Eco erzählt Märchen

„Es war einmal ein Atom.“ Bereits der erste Satz in Umberto Ecos Sammlung von insgesamt drei Geschichten verblüfft und vermittelt das Gefühl, dass der ansonsten für komplexe Unterhaltung bekannte Autor hier einen etwas anderen, einfacheren Ton anschlägt. Durchaus beabsichtigt, denn schliesslich handelt es sich um ein Kinderbuch – wir haben hier weder das prächtige Mittelalterpanorama aus Der Name der Rose noch Verschwörungsgeflechte wie in Der Friedhof von Prag vor uns.

Dennoch werden Eco-Kenner bereits nach diesem ersten Satz ahnen, dass der Autor ernst zu nehmende Themen anspricht.

Atomkrieg, Intoleranz, Umweltverschmutzung … Eco nimmt sich die grossen Brennpunkte unserer heutigen Welt zum Thema, und wie bei jedem anderen Kinderbuch kommt unweigerlich die Frage auf, ob solche Probleme überhaupt kindgerecht behandelt werden können. Wie bringt man einem Kind am besten die Schrecknisse einer Atombombe nahe? Wie den Wettlauf ins All, den sich Russland und die Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges lieferten? Ganz einfach: Man verwandelt die realen Konflikte in Märchen.

Wenn die Atome nicht mehr wollen

Alle drei Geschichten beginnen klassisch mit „Es war einmal …“. Sie erzählen von unglücklichen Atomen, die nicht in Atombomben gesteckt werden wollen, von singenden Kosmonauten, die auf einem bewohnten Mars oder anderen fernen Welten landen. Anders als in Volksmärchen wird jedoch betont, dass die meisten Figuren weder eindeutig gut noch eindeutig böse sind, sondern beides ein bisschen.

In der ersten Geschichte Die Atome spielen nicht mehr mit treffen wir noch auf einen bösen General, der Atombomben sammelt und den Weltkrieg entfachen will (selbstverständlich wird er am Ende bestraft). Die Menschen in den anderen beiden Geschichten Die drei Kosmonauten und Die klugen Gnome von Gnu sind vielschichtiger und grundsätzlich ambivalent. Ein Weltraumforscher reist nach Gnu mit der Absicht, den dortigen „primitiven“ Gnomen die technischen Errungenschaften der Erde bringen zu wollen – dass die Gnome jedoch solche Dinge nicht nur nicht brauchen, sondern ohne sie sogar besser zurechtkommen und gesünder leben, leuchtet ihm erst nach und nach ein. Die Botschaft, welche die Geschichten vermitteln, ist sowohl für Erwachsene wie auch Kinder klar: Es geht um Toleranz und die Fähigkeit, über sich hinauszudenken. Andere Perspektiven sind manchmal schwierig zu verstehen, aber deswegen nicht von vornherein schlecht, egal ob es sich dabei um Chinesen und Amerikaner oder Erdlinge und Marsianer handelt.

Leiser Humor in Wort und Bild

Eco inszeniert seine modernen Märchen mit verschmitztem Humor, ohne gross zu moralisieren oder den ernsten Hintergrund zu vernachlässigen. Die Illustrationen von Eugenio Carmi ergänzen den einfachen und doch tiefen Kern der Geschichten; seine Collagen aus Zeitschriftenausschnitten und Wasserfarben erinnern im Stil stellenweise an Saint-Exuperys Le petit prince und lassen genügend Freiraum für die eigene Fantasie.

Geschichten für aufgeweckte Kinder ist eine humanistische Botschaft, in einem Kinderbuch verpackt, gleichermassen geeignet zum Vor- und Selberlesen (neben Kindern wäre auch so manchem Erwachsenem die eine oder andere Geschichte ans Herz zu legen). Das Buch thematisiert Probleme, die weit übers Kindesalter hinausgehen und nicht nur das heutige Weltgeschehen beeinflussen – subversiv und mit leisem Humor, wie man es von Eco gewohnt ist.

 

Eco inszeniert seine modernen Märchen mit verschmitztem Humor, ohne gross zu moralisieren oder den ernsten Hintergrund zu vernachlässigen. (zVg)

 

„Geschichten für aufgeweckte Kinder“

von Umberto Eco. Übersetzt aus dem Italienischen von Elise Dinkelmann. Illustriert von Eugenio Carmi. 112 Seiten. ISBN: 978-3-446-24007-0. CHF 21,90. Erschienen am: 27.08.2012
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