Wuthering Heights: Die Liebe aus der Einsamkeit

Literaturverfilmungen sind eine heikle Sache. Das Verfilmen von grossen Liebesromanen sowieso. Die Engländerin Andrea Arnold hat sich an „Wuthering Heights“ von Emily Bronte herangewagt und versucht, der Liebe auf den Grund zu gehen. – „Zeitnah“-Autor Andy Strässle bespricht die DVD eines sehenswerten Films.

Kaya Scodelario noch ohne Frisurprobleme...

Kaya Scodelario noch ohne Frisurprobleme …

Der Wind heult, er ächzt, er röchelt und pfeift, er seufzt und er schreit.  Er säuselt, raschelt, brüllt, er weht nicht, er fegt über die Hochmoore von Yorkshire. In „Wuthering Heights“ wird der Wind beinahe zum Hauptdarsteller des Dramas.

Bei der Präsentation von „Wuthering Heights“ in Cannes letztes Jahr erklärte Andrea Arnold:

„Für Emily Bronte ist ihr Roman wie ein Tagebuch gewesen. Wenn ich das gewusst hätte, so hätte ich den Film vielleicht gar nicht gemacht.“

Zum Glück hat die Regisseurin die Briefe der Schriftstellerin gelesen und die Gedanken in den Film einfliessen lassen.

Da Emily Brontes „Wuthering Heights“ („Sturmhöhe“) eine der grossen Liebesgeschichten der Literatur ist, wurde der Roman (1847 erschienen) unterdessen elfmal verfilmt. In Erinnerung bleibt vor allem der melodramatische Hollywoodfilm von 1940, der für einen Studiofilm mit herausragender Symbolik glänzte. Auch «Hurlevent» von Jaques Rivette erscheint als eigensinnige Interpretation des französischen Nouvelle-Vague-Filmers erwähnenswert. Schwerfälliger und vielleicht etwas gar stark auf die Tränendrüse drückt die letzte BBC-Mini-Serie von 1978. Dafür arbeitet die BBC – wie immer – besonders akribisch und zeigt auch den letzten Teil des Romans, als der verbitterte Heathcliff nach Cathys Tod glaubt, von ihrem Geist heimgesucht zu werden.

„Ich hätte auch nie gedacht, dass ich einmal einen Kostümfilm machen würde“, grinst Andrea Arnold in Cannes. Mag sein, sie hat mit „Wuthering Heights“ vieles gemacht, aber ganz sicher keinen Kostümfilm. Das ist die positive Überraschung. Arnolds Film wird in der ersten Hälfte dem Roman mehr als gerecht. Das Hochmoor von Yorkshire wird zu einem zeitlosen Schauplatz, menschliche Isolation, der Versuch der Befreiung durch eine allumfassende Leidenschaft werden zu einem Gleichnis, das der Zeit widersteht.

Es gelingt dem Film, die Essenz des Buches freizulegen, das Aufflammen der Liebe zwischen dem Waisenkind Heathcliff und der Farmerstochter Cathy zu ergründen und fast unangenehm deutlich spürbar zu machen, worauf diese beruht. Arnold benutzt die kargen Moore von Yorkshire, um eine innere Geografie zu erzeugen und nach der Einsamkeit der menschlichen Existenz zu fragen. Die Verbindung zwischen Cathy und Heathcliff ist Verlassenheit. Schonungslos zeigt Arnold auf, wie es Cathy in der Familie zu eng ist und wie Heathcliff, ein im Hafen von Liverpool aufgelesenes Waisenkind – obwohl es Gutsbesitzer Earnshaw wohl gut meinte – gar nie den Anschluss findet.

Vor allem in England wurde der Aspekt begrüsst, dass Heathcliff im Film ein Schwarzer ist, was dem Film gesellschaftspolitische Aktualität verleihe, doch übersieht die Kritik, dass auch Brontes Roman kaum gesellschaftskritischer sein könnte: Aussenseiter Heathcliff bekommt gar nie die Chance, sich irgendwo zu integrieren. Denn wie das Buch schildert der Film unerbittlich, wie Heathcliff in der engen Welt der kargen ländlichen Farm kleingehalten wird und wie ihn das zuerst verbittert und schliesslich von Cathy entfremdet. Die Verbitterung kann zunächst noch durch Träumereien und Liebe aufgefangen werden, die Entfernung zwischen einem aufblühenden und einem verkümmernden Teenager jedoch nicht mehr. Je mehr Cathy erwacht, umso sprachloser wird Heathcliff.

Der Wind röchelt, ächzt und seufzt, er scheint ein lebendiges Wesen, der die Menschen auf dem Moor nie alleine lässt. Er verfolgt sie bis in den Schlaf, wenn er nachts an den Fensterläden rüttelt. Die Leidenschaft, die zwischen beiden Protagonisten nicht stirbt, selbst als Heathcliff inzwischen wohlhabend nach Wuthering Heights zurückkehrt, um sich zu rächen, während Cathy an zuerst an ihn glaubt und dann an seiner Bitterkeit zerbricht, diese unkontrollierbare Leidenschaft in den wilden Winden und der Unwirtlichkeit der englischen Hochmoore, machen Brontes Roman zu einem grossen Liebesroman.

