Gatsby, grösser denn je

Eine Liebesgeschichte, glamouröse Partys und die Zwanzigerjahre, in denen sogar die Autos toll ausgesehen haben. Die minimalen Anforderungen an einen Filmplot erscheinen auf den ersten Blick geradezu optimal. Trotzdem wurde Gatsby bis heute nur viermal verfilmt. Hollywood scheiterte immer wieder daran, aus dem Roman ein Drehbuch zu machen, an der Frage, wie gross Gatsby sein soll. Im Buch ist er eine Projektionsfläche, eine Figur, so wurde es auch von der Literaturkritik bemängelt, die im Verborgenen bleibt, unzureichend charakterisiert wird. Aber gerade darin mag der Reiz für die Lesenden liegen, eigene Wünsche und Konflikte lassen sich auf den mysteriösen Gatsby übertragen.

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Je grösser die Wagen, je rauschender die Partys, desto sicherer der Kassenschlager? Oder wie? Oder was?

Eine Liebesgeschichte, glamouröse Partys und die Zwanzigerjahre, in denen sogar die Autos toll ausgesehen haben. Die minimalen Anforderungen an einen Filmplot erscheinen auf den ersten Blick geradezu optimal. Trotzdem wurde Gatsby bis heute nur viermal verfilmt. Hollywood scheiterte immer wieder daran, aus dem Roman ein Drehbuch zu machen, an der Frage, wie gross Gatsby sein soll. Im Buch ist er eine Projektionsfläche, eine Figur, so wurde es auch von der Literaturkritik bemängelt, die im Verborgenen bleibt, unzureichend charakterisiert wird. Aber gerade darin mag der Reiz für die Lesenden liegen, eigene Wünsche und Konflikte lassen sich auf den mysteriösen Gatsby übertragen.

 

Sieht zwar alt aus, ist es aber nicht. Das Filmplakat verspricht den grossen Gatsby in 3-D.

 

Der fünfzigjährige Australier Luhrmann hat Erfahrung mit literarischen Klassikern: Er hat William Shakespeares Romeo und Julia verfilmt. Die streitenden venezianischen Familien sind dabei moderne Gangster in einer zeitlosen Welt. Während der Film sicher nicht an Leonardo Di Caprio als Romeo scheitert und auch nicht an seinem Tempo und seinem frischen Blick, scheitert er nachhaltig an der Tragödie.

Mit dem Rhythmus eines Rap – und trotz (oder gerade wegen) den Versen des Barden – wirkt es im rasant komponierten Werk schlicht nicht tragisch, dass sich die Liebenden gefangen im Familienzwist am Ende selbst vergiften. Die Tragödie ist nicht traurig, weil man die Liebenden nicht kennt, sich nicht identifiziert. Kurz lernen sie sich an einer Party (!) kennen, müssen da aber noch einiges andere an Situierung und szenischen Einfällen bewältigen, bevor es zum zentralen Konflikt kommt. Da fährt der Filmemacher mit „Moulin Rouge“ besser, denn für den schmissigen Rhythmus der Revue erwartet niemand im Ernst eine Begründung für irgendetwas.

Auf der Höhe seines Ruhmes ist die Desillusionierung von „Gatsby“ 1927 auch seinem Autor auf den Kopf gefallen. In einer Suite im New York Plaza mit Blick auf den Central Park residierend, als glamouröser Partylöwe und Sprecher seiner Generation geltend, sprach F. Scott Fitzgerald in einem Interview davon, dass die Party bald vorbei sein würde. „Die Idee, wir seien das grösste Volk der Welt, weil wir am meisten Geld haben, ist lächerlich. Wartet nur, bis diese Welle des Wohlstands vorbei ist. Wartet zehn oder fünfzehn Jahre. Wartet auf den nächsten Krieg im Pazifik oder Unruhen in Europa. Die nächsten fünfzehn Jahre werden zeigen, wie viel Widerstandskraft das amerikanische Volk wirklich hat.“

Ungläubig und in launigen Worten wurde Fitzgerald 1927 dann als Berühmtheit, als populärer Schriftsteller, Drehbuchautor und als gewohnheitsmässiger Bewohner von luxuriösen Hotels und Palästen entlarvt.

