Geschichte auf eigene Faust, mit und für Menschen

Von Jonas Stöckli

Heiko Haumann, der emeritierte Professor für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte am Historischen Seminar der Universität Basel, legt zwei Bände vor, die dazu einladen, Geschichtsschreibung mit und für die Menschen zu machen. Haumann ermuntert uns, unsere Bilder von Geschichte auf eigene Faust zu erkunden. – Jonas Stöckli hat für «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» Heiko Haumanns anregenden Bände «Lebenswelten und Geschichte» sowie «Schicksale. Menschen in der Geschichte» gelesen und besprochen.

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Durch die Beschäftigung mit anderen Lebenswelten, so Haumann, «erweitert sich mein Erinnerungsbestand, der ‚Horizont’ meiner Lebenswelt».

Geschichte sollte gelebt, nicht in Schubladen abgelegt werden. Geschichtsschreibung sollte, in Regierungsrätin Eva Herzogs Worten, «mit den Menschen und für die Menschen» gemacht werden: So, wie es Heiko Haumann macht. Zu oft jedoch verkümmert die Beschäftigung mit der Geschichte, mit den «Lebenswelten» vergangener Zeiten, in der öffentlichen Wahrnehmung zu reisserischen Neu-Inszenierungen. Die Leidenschaft für den genauen, sezierenden Blick in die Geschichte fehlt oft. Was nach drei Zeilen noch nicht auf den Punkt gebracht und in Tuchfühlung zur Gegenwart gesetzt ist, löst Nasenrümpfen aus. Zu selten wird die Auseinandersetzung mit vergangenen Zeiten genutzt, um den eigenen «Erinnerungsbestand» zu erweitern und sich dadurch zu feien gegen Gleichsetzungen historischer Prozesse mit durchschlagenden Narrativen, die das Bewusstsein prägen und damit nicht eben zur Differenziertheit geschichtswissenschaftlicher Diskurse beitragen.

Geschichte und Lebenswelt

Die Bände «Lebenswelten und Geschichte» sowie «Schicksale. Menschen in der Geschichte» enthalten ausgewählte Schriften des Historikers Heiko Haumann, welcher in seinen Arbeiten unter anderem den Begriff «Lebenswelt» neu gefasst hat. Haumann versteht seine methodische Herangehensweise als

«[…] Schnittstelle zwischen individuellen Gefühlen, Wahrnehmungen, Denk- und Verhaltensweisen auf der einen Seite und strukturellen Einflüssen sowie einem Netz gesellschaftlicher Beziehungen, Zusammenhänge und Mechanismen auf der anderen.»

Dieser Ansatz fragt nach Wahrnehmungen, Motiven und Handlungsspielräumen von Individuen und führt mit ihnen ein Gespräch. Diese Gespräche können fiktiv sein, entworfen anhand von Selbstzeugnissen oder anderen Quellen. Darüber hinaus können Passagen tatsächlicher Interviews aus der Tradition der «mündlichen Geschichte» («oral history») Grundlage des Gesprächs sein. So können Historikerinnen und Lesende selbst «probehandeln»: Dabei geht es darum, dass man nachzuvollziehen versucht, wie und warum man an der Stelle des tatsächlich handelnden, historischen Akteurs gehandelt hätte. Aus der Perspektive des historischen Subjekts blicken wir auf historische Prozesse und Strukturen.

Lebensgeschichte im zwanzigsten Jahrhundert

In einem der Aufsätze geht Haumann den Spuren des Freiburger Lederhändlers, Musikliebhabers und SPD-Politikers jüdischer Herkunft, Max Mayer (1873-1962), nach. Anhand seines Lebensweges setzen wir uns mit Aspekten der Freiburger Regionalgeschichte, mit Assimilierungsprozessen und Antisemitismus auseinander. Die Lebensgeschichte Mayers zeigt das Aufkommen des nationalsozialistisch geprägten Antisemitismus anhand von konkreten Auswirkungen, die in einem spätem Entschluss zur Emigration mündeten. Der in einem jüdischen Elternhaus aufgewachsene Max Mayer fühlte sich dem Reformjudentum zugehörig und war – begünstigt durch eine gute Integration der jüdischen Gemeinde in Freiburg – sosehr assimiliert, dass er als «Jude und deutscher Patriot» in den Ersten Weltkrieg zog – was kein Einzelfall war.

