Gatsby, grösser denn je

Es schlägt die Stunde von Gatsby: In London und New York feierte das Stück „Gatz“ in den letzten beiden Jahren trotz acht Stunden Länge Triumphe. Ende Jahr kommt die 120 Mio. Dollar Neuverfilmung des Klassikers von F. Scott Fitzgerald in die Kinos.

Das ferne Blinken eines Leuchtturms. Der Rauch einer einsamen Zigarette. Die Party im Garten der Villa, die immer lauter und ausgelassener wird. Champagner, der in Strömen fliesst. Die Stille im Auge des Sturms. Er hat sich den amerikanischen Traum geholt, ist von James Gatz zu Jay Gatsby geworden. Und doch ist die Sehnsucht geblieben. Nach dem Licht, dem unerreichbaren Blinken. Die Sehnsucht nach Daisy Buchanan, die er liebte, als er sich noch keine Villa auf Long Island und kein Orchester für seine Partys leisten konnte. Die Liebe eines einfachen Soldaten zu einer Tochter aus gutem Haus.

 

Aus James Gatz wird Jay Gatsby, eine Leerstelle, Projektionsfläche. Der Rest ist Literatur.

 

Während „James Gatz“ den New Yorker Broadway und das Londoner West End in einer achtstündigen Version erobert hat, bei der der gesamte Text des Romans gelesen wird, ist der Trailer von Baz Luhrmanns Gatsby mit rund zweieinhalb Minuten einiges kürzer. Während alle vier bisherigen Verfilmungen des Klassikers –inklusive einem verlorenen Stummfilm  – als gescheitert gelten, erscheint Luhrmanns New York der 20er Jahre spektakulär, das in 3D und im australischen Sydney am Computer programmiert. Und der Trailer erscheint opulent untermalt mit einem Soundtrack vom Rapper und Produzenten Jay-Z, ohne dessen Sound im Moment fast kein Hollywood-Film auskommt. Im Technorhythmus flimmern die Motive der Zwanziger Jahre in Amerika vorbei und schon jetzt wird klar, Luhrmanns Markenzeichen opulente Bilder und rhythmisch gekonnte Szenenwechsel werden auch bei Gatsby nicht fehlen.

 

Ob Leonardo di Caprio genug Raum lässt für den grossen Gatsby?

 

„Du kannst die Vergangenheit nicht wiederholen, altes Haus“, beginnt ein Dialog in F. Scott Fitzgeralds Klassiker und die Antwort: „Aber natürlich, natürlich kann man das!“, lautet die Antwort von Jay Gatsby , der endlich während der amerikanischen Prohibition als Schnapsbrenner reich geworden ist. Doch nicht der Reichtum oder die dubiosen Geschäfte machen Gatsby gross, sondern seine berühmten sommerlichen Partys, mit denen er seine ehemalige Geliebte anlocken will. Als Gastgeber bleibt er dabei immer im Zwielicht, bis er zur New Yorker Legende, zum „The Great Gatsby“ wird. Ja, ja, will man rufen – die Vergangenheit wiederholt sich, wenn man das Buch heute wieder liest. Denn die Frage nach der Identität, der Wunsch nach einem anderen Entwurf der Vergangenheit scheinen den Gesellschaften der westlichen Welt in der Krise gemein zu sein.

Nach der Party folgt der Kater, nach dem Versprechen des Aufbruchs der Zusammenbruch. In den Worten von Fitzgerald: „Es gibt keine amerikanische Tragödie, höchstens ein grosses Versagen.“ Fitzgerald, zermürbt vom Partyzeitalter, spielt damit darauf an, dass es zur Tragödie Einsicht, Reflexion und gar Reue braucht, doch Amerika scheint ihm dazu zu oberflächlich, gefangen im falschen Versprechen eines Goldrausches.

