über sein Kind her.“

Solche Sätze prägen sich ein und zeigen, dass Klaus Kinski neben all seiner Exzentrizität und Selbstinszenierung die eigenen Töchter im Prinzip bloss als Ventile für Gelüste (miss)brauchte. Dennoch liebte er sie wörtlich über alles. Diese Paradoxa bilden den roten Faden des Buchs: Kinski überhäufte seine „Engelchen“ mit teuren Geschenken und Ausflügen, verlangte dafür aber bedingungslosen Gehorsam, von der Kleidung bis zum Bett. Entsprachen sie nicht seinem Ideal – und das taten sie praktisch nie – waren Wutausbrüche und Strafen die Folge.

Der Schatten Klaus Kinskis reicht bis ins 21. Jahrhundert. Kindermund lässt sich folglich weniger als Autobiografie bezeichnen, sondern vielmehr als Biografie. Pola Kinski war an ihren Vater gebunden, und dessen Leben zwischen Genie und Wahnsinn warf auch die Tochter von einem Extrem ins andere. Die Hassliebe liess sie erst spät einen eigenen Weg gehen. Sie verachtete und sehnte sich zugleich nach ihrem Vater, hoffte auf Liebe und bekam nur brutale Liebkosungen. Über zwanzig Jahre nach seinem Tod beherrscht die Persönlichkeit Klaus Kinskis dieses Buch, wie er zwanzig Jahre lang die eigene Tochter knechtete.

“Kindermund” von Pola Kinski
Gebunden, 267 Seiten
ISBN: 978-3-458-17571-1
Erschienen im Insel Verlag
ca. CHF 28.50

2 Gedanken zu “Der lange Schatten Klaus Kinskis

  1. Tobias

    Da bleibt einem prompt das Lachen über Kinskis legendäre Tobsuchtsanfälle im Hals stecken…

  2. gsz

    Welches Lachen, Tobias?

    Reden wir von denselben Wutausbrüchen?

    Bei denen packte mich immer das Grausen!

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