Die Judenzählungen (staatlich angeordnete, statistische Erhebungen zum Anteil der Juden in der Deutschen Armee) sowie eine aufgrund seiner jüdischen Herkunft gescheiterte Aufnahme in den Offiziersunterricht, stellten Mayers Patriotismus auf eine harte Probe. Obwohl sich Mayer zunehmend seinen jüdischen Wurzeln bewusst wurde, fühlte er sich weiterhin integriert. Von 1911 bis 1933 war er als Stadtverordneter Mitglied im Bürgerausschuss, 1919 wurde er gar zum stellvertretenden Obmann gewählt. Auch als Lederwarenhändler war Mayer verwurzelt – um die Jahrhundertwende hatte er die Initiative ergriffen und eine Zusammenarbeit der Freiburger Lederhändler in Sachen Preisgestaltung angeregt.

Glaube an friedliches Miteinander

Als 1920 die «Süddeutsche Schuh- und Lederzeitung» einen antisemitischen Artikel publizierte, kündigte Mayer seine dort erscheinenden Geschäftsanzeigen. In der sozialdemokratischen Zeitung «Volkswacht» engagierte er sich 1932 in einem Artikel gegen den Antisemitismus. Eine Rede gegen das Schächtungsverbot hatte er bereits vorbereitet – doch Mayers Heimat Freiburg zog dessen Einführung gar nicht in Betracht. Hier zeigt sich der Einfluss der nationalen Politik auf die Region exemplarisch, als 1933 die neue Reichsregierung unter Hitler das Schächten verbot. Mayer glaubte noch immer an die Möglichkeit eines friedlichen Miteinanders, sah die Lage aber durchaus kritisch. Deswegen engagierte er sich – erfolglos – für eine vorübergehende Zusammenarbeit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) mit der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Im März 1933 wurde Mayer zusammen mit anderen SPD-Mitgliedern mehrere Tage in Schutzhaft genommen. Als die Nationalsozialisten auf den 1. April dieses Jahres zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, kamen – trotz eines Wachpostens vor Mayers Geschäft – zahlreiche Kunden. Um seine Angestellten und die solidarischen Kunden nicht zu gefährden, schloss Mayer nach den Warnungen zweier Offiziere der Sturmabteilung (SA) sein Geschäft – wenige Tage später trat er aus dem Bürgerschuss zurück.

Wie Max Mayer wurden auch andere Deutsche jüdischer Herkunft zunehmend mit ihrem «Jude-Sein» konfrontiert. Der Mann von Mayers Schwester Lilly war ursprünglich Assimilationsanhänger gewesen, wurde aber nun zum Zionisten und wanderte mit seiner Frau nach Palästina aus. Auch Max Mayers Sohn emigrierte 1934, nachdem er seinem Beruf als Optiker nicht mehr nachgehen konnte. Für Max Mayer kam die Auswanderung noch immer nicht infrage – in seinen Erinnerungen beschreibt er, wie sein Judentum nun zu einer «Trutzburg» wurde, die ihm Kraft gab, dem Druck der Nationalsozialisten zu widerstehen. Die Diskriminierungen nahmen in der Folge weiter zu und betrafen auch Mayers ökonomische Existenz. Als die Kunden zunehmend die Aufträge einstellten, verkaufte Mayer seinem Freund und Angestellten Eugen Rees sein Geschäft und betrieb nur noch ein bescheidenes Exportledergeschäft ins benachbarte Frankreich (solange er noch Visa für Kundenbesuche im Elsass erhielt).