Der Film von Andrea Arnold schafft das nur beinahe. Während die erste Hälfte intensiv und sparsam die Tragik andeutet, wechseln die in der Mitte die Hauptdarsteller und die Beziehung zwischen den Beiden erscheint zwar schicksalhaft, aber zu verkürzt. Wirkte der Blick übers Hochmoor im ersten Teil des Films noch suggestiv, da er sagte, drinnen ist es nicht zum Aushalten, fragte, liegt da drausen die Freiheit, während es draussen zu kalt und zu bitter ist, um es auszuhalten. So entfalten die Blicke auf diesen oder jenen Hof im zweiten Teil nicht mehr diese Wirkung.

Gleichzeitig bleiben die Hauptrollen nach der Auswechslung seltsam blass: Als Mädchen und Pubertierende noch ein Wildfang, der sich ohne Bedenken mit Heathcliff im Schlamm wälzt, ist Cathy (Kaya Scodelario) plötzlich eine ätherische und schwindsüchtige Schönheit, die nur noch hauchen kann:

„Lass mich in Ruhe.“

Auch Heathcliff hat sich nach der Auswechslung der Schauspieler nicht zum Authentischen entwickelt. War er vorher noch ein stilles Wasser, so ist er jetzt einfach ein geschickter, aalglatter Geschäftemacher, bei dem man nicht glaubt, dass er leidet, wenn er Cathy mit der Schwester ihres Mannes betrügt.

... aber der Sturm kommt schon noch.

… aber der Sturm kommt schon noch.

Richtig, die Landschaft ist da ja auch noch. Kurz und gut: Der Film macht das perfekt. Er spiegelt konsequent das Innenleben seiner Figuren mit Bildern, die von Aussen kommen. Dabei verzichtet Arnold auf übertriebene visuelle Faxen und vertraut ihren Bildern. So ist die Wiedersehensszene, als der ausgewechselte Heathcliff auf die ausgewechselte Cathy wartet, mit dem frühlingshaften Licht zwischen den Pflanzen und schliesslich der aus dem Licht kommenden Cathy perfekt inszeniert. Und sicherlich einer der Momente, der alleine den Film sehenswert machen.

Aaaaabbbbbeeeerrrr:

Du hast es dann gesehen. Schicksalschläge, düsteres Moor, böser, blöder Heathcliff. Fortgeworfene Leidenschaft. Es ist dir egal. Wurst. Mag sein, auch Emily Bronte strapaziert im Roman die Geduld ein wenig. Doch bleibt das Buch spannend, weil es zwischen zwei Polen pendelt. Zwischen Cathys Hoffnung und Heathcliffs Bitterkeit.

Bronte stellt die Frage, ist Liebe möglich, wenn wir uns doch immer betrügen?

Der Roman gibt uns Ambivalenz, die Möglichkeit, im Glauben zu schwanken. Arnold lässt den Wind eisig um die Häuser pfeifen und du weißt, irgendwann wird er dich erwischen. Der Verdienst des Films dagegen ist ein gelungenes Porträt einer Liebe, die aus der Einsamkeit kommt. Der Film entwickelt dies unerbittlich und irgendwie auch zart. Man versteht die Verlassenheit der Figuren, versteht, was sie ineinander suchen und wenn man das Buch gelesen hat, versteht man auch, dass sie genau diese in der Einsamkeit gewachsene Verbundenheit nie mehr werden überwinden können.

Denn Cathy und Heathcliff, nimmt man sie aus Buch und Film zusammen, sind ein Paar, in dem jeder in der Einöde ganz reduziert auf sich selber war. Zusammenzusein war eine Notwendigkeit, kein Luxus. Ein Schicksal. Eines, das sie bis am Schluss nicht verstehen. So gesehen ist „Wuthering Heights“ von Andrea Arnold ein wichtiger Film. Und ein Wagnis, das sich für den Zuschauer lohnt. Vielleicht ist klar, dass sich ein solches Wagnis an der Kinokasse nicht auszahlt. Zwar startete „Wuthering Heights“ in England gut, fand aber etwa in Deutschland keinen Verleih. Aber mit der DVD geht es auch, es ist ein sperriges Erlebnis, aber ein Erlebnis. Und die Erinnerung daran, dass die Liebe manchmal aus der Einsamkeit kommen kann.

Saftige grüne Wiesen, stürmische Leidenschaft.

Saftige grüne Wiesen, stürmische Leidenschaft.

Einige Gedanken zu “Wuthering Heights: Die Liebe aus der Einsamkeit

  1. nds

    Stimmt nicht – der Film war in Basel im kult.kino zu sehen!

    Was stimmt: der Film ist absolut sehenswert!


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