Privat wusste Scott Fitzgerald jedoch genau, wie viel das Luxus- und Partyleben kostete, er kannte die Party und der Kater am nächsten Tag war ein vertrauter Feind. Obwohl ein Topverdiener, lebte er mit seiner Frau Zelda und Tochter Scottie in Frankreich, weil es dort billiger war. Nach dem Erfolg von „This Side of Paradise“ und der Eroberung von Zelda im zweiten Versuch schrieb er konstant gegen den Bankrott an. Sodass die Warnung, das am Ende alles seinen Preis hat, überhaupt nicht lächerlich gemeint war. Fitzgerald war zwar zu Gast in Palästen und Villen, trank Champagner in grossen Mengen, erfuhr aber am eigenen Leib, dass es nicht ewig so weitergehen konnte.

Am Ende macht ihn das zur grossen Literatur, den Gatsby: Er scheitert nicht am sturen Festhalten an seinem Traum. Er scheitert daran, dass er glaubt, er könne seinen Traum mit genug Geld und Wohlstand kaufen. Das Buch führt einen Moment moralischer Wahrheit herbei. Am Ende ist es nicht die vergebliche Liebe, die James Gatz betrügt, es ist nicht der Traum, der sich gegen ihn wendet; es ist der Irrglaube, Geld mache alles möglich und mit Geld sei alles erlaubt.

Dabei bleibt die Moral des Buches zynisch: Nach einer durchzechten Nacht in New York überfährt Daisy Buchanan im Morgengrauen die Frau eines Tankwarts und Garagisten im Valley of Ashes. Während sich Gatsbys Herzdame mit den Nerven am Ende in ihre Villa zurückzieht, ahnt sie nicht, dass sie die Geliebte ihres Mannes getötet hat. Als sich Gatsby unterdessen von der Liebe seines Lebens enttäuscht erstmals selbst an seinem Swimmingpool erholen will, wird er vom Tankwart erschossen, der ihn irrtümlich für den Fahrer des Unfallwagens hält.

 

Sieht zwar romantisch aus, wird aber tragisch enden – einer von beiden fahrerflüchtig, der andere tot geschossen.

Der Reichtum der Buchanans ist am Ende von „The Great Gatsby“ eine Wand, hinter den sich Daisy und ihr Mann zurückziehen, nachdem sie mit dem Feuer gespielt haben. Die Geliebte von Tom Buchanan ist tot, Jay Gatsby zahlt den Preis für Daisys Handeln. Die Rücksichtslosigkeit und die Kälte, mit der sie den unglücklich Verliebten die Konsequenzen tragen, machen das Buch unheimlich.

Mit den Filmen „Margin Call“ (zeigt den Bankenzusammenbruch) oder mit „Casino Jack“ (Geschäfte von Lobbyisten mit indianischen Casinos) hat Hollywood auf die ungezügelte Gier der Bush-Jahre geantwortet, doch „The Great Gatsby“ hat eine glänzende, romantische Oberfläche, sie verführt wie ein Traum, denn wer will dem Sommerabend widerstehen, wenn man tanzen kann und das Orchester noch Wünsche entgegen nimmt. Wer will sich schon fragen, woher der Champagner kam oder wie ihn bezahlen? Und schliesslich ist ein Film ja auch ein Geschäft. Und da ist der Glamour der Zwanziger Jahre, eine weltberühmte literarische Vorlage und Leonardo Di Caprio wohl ein ausreichendes Marketing-Instrument. Ob im Film oder im Leben: Gatsby behält wohl recht: „Ja, altes Haus, man kann die Vergangenheit wiederholen!“

Ungezügelte Geldströme auf Pump, Immobilienkrise, extrem ungerechte Verteilung des Wohlstands, das alles ist Ende der zwanziger Jahre schon einmal passiert. Gatsby ist nicht nur gross: Er ist auch unheimlich.


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