Wochen in Dachau und späte Flucht

Am 10. November 1938 brannte in der «Reichskristallnacht» auch in Freiburg die Synagoge und Freiburger Juden wurden verhaftet. Mayer erinnerte sich an die «teilnehmende[…] würdige[…] Haltung» der zusammengelaufenen Menge in Freiburg, welche er als «eine Kritik in tiefem Schweigen» interpretierte. Die folgenden vier entwürdigen Wochen in Dachau liessen seinen Entschluss zur Emigration reifen. Unter Vorwänden bereicherte sich das nationalsozialistische Regime an den Juden, wie beispielsweise durch den Zwangsverkauf (zu von den Nazis bestimmten Preisen) von Gold und Schmuck oder einer «Reichsfluchtsteuer». Zur Finanzierung der Emigration musste Mayer sein Haus verkaufen. Doch er durfte das Eigenheim nicht wie gewünscht seinem Freund Eugen Rees zum Kauf anbieten, sondern die Stadt bekam ein Vorkaufsrecht auf das städtebaulich interessante Gebäude – und bezahlte einen schlechteren Preis. Weil das Visum für die Schweiz auszulaufen drohte, verkaufte Mayer. Das Geld kam – nach Abzug von ausstehenden Sondersteuern wie der «Reichsfluchtsteuer» – auf ein gesperrtes Konto, welches später von den Nazis beschlagnahmt wurde. Nach weiteren bürokratischen Hürden und Schikanen gelang am 1. September – dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen – die Auswanderung in die Schweiz und von dort in die USA. In Deutschland wurden Max und seine Frau Olga Mayer 1940 ausgebürgert. In den USA, wo das Ehepaar mit Entsetzen die Judenverfolgung in Europa in den Zeitungen verfolgt hatte, erhielten sie 1947 das volle Bürgerrecht.

Vergessen als Kapitulation

In den USA baute sich das Ehepaar Mayer eine neue Existenz auf. Nach dem Krieg besuchte Mayer seine alte Heimat Freiburg im Breisgau, welche er nun anders sah: Die deutsche Staatsbürgerschaft wollte er nicht mehr annehmen.

«Unsere im Dritten Reich treu und sauber gebliebenen Mitbürger haben nichts gutzumachen. Und wenn Einer der Anderen uns die Hand wieder reicht und damit eine Art Selbstreinigung ausdrücken will, so würde ich die Hand nicht zurückweisen. Dass aber in seiner Person, symbolisch, sich die Mitschuld manifestiert an der Ermordung von sechs Millionen Juden, wird durch meinen Handschlag nicht entkräftet. […] Vergessen [ist] nichts anderes als eine neue Kapitulation.»

Max Mayers Lebensgeschichte ist individuell und einzigartig, dennoch sind dessen Entscheidungen mit den Strukturen und Prozessen seiner Umwelt, die in einem weiten weltgeschichtlichen Zusammenhang stehen, eng verknüpft. Es handelt sich weder um Mikrogeschichte, die Mayer zu einem Objekt macht, noch einfach nur um ein Beispiel zur Illustrierung von Erkenntnissen, welche wir aus der Makrogeschichte kennen. Der viel beschworene Gegensatz zwischen Mikro- und Makrogeschichte überwindet Haumann mit der lebensweltlichen Perspektive, indem er durch die Wahrnehmung des Subjekts Max Mayer auf die Strukturen schaut, welche dadurch in neuem Licht erscheinen. Haumann beschäftigen Fragen wie:

Wie wirken aufkommende antisemitische Stimmungen – zum Beispiel das ‚Zum-Juden-gemacht-werden’ – auf Mayers Selbstwahrnehmung? Wie wirkt sich seine Selbstwahrnehmung auf seine Entscheidungen aus?

Wir gewinnen Kenntnisse über die alltäglichen Schwierigkeiten, welche die rassistischen Diskriminierungen mit sich brachten. Wir erfahren, wie die Bereicherung der Nazis an jüdischen Vermögen in der Praxis funktionierte, wie sich die Menschen in Mayers Umgebung verhielten und warum er sich zeitlich so knapp vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erst – gerade noch rechtzeitig – zur Emigration entschliesst und sich in Sicherheit bringt.