Laisser-Faire

Als „The Great Gatsby“ 1925 in Amerika erschien, standen die „goldenen Zwanziger“ in den USA in voller Blüte, gleichzeitig prägte der republikanische Präsident Coolidge für die Wirtschaft den Begriff „Laisse Faire“ für einen selbstregulierenden Kapitalismus, in dem die amerikanische Wirtschaft sprunghaft wuchs, aber letztlich auf Pump. Der Börsencrash 1930 ähnelt denn auch demjenigen, der vor fünf Jahren die weltweite Finanzkrise auslöste: Am schwarzen Donnerstag brach die Börse zusammen, die Banken gingen reihenweise Pleite und auch damals wurden die Leute überschuldet aus ihren Häusern geworfen.

Auch bei Baz Luhrmanns Neuverfilmung scheint sich die Vergangenheit zu wiederholen, wie der Trailer vermuten lässt. Im Film, der Ende Jahr in die Kinos kommen soll, spielt Leonardo di Caprio Gatsby. 1974, bei der letzten Kinoverfilmung und der zweitletzten Verfilmung, wurde Robert Redfords Rolle stark kritisiert. Schon 1974 fand die Kritik, Gatsby sei zu einfach, zu wenig vielschichtig dargestellt. Das gleiche Schicksal scheint nun Di Caprio zu ereilen. Zu offensichtlich, zu offensiv und zu eindeutig wird die Figur gezeichnet. Gatsby scheint seine Grösse zu verlieren, wenn man versucht, seine inneren Konflikte auszuagieren.

Echo des „Jazz Age“

„Der grosse Gatsby“ war bei seinem Erscheinen Mitte der Zwanzigerjahre weder in England noch den USA ein Knüller. Das dritte Buch von Fitzgerald galt zwar bei der Kritik bald als Meisterwerk, doch der grössten Teil der Auflage von 23’000 Büchern sollte zu Fitzgeralds Lebzeiten im New Yorker Lagerhaus des Verlegers Charles Scribner & Sons Staub ansetzen. Durch den schnellen Erfolg des Erstlings „This Side of Paradise“ war F. Scott Fitzgerald berühmt geworden und schrieb für die damaligen Hochglanzmagazine Kurzgeschichten, die die goldenen und überdrehten Zwanziger Jahre in Amerika beschrieben.

Literarisch greift die Beschreibung sicher zu kurz, aber mehr als Hemingway oder Dos Passos galt Fitzgerald als Sprachrohr des „Jazz Age“, soziologisch gesehen das Zeitalter in dem das Petting in auf Pump gekauften Autos sexuelle Freiheit versprach und gleichzeitig die amerikanische Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufzurappeln versuchte. Heute versucht sich die Welt aufzurappeln, ökonomisch stürzt die „Laisser-Faire“-Wirtschaft die Welt in eine Dauerkrise und während Jay Gatsby  Sommerabende lang auf seiner Veranda rauchte und einen Leuchtturm anstarrte, ist es heute das fahle Licht eines Bildschirms, das die Sehnsucht auf uns zurückwirft.

Dass Gatsby wieder zurückkommt, ist kein Zufall: Denn Gatsby als Figur verkörpert weniger den Traum vom sozialen Aufstieg, vielmehr verspricht er die Möglichkeit, sich selbst zu erfinden. In einer der poetischsten Passagen beschreibt Erzähler Nick Carraway wie sich die holländischen Seeleute nach einer langen Überfahrt auf Long Island gefühlt haben müssen: „Ihre Augen sahen die frische grüne Brust einer neuen Welt. Einen kurzen erleuchteten Moment lang hat der Mensch beim Anblick eines neuen Kontinents den Atem angehalten, gefangen in einer ästhetischen Betrachtung, die er weder verstand noch wünschte, ein letztes Mal von Angesicht zu Angesicht mit etwas in der Geschichte, was seinem ganzen Vermögen sich zu hinterfragen entsprach.“

Aber natürlich sind die Bäume gefällt, da, wo die holländischen Einwanderer hinblickten, steht nun Gatsbys Villa und die Frage ist beantwortet.

„Als ich da sass und über die alte, unbekannte Welt nachdachte, stellte ich mir Gatsbys Überraschung vor, als er zum ersten Mal das grüne Licht am anderen Ende der Bucht sah. Es war ein langer Weg gewesen in diesen Garten im blauen Mondlicht und sein Traum muss so nah erschienen sein, so nah, dass er ihn fast ergreifen konnte.“

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