Grosse Prozesse aus Sicht von Zeitgenossen

Nicht zuletzt erfahren wir anschaulich, was «grosse historische Prozesse» für Menschen bedeuten konnten, wie sie die überlieferte an uns Nachgeborenen gekommene «Geschichte machten und erlitten». So können wir erkennen, wie Menschen auf Ereignisse reagierten, wie Veränderungen in Lebenswelten Handlungen auf weiterreichender, gar weltpolitischer Ebene beeinfluss(t)en – kurz, wie Menschen Geschichte machten: Beispielsweise, wie Diskriminierungen assimilierte Bürgerinnen und Bürger jüdischer Herkunft dazu bewegt haben, das «Jude-Sein» neu in ihren Identitäten zu suchen und zu finden. Das Engagement für den Zionismus ist nur eine (nicht Max Mayers gewählte) weitwirkende Möglichkeit von mehreren. Wir wechseln nicht nur zwischen lebensgeschichtlichen sowie alltäglichen Prozessen einerseits und politischen, mentalitäts- und sozialgeschichtlichen andererseits hin und her, sondern auch zwischen unseren Ansichten und denjenigen des historischen Subjekts. Wir versuchen, von Haumann angeregt und darin geschult, uns einzufühlen:

Wie hätten wir gehandelt?

Was bedeutet für uns – hier und heute – Heimat?

Haumann lädt uns in seinen zwei Bänden dazu ein, in über fünfzig ausgewählten Schriften (vom Umfang bis zu 48 Seiten), uns mit Fragen zur Geschichte und deren Bedeutung für historische Subjekte und für uns selber zu beschäftigen. Die dargestellten Themen reichen von methodischen Ausführungen über Lebenswelten vom Mittelalter bis in die Neuzeit – dabei spielen osteuropäische und (ost-)jüdische Schicksale sowie Lebenswelten aus der Regionalgeschichte des oberrheinischen Gebiets eine prägende Rolle.

Geschichte im Dialog

Die Bände und Aufsätze können in verschiedener Reihenfolge gelesen werden. Die Anordnung untersteht nicht streng einem einzigen Kriterium, sondern ist je nach Einschätzung des Autors teilweise nach geschichtlichen Themen, Entstehungschronologie oder Methodik gruppiert. Dennoch ermöglicht die Art der oben angedeuteten Herangehensweise einerseits sowie die Entwicklungen der Argumentationsstränge des Autors andererseits, einen roten Faden mit erfrischenden Abzweigungen. Beim Lesen von Haumanns Büchern befinden wir uns im Dialog mit historischen Subjekten von verschiedenen Orten und aus verschiedenen Zeiten, mit verschiedenen Ansichten und Geschichten, mit unseren Erinnerungen und Wahrnehmungen der Welt sowie unserer Identität, aber auch mit den Gedankengängen, Erlebnissen und Ansichten des Historikers und Menschen Heiko Haumann.

Geschichte als Hinterfragen und Selberdenken

Wer eine festgesetzte, allgemein anwendbare und zugleich konkrete Vorgehensweise zum Umgang mit historischen Quellen und mit der Vergangenheit erwartet, wird enttäuscht. Wer allerdings Anregungen, beispielhaft dargestellte (durchaus konkrete, aber gegenstandsangemessene) Vorgehensweisen und (auch allgemeine) Richtlinien sucht, wird in Haumanns Büchern fündig. Die Lesenden sind aufgefordert, selbst zu hinterfragen, weiterzudenken und den Sinn, welche Geschichten für uns hier und heute haben, in einem unabgeschlossenen Prozess zu erarbeiten. Die Bücher sind spannend, weil wir uns einfühlen, nachvollziehen, probehandeln und zu verstehen versuchen können. Durch die Beschäftigung mit anderen Lebenswelten, so Haumann, «erweitert sich mein Erinnerungsbestand, der ‚Horizont’ meiner Lebenswelt». Dadurch können wir uns eine «Stärkung des Ichs», die nicht auf «vorgegebene[n] Identifikationen, das Bewusstsein verformende[n] Prägungen» basiert und damit weniger anfällig für autoritäre Strukturen ist, weiter zu entwickeln versuchen.

Haumann, Heiko: Lebenswelten und Geschichte. Zur Theorie und Praxis der Forschung. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2012. Fr. 78.90

Haumann, Heiko: Schicksale. Menschen in der Geschichte. Ein Lesebuch. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2012. Fr. 53.90

 

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